Feiertag, 01.03.2020

von P. Ralf Huning SVD, Wittlich

„Ich muss nicht beten können!“ Wie eine Kapitulation mir neue geistliche Wege eröffnete

Wie geht beten? Geht es darum, Rosenkränze abzubeten, Vaterunser runter zu rattern oder in Selbstgesprächen Gott zu suchen? Beten scheint jedenfalls manchmal anstrengender als es aussieht – dabei ist es ganz einfach.

© Rodolfo Clix von Pexels

Können Sie eigentlich beten? Entschuldigung, dass ich so direkt frage. Aber wir Christen haben gerade die Vorbereitungszeit auf das Osterfest begonnen – die Fastenzeit. In diesen Wochen sollen wir uns mehr Zeit als sonst für das Gebet nehmen. Viele Menschen versuchen das auch. Doch schon nach wenigen Tagen stellen sie mit Erschrecken fest, dass das mit dem Beten gar nicht so einfach ist. Alles andere erscheint ihnen plötzlich wichtiger. Wenn sie dann mit dem Beten beginnen, fühlen sie sich schnell abgelenkt. Ständig kommen ihnen irgendwelche Gedanken in den Sinn. Wenn sie dagegen ankämpfen und versuchen, sich auf ihr Gebet zu konzentrieren, kostet das viel Kraft und sie ermüden bald. Beten ist dann einfach nur anstrengend und macht wenig Freude. Wie das halt mit Dingen ist, die wir aus Pflichtgefühl heraus zu erledigen versuchen. Es fällt vielen Menschen deshalb schwer, ihrem Vorsatz treu zu bleiben.

Ich kenne das alles nur zu gut. Für mich war es eine wirkliche Befreiung, als ich zu der Erkenntnis kam, dass es beim Beten auf meine Anstrengung gar nicht ankommt. „Ich kann nicht beten!“, so ging es mir irgendwann auf. Als ich das begriff und trotzdem weiter betete, veränderte sich etwas. Seitdem wurde das Beten leicht. Seitdem dauern meine Gebetszeiten viel länger als früher.

Was ist beten überhaupt?

Ich weiß, das alles klingt jetzt ziemlich paradox. Viele meiner Bekannten waren erst einmal irritiert, als ich ihnen von meiner Erkenntnis erzählte. Du kannst nicht beten? fragten sie unverständig nach. Aber du betest doch jeden Tag! Du bist doch ein katholischer Priester und Ordensmann. Wie kannst du da einfach behaupten, du könntest nicht beten?

Ich verstehe ihre Einwände. Aber es stimmt, was ich da behaupte. Ich kann das nicht. Ich denke, es ist an der Zeit, dass ich erst einmal sage, was ich unter Gebet verstehe. Es gibt ja viele Weisen, wie Menschen beten. Manche sprechen dabei viele Worte, andere werden ganz still. Für mich kommt es beim Beten vor allem darauf an, mit Gott in Beziehung zu treten. Darum geht es mir, wenn ich bete. Ich möchte Gott mitteilen, dass ich an ihn denke. Und ich möchte eine Antwort von ihm.

Beten oder Selbstgespräche führen?

Eine Beziehung aufnehmen zu Gott. Ganz einfach ist das nicht. Denn Gott ist jemand, der ganz anders ist als wir Menschen. Wir können ihn nicht sehen, nicht hören, nicht berühren. Viele Menschen beten, indem sie Gott mit Worten direkt ansprechen. So habe ich das auch bereits in meiner Kindheit gelernt. Das Problem ist aber: Gott antwortet uns nicht auf die gleiche Weise. Ich zumindest habe niemals eine Stimme vom Himmel gehört. Deswegen hatte ich beim Beten oft den Eindruck, einfach nur ins Leere hinein zu sprechen. In mir kam der Verdacht auf, dass ich beim Beten nur Selbstgespräche führe. Das wollte ich nun wirklich nicht. Aber ich wurde die Sehnsucht nicht los, mit Gott in Beziehung zu treten.

Irgendwann habe ich mir eingestehen müssen: Auch mit den besten Methoden, auch mit der größten Anstrengung kann ich das nicht erreichen. Gott scheint mir fern zu bleiben, obwohl ich mich doch so sehr bemühe mit meinen Gebeten. In der Bibel las ich, dass Jesus oft davon gesprochen hat, dass wir ganz sicher sein könnten, dass Gott uns nahe sein will. Wie kann ich das aber erfahren, fragte ich mich. Wie kann mein Gebet zu einer echten Begegnung mit Gott werden, wenn ich das auch mit großer Anstrengung nicht bewirken kann?  Diese Frage ließ mich nicht los.

