Am Sonntagmorgen, 08.03.2020

von Gunnar Lammert-Türk, Berlin

Begründer der katholischen Soziallehre: Zum 130. Geburtstag von Oswald Nell-Breuning

Oswald Nell-Breuning war katholischer Theologe, Jesuit, Nationalökonom und Sozialphilosoph. Karl Marx und die Grundwerte des Naturrechts prägten sein wirtschaftliches Denken, das wiederum den Vatikan genauso wie die deutsche Politik prägten.

© CC BY-SA 3.0 Haus am Maiberg

„Oswald von Nell-Breuning, von uns Jesuiten gerne immer einfach nur „der Nell“ genannt, liebevoll, respektvoll, stammte aus einem, für damalige Verhältnisse, Ende des 19. Jahrhunderts, adeligen Haus. Dieses ausgehende „fin de siècle“ hat ihn auch bestimmt. Er hat Mathematik gemacht und Naturwissenschaften. Und dann so erst 1911, da war er also 21, ist er dann bei den Jesuiten vorstellig geworden.“

Pater Benno Kuppler erzählt von seinem Ordensbruder Oswald von Nell-Breuning. Als der in jungen Jahren in die Gesellschaft Jesu eintrat und dann Priester wurde, ahnte niemand, dass er einmal eine der wichtigsten Persönlichkeiten werden würde, die auf die Gestaltung der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland entscheidenden Einfluss nehmen sollte. Der sogenannte „Nestor der katholischen Soziallehre“ war eine Jahrhundertgestalt. Auch dem Alter nach: Er starb 1991 mit 101 Jahren. Obgleich er vor allem als Ökonom und Sozialphilosoph Beachtung fand, sah er sein Wirken noch unter einem anderen Blickwinkel. An seinem 90. Geburtstag sagte er:

„Es ist etwas anderes in meinen Augen, wenn ein berufener und geweihter Diener der Kirche in dieser Weise zu wirken versucht, wenn er als Diener der Kirche die Botschaft Jesu Christi hineinträgt in die Welt und versucht, aus ihr für Gerechtigkeit und Freiheit die Folgerungen zu ziehen, die heute geboten sind.“

Welche Moral hat die Börse?

Der Priester spricht hier und der Christ, der sich aufgerufen sieht zum Einsatz für eine lebenswerte Welt. Aber Nell-Breuning war weder eine Art Befreiungstheologe noch religiöser Sozialist. Das zeigte sich bereits 1928, als seine Dissertation mit dem Titel „Grundzüge der Börsenmoral“ erschien. Darin geht es ihm nicht um die Moral der an der Börse tätigen Menschen, nicht um Korruptheit oder Gier. Er untersucht Abläufe und Struktur dieser mächtigen Institution. Und fragt, wie sie zum Nutzen der Gesellschaft beschaffen sein muss. In diesem Sinn fragt er nach der Moral der Börse. Wie der Ökonom Ottmar Edenhofer erläutert, verlangt Nell-Breuning:

Die Börse hat sich in den Dienst der Wirtschaft zu stellen. Und wenn die Börse … Spekulationsblasen hervorbringt, wenn sie den güterwirtschaftlichen Austauschprozess stört, dann stimmt irgendetwas nicht, da muss man eben diese … Fehlentwicklungen abstellen.“

Wie müssen Einrichtungen, die für das Funktionieren der Gesellschaft von Bedeutung sind, gebaut sein, um Gerechtigkeit und Gemeinwohl zu fördern und zu sichern? Das interessiert Nell-Breuning. Die Wirtschaft muss in seinen Augen ein Ziel haben. Nämlich die Versorgung der Menschen mit dem, was sie zum Erhalt ihres Lebens brauchen und, wie er formuliert, zum „Aufbau eines menschenwürdigen Kulturlebens“. Je nachdem, wie sie diesem Ziel nützen oder schaden, bemisst sich ihr Wert, ihre Moral.