Wie Gott antwortet

„Ich kann nicht beten.“ Ich bin sehr froh, dass ich zu dieser Einsicht gekommen bin. Und ebenso wichtig war die Erkenntnis: Ich muss das auch nicht können! Als ich das begriff, veränderte sich meine Weise des Betens. Weil ich es ja nicht selbst machen kann, blieb mir nichts anderes übrig als darauf zu warten, dass Gott mir das schenkt, wonach ich mich sehne. Dass er mich spüren lässt, dass er da ist. Dass er das Gespräch mit mir aufnimmt, auch wenn er dafür keine menschlichen Worte gebraucht. Warten auf Gott – das wurde meine Haupttätigkeit im Gebet.

Es hat lange gedauert, bis ich aufgehört habe, mich beim Beten anzustrengen. Das hat sicher mit meiner Erziehung zu tun. Meine Eltern und auch die Lehrer in der Schule leiteten mich dazu an, ernsthaft und konzentriert zu arbeiten, um meine Ziele zu erreichen. Die Hände in den Schoß legen und darauf warten, dass mir das Ersehnte einfach geschenkt wird? Ich kann mich nicht erinnern, dass mir das jemals als Grundhaltung vermittelt worden wäre. Deshalb habe ich auch geglaubt, beim Beten käme es auf meine eigene Leistung an.

Ich habe mich um ein gutes Beten bemüht und bin gescheitert. Es war eine Befreiung, als ich ehrlich zu Gott sagen konnte: Ich sehe es ein, ich kann das nicht selbst erreichen, was ich ersehne. Wenn du mir nicht dabei hilfst, wird das nichts mit dem Beten. Es fühlte sich wie eine Kapitulation an. Doch das war es nicht. Ich hörte auf, Gebete zu machen, und fing an, das Gebet geschehen zu lassen. Ich setzte mich einfach hin und war da und wartete auf Gott.

Auf das Herz hören

Das fühlte sich eigenartig an. Mein Kopf sagte mir, ich würde alles falsch  machen beim Gebet, aber im Herzen merkte ich, dass ich auf dem richtigen Weg war. Irgendwann erinnerte ich mich an Worte des Heiligen Paulus. Dieser große Missionar, der den christlichen Glauben nach Europa gebracht hat, schrieb in einem Brief an die Christen in Rom von seiner Überzeugung, dass wir eigentlich alle nicht richtig beten könnten. Dass Gott selbst uns aber dabei hilft, wenn wir es zulassen.

„Hoffen wir auf etwas, das wir noch nicht sehen können, dann warten wir zuversichtlich darauf, dass es sich erfüllt. Dabei hilft uns der Geist Gottes in all unseren Schwächen und Nöten. Wissen wir doch nicht einmal, wie wir beten sollen, damit es Gott gefällt! Deshalb tritt Gottes Geist für uns ein, er bittet für uns mit einem Seufzen, wie es sich nicht in Worte fassen lässt. Und Gott, der unsere Herzen durch und durch kennt, weiß, was der Geist für uns betet. Denn im Gebet vertritt der Geist die Menschen, die zu Gott gehören, so wie Gott es möchte. Das eine aber wissen wir: Wer Gott liebt, dem dient alles, was geschieht, zum Guten.“

         (Röm 8,25-28, Übersetzung „Hoffnung für alle“)

Auch Paulus scheint sich in seinem Beten schwach und unfähig vorgekommen zu sein. Doch er hatte die Erfahrung gemacht, dass sich der Heilige Geist unserer Schwachheit annimmt. Der Geist betet in uns. Und wie macht er das? Das lasse sich nicht in menschliche Worte fassen, schrieb Paulus. Er verglich es mit einem Seufzen.