Nell-Breuning und Marx

Oswald von Nell-Breuning kam 1890 zur Welt. Ein Jahr darauf erschien unter Papst Leo XIII. die erste Sozialenzyklika der katholischen Kirche mit dem Titel „Rerum novarum“. Erstmals wurde darin das damalige soziale Elend der breiten Masse der Arbeiter kirchlicherseits deutlich beschrieben und angeklagt. Lange hatte die katholische Kirche darauf nicht nennenswert reagiert. Das aber hatte Karl Marx getan, der wie Oswald von Nell-Breuning auch in Trier geboren war. Der Kommunist Marx wurde für den Katholiken Nell-Breuning zur großen Herausforderung. So erinnerte sich der ehemalige Bundesminister Georg Leber:   

„Wenn die Rede auf Karl Marx kam, habe ich von Nell-Breuning mehr als einmal sagen hören: „Das Schlimmste an dem Marx war, dass er keiner von uns war.“ Er wollte damit ausdrücken, dass „keiner von uns“ – also von der Kirche – sich damals rechtzeitig aufgemacht und sich zum Denker und Vorkämpfer für die Verbesserung der Lage der Arbeiter gemacht hat, als sie rechtlos, ausgebeutet, ohne Hoffnung, diskriminiert und in Not waren.“                  

Und als die katholischen Arbeiter sich Ende des 19. Jahrhunderts zur Bekämpfung ihrer Not organisieren wollten und dabei auf das Einverständnis und die Unterstützung ihrer Kirche hofften, wurden sie zunächst bitter enttäuscht. Mancherorts hatten sie in Deutschland christliche Gewerkschaften gegründet und wollten auch evangelische Christen aufnehmen. Das aber wurde ihnen untersagt mit der Begründung, es sei eine Gefahr für die Bewahrung ihres Glaubens. Statt gewerkschaftlicher Organisation sollten sich die katholischen Arbeiter in katholischen Arbeitervereinen unter Leitung eines Priesters zusammenfinden. Oswald von Nell Breuning bemerkte später dazu:

„Diese Behandlung katholischer Arbeiter durch die Kirche hat mich derartig empört, dass ich es, wie ich heute rückschauend sagen darf, beinahe als eine Lebensaufgabe angesehen habe, das wiedergutzumachen. Wie damals katholische Arbeiter wegen der Haltung ihrer Seelsorger in dieser Frage gelitten haben, das hat, möchte ich sagen, mein Leben geprägt.“

Auch der Vatikan profitierte

Und so machte es sich Nell-Breuning – der Sohn eines Weingutbesitzers, der Priester, der Sozialphilosoph und Ökonom – zur Aufgabe, sich für die Rechte der Arbeiter und die Verbesserung ihrer Lage einzusetzen. Dabei lernte er von Marx neben analytischem Rüstzeug, dass Appelle allein und Gesinnungsänderung diesbezüglich zu wenig bewirken. Es geht um die Strukturen der Gesellschaft und ihre gründliche Reform. Marx war für ihn dabei ebenso Ansporn wie ein mit Respekt bedachter Gegner. Er schrieb:

„Unsere wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Marx und dem Marxismus muss auch das winzigste Körnchen zutreffender Erkenntnis, das sich bei Marx oder bei marxistischen Autoren erkennen lässt, herausgeklaubt und in aller Form anerkannt haben; erst dann hat sie den Dienst geleistet, den sie zu leisten schuldig ist. Und erst, wenn alles Fehlerhafte, worauf Marx in seiner Kritik uns aufmerksam gemacht hat, wenigstens grundsätzlich berichtigt und ausgeräumt sein wird, so dass wir dieses Stachels in unserem Fleisch nicht mehr bedürfen, erst dann ist dieser große Gegner wirklich überwunden.“

Seine Dissertationsschrift „Grundzüge der Börsenmoral“ machte Nell-Breuning bekannt. Seine gesellschaftlich-wirtschaftliche Analyse und seine sozialen Reformideen zugunsten der Arbeiter wurden selbst im Vatikan aufmerksam zur Kenntnis genommen. Der Papst engagierte ihn deshalb für die Erarbeitung einer neuen Sozialenzyklika. Nell-Breunings durch Marx angeregte und in Auseinandersetzung mit ihm gewonnene Erkenntnisse kamen zum Tragen, als er, wie Pater Benno Kuppler erzählt, im Herbst 1930…

„…von dem Generaloberen der Gesellschaft Jesu den Auftrag bekam, ein Dokument für Papst Pius XI. zu entwerfen, das sich mit der Frage der wirtschaftlichen Wahrnehmung der Welt durch die Kirche beschäftigen sollte. „Quadragesimo anno“ erinnert an die erste Sozialenzyklika von Leo XIII. 1891. Und Nell-Breuning hat seinen Entwurf unter dem Titel damals eingereicht „Licht aus der Höhe“. Wo kein Mensch was vermutet hätte, dass das also was mit Wirtschaft zu tun hat.“

Hatte es aber. Das im Mai 1931 veröffentlichte päpstliche Rundschreiben ist bis heute die wohl am meisten ökonomisch durchdachte Enzyklika. In ihr kam die kirchliche Kritik an der kapitalistischen Klassengesellschaft zum Ausdruck. Sie forderte die Sozialbindung des Eigentums und die Gleichwertigkeit von Lohnarbeit und Kapital. Aus der Einsicht, dass dies nur gegen den Widerstand der bisherigen Nutznießer der Verhältnisse umsetzbar ist, wurde darin auch der Klassenkampf als um des Gemeinwohls willen erforderlich akzeptiert. Allerdings, wie Nell-Breuning später erläuterte:

„In eben dieser Begründung seiner Berechtigung liegt auch seine Begrenzung; es geht nicht darum, die gegnerische Klasse zu „liquidieren“, sondern mit ihr um eine sinnvolle Gestaltung des Ganzen zu ringen, mit der alle zufrieden sein können. Gelingt es, alle – seien es einzelne, seien es gesellschaftliche Gruppen – sinnvoll in das Ganze einzugliedern, dann haben die Klassen sich selber aufgehoben, haben einer neuen Gesellschaft Platz gemacht, einer Gesellschaft ohne Klassen.“

Im Ziel der nötigen gesellschaftlichen Veränderung stimmte Nell-Breuning also mit Marx überein. Um sich abzusetzen sprach er aber statt von der klassenlosen lieber von der klassenfreien Gesellschaft. Sie wurde erreicht durch das - freilich durch Druck herbeigeführte - Zusammenwirken der Klassen.

Wie Nell-Breuning die Politik beeinflusste

Um die schwächere Machtposition der Arbeitnehmer gegenüber der weitaus stärkeren des Kapitals zu verbessern, entwarf Nell-Breuning Reformen. Eine Rentenreform zur Daseinsabsicherung. Maßnahmen zur Vermögensbildung in Arbeiterhand. Und vor allem forderte er qualifizierte Formen der Mitbestimmung.

Nell-Breuning hat seine Reformideen in politische Forderungen gegossen und für ihre Umsetzung gekämpft. In Vorträgen, Gesprächen, in Gremien. Unter anderem in der Akademie der Arbeit und im wissenschaftlichen Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums. Ab den 1950er Jahren trugen diese Ideen erheblich dazu bei, das soziale und wirtschaftliche Antlitz der Bundesrepublik zu verändern. Der Ökonom Ottmar Edenhofer meint:

Nell-Breuning muss man als jemanden begreifen, der ein theoretisch reflektierter Politikberater war, weil er zeigt uns, wie man eben als Wissenschaftler in dem Ringen um solche Reformen, welche Rolle man da einnehmen kann, wie man dort bestehen kann. Ohne, dass man sich zum Ersatzpolitiker aufspielt. Und er hat es auf einer weltanschaulich festen Basis gemacht und auf einer wissenschaftlich gut fundierten Basis. Er war vor allem jemand, der im Ringen um die Reform des Kapitalismus eine vorbildliche Rolle gespielt hat.“