Der Heilige Geist hilft

„Ich kann nicht beten. Und ich muss es nicht können!“ Seit einigen Jahren rufe ich mir das ganz bewusst in Erinnerung, wenn ich mir Zeit für Gebet oder Meditation nehme. Das, was ich jetzt zu erreichen versuche, kann ich aus eigener Kraft nicht machen. Aber ich habe Sehnsucht danach, durch mein Beten Gott näher zu kommen. Die einzige Methode, die ich als ganz wichtig erkannt habe, ist ein Stoßgebet zum Heiligen Geist:

„Mach du was draus aus dieser Gebetszeit! Ich würde mich freuen, wenn du für mich betest! Du weißt ja besser als ich, dass ich das nicht kann. Ich habe Sehnsucht nach Gott. Führe du mich hin zu ihm. Ich überlasse mich jetzt einfach dir.“

Es überrascht mich selbst, dass ich immer wieder erleben kann, dass der Geist mich nicht im Stich lässt. Meine Vorstellungen vom Gebet wurden dadurch weiter und freier. Ich bete zwar auch heute noch regelmäßig in der Kirche, sitze oder knie dabei und schaue auf das Kreuz. Aber oft ich bete auch, während ich an einem kleinen See auf einer Parkbank sitze und einfach nur wahrnehme, wie der Wind das Wasser kräuselt oder wie die Vögel am Himmel ihre Kreise ziehen. Dieses Beten ist anders als das, was ich früher für ein „richtiges Gebet“ hielt. Ich war am Anfang darum auch ziemlich unsicher, ob das eigentlich noch Beten ist, was ich da mache. Ich gebrauche doch gar keine Worte. Ich denke an nichts Besonderes. Ich bemühe mich auch nicht darum, fromme Gefühle wachzurufen. Ich bin einfach nur da und warte darauf, dass der Geist das Entscheidende wirkt.

Doch woran kann man merken, dass in diesem stillen Warten auf Gott wirklich der Geist tätig ist? Mir gelingt das oft erst in der Rückschau.

Vom heiligen Paulus habe ich gelernt, auf die Wirkungen des Betens zu achten. Paulus sprach von „Früchten des Geistes“, die sich in unserem Leben zeigen würden. Er nannte Liebe, Freude, Friede, Freundlichkeit; dann auch Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung. Ich begriff: Wenn mich mein Beten und stilles Dasein vor Gott freier, liebender, froher, geduldiger und gütiger macht, dann kann ich sicher sein, dass der Geist ganze Arbeit geleistet hat. Dass er auf seine Weise in mir betete und mich Gott näher brachte, auch wenn ich während des Betens davon gar nichts gemerkt habe. Auch wenn in mir höchstens ein Seufzer aufkam, hin zu Gott.

Beten und die Suche nach einem Wiedehopf

Wo und in welcher Form ich bete; ob ich dabei sitze oder stehe, ob ich Worte gebrauche oder nicht: All das ist nicht wichtig. Entscheidend ist, ob die Weise meines Betens zulässt, dass der Heilige Geist in mir wirken kann. So wie er es will.

Ein Urlaubserlebnis wurde für mich zu einem Gleichnis meiner Erfahrungen mit dem Gebet. Über mehrere Jahre hinweg machte ich Urlaub an einem kleinen Ort im Süden Europas. Als ich das erste Mal dort war, hatte ich bei einem Spaziergang ein unerwartetes Erlebnis, das mich sehr berührte. Direkt neben dem Weg sah ich einen Wiedehopf auf der Futtersuche. Ich war wie elektrisiert. Das muss ich sicher erklären, denn nicht jeder wird wissen, was für ein Vogel der Wiedehopf ist. Er ist bei uns leider sehr selten geworden. Ein Wiedehopf hat ein schwarz-weiß gestreiftes Federkleid. An Hals und Kopf ist er rötlich gefärbt. Er hat einen langen gebogenen Schnabel. Das Besondere sind seine Kopffedern, die er zu einer Federhaube aufstellen kann. Kurzum: Es ist ein außergewöhnlich schöner Vogel.

Dass mich meine Beobachtung so faszinierte, hatte aber noch einen weiteren Grund. Mein älterer Bruder ist ein leidenschaftlicher Vogelbeobachter und er hat mich in meiner Kindheit mit seiner Begeisterung immer wieder angesteckt. Irgendwie hatte er es eines Tages sogar geschafft, mich zu einer gemeinsamen Fahrradtour durch den recht hügeligen Pfälzer Wald zu bewegen, auf der Suche nach dem Wiedehopf, den er in einem bestimmten Tal vermutete. Diese Tour war für mich sehr anstrengend. Aber schlimmer als die körperliche Erschöpfung war, dass wir von einem Wiedehopf weit und breit nichts  gesehen hatten. Ich war sehr enttäuscht. Meine Bereitschaft, für eine Vogelbeobachtung große Mühen auf mich zu nehmen, war danach für lange Zeit sehr gering.

Und dann das, viele Jahre später bei meinem Urlaub. Ich ging ein bisschen spazieren und vor meinen Füßen lief ein Wiedehopf, der sich überhaupt nicht von meiner Anwesenheit stören ließ. Ziemlich lange konnte ich ihn beobachten und seine Schönheit bewundern. Da hatte ich mich als Kind so angestrengt auf der vergeblichen Suche nach diesem Vogel und jetzt lief er mir so einfach vor den Füßen her!

Ich ging im Laufe des Urlaubs immer mal wieder zu der gleichen Stelle in der Hoffnung, den Wiedehopf noch einmal zu sehen, aber er zeigte sich nicht. Allein die Erinnerung an diese Beobachtung machte mich froh und sie setzte vor den ganzen Urlaub ein gutes Vorzeichen. Weil ich diesen Vogel gesehen hatte, ging ich nämlich viel aufmerksamer durch die Landschaft, freute mich an ihrer Schönheit und sah ganz nebenbei im Laufe des Urlaubs eine ganze Reihe anderer seltener Tiere.

Auch im folgenden Jahr machte ich wieder Urlaub am gleichen Ort und hielt dann und wann Ausschau nach dem Wiedehopf – zunächst ohne Erfolg. Es ist ja auch gar nicht so einfach diesen Vogel zu finden: Er ist ziemlich klein, sucht sein Futter oft in Bodennähe und ist dort aufgrund seiner Gefiederfärbung kaum von der Umgebung zu unterscheiden. Ich entschied mich deshalb, ganz langsam zu  gehen, ganz genau hinzuschauen, auf jede Veränderung am Boden zu achten und aufmerksam auf Vogelstimmen zu lauschen.

Als ich schon gar nicht mehr damit rechnete, den schönen Vogel noch einmal sehen zu können, zeigte er sich mir plötzlich in unmittelbarer Nähe. Ich folgte ihm auf Zehenspitzen und beobachtete ihn für längere Zeit. Ich fand den Vogel einfach nur wunderschön und war ganz beglückt von der Beobachtung. Meine Aufmerksamkeit war ganz bei ihm. Seine Schönheit machte mich sehr froh.

Es geht nicht darum, etwas zu leisten

Ich weiß nicht, wie es Ihnen mit meiner Urlaubsgeschichte geht. Sie werden wahrscheinlich denken: Was macht der ein Aufhebens wegen eines einfachen Vogels! Ähnlich werden wohl Menschen denken, die überhaupt kein religiöses Gespür haben, wenn ich ihnen von meinen Gebetserfahrungen erzähle. Was ich eben von meiner Suche nach dem Wiedehopf berichtete, das ist nämlich meiner Erfahrung mit dem Gebet sehr ähnlich.

Am Anfang meines Betens stand die Begeisterung anderer, vor allem meiner Eltern. Mit ihnen zusammen machte ich erste Gebetserfahrungen. Beten war manchmal ziemlich anstrengend, aber ich nahm die Mühe auf mich, weil meine Eltern überzeugt waren, dass sich das lohnte.

Als Jugendlicher kam ich in eine Glaubenskrise. Ich merkte, dass ich nicht mehr wie ein Kind an Gott glauben und auch nicht mehr so beten konnte. Neue religiöse Erfahrungen brachten mich dann dazu, als junger Erwachsener einer Ordensgemeinschaft beizutreten. Dort habe ich neue Methoden des Betens kennen gelernt. Hätte ich dabei nicht wenigstens dann und wann positive Erfahrungen gemacht, hätte ich das intensive Beten aber sicher genauso aufgegeben wie in meiner Jugend die Suche nach dem Wiedehopf. Berührende Momente in meinem Beten weckten in mir die Sehnsucht nach einer größeren Nähe zu Gott. So machte ich es dann wie bei der Suche nach dem Wiedehopf – ich ging immer wieder an Orte zurück, an denen ich gute Erfahrungen gemacht hatte. Ich versuchte ähnliche Bedingungen herzustellen und ich wartete darauf, Gott wahrnehmen zu können.

Ich brauchte lange, um wirklich annehmen zu können, dass es auf meine Leistung beim Gebet nicht ankommt. Ich kann wohl Bedingungen schaffen, die mich empfänglicher machen für das Wirken des Heiligen Geistes. Aber letztlich sind meine Bemühungen nicht entscheidend. So lernte ich das auch bei meinem Urlaubserlebnis. Es war sehr aufschlussreich für mich, wie ich auf die Suche nach dem Wiedehopf ging. Ich verlangsamte den Schritt, ich schaute genau auf die Umgebung. Ich achtete auf jede Veränderung und jede Bewegung und ich hörte genau hin auf Stimmen und Laute. Ich tat das nicht, weil mir jemand sagte, ich müsste das tun, sondern weil die Sehnsucht nach einer Wiederholung meiner Vogelbeobachtung mich intuitiv dazu brachte, mich so zu verhalten. Doch trotz meiner ausgefeilten Beobachtungstechnik war es jedes Mal völlig überraschend, wenn ich plötzlich ganz in meiner Nähe einen Wiedehopf entdeckte.

Beten heißt: Da sein und auf Gott warten

So ist das auch beim Gebet. Ich versuche zwar aufmerksam für Gott zu sein. Aber das Entscheidende wird mir auch beim Gebet geschenkt.
Faszinierend war für mich auch der Ort, an dem ich dann mehrmals den schönen Vogel beobachten konnte. Es war an einem Stück Brachland direkt neben einem stark frequentierten Fußgängerweg. Die Leute sahen mich abseits des Weges stehen, den schönen Vogel sahen sie nicht. Man musste schon ganz genau hinschauen. „So ist es auch mit Gott!“, kam es mir in den Sinn. Er ist uns ganz nahe. Unmittelbar neben unseren Alltagswegen, doch so eins mit seiner Schöpfung, dass wir genau hinschauen und hinhören müssen, um seine Gegenwart zu entdecken. 

Hinschauen, auf Bewegungen achten, lauschen – genau das ist es, was mich heute leichter ins Beten führt. Ich meine das in einem übertragenen Sinn. Ich werde still und schaue hin, was sich in meinem Inneren bewegt. Beobachte meine Gedanken, bin achtsam für meine Gefühle. Nehme sie einfach wahr, ohne Einfluss auf sie zu nehmen, so wie man sich bei einer Vogelbeobachtung bemüht, ganz still zu sein, um den Vogel nicht zu vertreiben.

Ich bin da und warte auf Gott. Aber immer mit dem Bewusstsein, dass ich die Begegnung mit ihm nicht selbst herstellen kann. Oft passiert in meinen Gebetszeiten nichts Besonders. Doch ich merke, dass mich mein Gebet verändert. Was lange nur eine vage Hoffnung war, ist in mir zu einer Gewissheit geworden: Gott ist da. Er ist mir ganz nah. Beten wurde dadurch im Lauf der Jahre zu einer Grundhaltung meines Lebens. Auch wenn ich die Nähe Gottes oft nicht wahrnehme – ich rechne damit, dass er da ist. Und ich versuche so zu leben, dass ich ihn nicht übersehe und seine leise Stimme nicht überhöre. Nicht nur dann, wenn ich ausdrücklich bete. Sondern zu jeder Zeit. Tag für Tag.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie viele solche beglückenden Erfahrungen machen können – vielleicht ja jetzt in der beginnenden Fastenzeit.
Und dass Sie dabei erfahren: Beten kann ganz einfach sein. Und wunderschön.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 01.03.2020 gesendet.


Über den Autor Pater Ralf Huning SVD

Dr. Ralf Huning wurde 1967 geboren. Seit 1989 gehört er zu der Ordensgemeinschaft "Societas Verbi Divini" (SVD - Steyler Missionare). Er hat nach seiner Priesterweihe besonders im Bereich der Bibelpastoral gearbeitet. Seit einigen Jahren liegt der Schwerpunkt seiner Tätigkeit in der Einzelseelsorge und der Geistlichen Begleitung. Von seinen eigenen Erfahrungen auf dem geistlichen Weg berichtete er in dem Buch "Ich muss nicht beten können. Erfahrungen auf dem geistlichen Weg" (2019, Echter Verlag, Würzburg). Kontakt: huning@steyler.eu

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