Ausgangspunkt für seine Reformimpulse war für Nell-Breuning ein zunächst vom Naturrecht geprägtes, später stärker am Begriff der Menschenwürde orientiertes christliches Menschenbild. Für die Konsequenzen, die sich für ihn daraus ergaben, trat er ein. Geachtet und manchmal auch gefürchtet für seine analytische Schärfe, für seine Unbestechlichkeit und seine unparteiische Sachlichkeit. Von Politikern, Gewerkschaftsvertretern und Wirtschaftsleuten gleichermaßen. Mit denen er sich traf und, wenn erforderlich, auch hart auseinandersetzte. Oft in seinem spartanischen Zimmer in Sankt Georgen in Frankfurt am Main, wo er viele Jahre an der Hochschule der Jesuiten tätig war. In Sankt Georgen trafen die Großen der Politik, der Gewerkschaft und der Wirtschaft anlässlich seines hundertsten Geburtstags zusammen. Ottmar Edenhofer erinnert sich an eine Szene:

Was mir da in Erinnerung geblieben ist, ist, dass 1990 anlässlich dieses hundertsten Geburtstags Hermann Josef Abs und Nell-Breuning aufeinandergetroffen sind und sich die Hand gegeben haben und wortlos voreinander verneigt haben. Und ich stand ein paar Meter daneben und ich hab mir damals gedacht: Jetzt ist die Geschichte der alten Bundesrepublik zu Ende.“

Der Vertreter der Kapitalseite, Hermann Josef Abs von der Deutschen Bank und Nell-Breuning, der sein Leben dafür eintrat, die Lage der Arbeiter zu verbessern, reichten sich die Hand. Ein Symbol dessen, was maßgeblich durch Nell-Breuning zustande kam: die soziale Marktwirtschaft. Ein Jahr darauf starb Nell-Breuning, der heute 130 Jahre alt geworden wäre. Er war immer nur im schwarzen Priesterrock in Erscheinung getreten. Und als einfacher Priester wollte er auch bestattet werden, wie Pater Benno Kuppler erzählt:

Er hat verfügt, dass bei seiner eigentlichen Beerdigung auf dem Jesuitengrab im Südfriedhof in Frankfurt nur seine engsten Angehörigen, die Kinder aus dem Kinderheim, wo er 50 oder 60 Jahre lang sonntags die Messe gefeiert hat und die Ordensschwestern und die Mitbrüder dabei sein dürfen. Niemand anderes. Die Großen der Welt oder Deutschlands haben sich zu einem feierlichen Requiem im Kaiserdom in Frankfurt getroffen. Seine letzte Ruhestätte fand er als Jesuit und Mann der Kirche.“

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

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Musik:

„Wie klingt der Schnee“ – Niki Reiser

„Sous la pluie“ – Bruno Coulais

„L’incendie“ – Bruno Coulais

„Lara trifft Tom“  – Niki Reiser

„Eltern-Gespräch“ – Niki Reiser


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Dieser Beitrag wurde am 08.03.2020 gesendet.


Über den Autor Gunnar Lammert-Türk

Gunnar Lammert-Türk (Jahrgang 1959) ist freischaffender Journalist und Autor. Er wurde in Leipzig geboren und studierte Germanistik und Evangelische Theologie in Berlin. Nach dem Studium organisierte er Projekte einer Arbeitsfördergesellschaft, die aussortierte Technik für Hilfsprojekte in Osteuropa und der Dritten Welt regenerierte. Es folgte die Leitung einer Beratungsstelle für Russlanddeutsche. Darauf war er Autor und Redakteur in der Medienfirma Greenlight. Seit 2003 ist er als freier Journalist und Autor tätig. Von 2004 bis 2007 führte er mit einem Musiker und einem Zauberer Musiktheatershows für Kinder auf. Er verfasst Rundfunkbeiträge, schreibt Texte für Audioführer und Kinderlieder. Veröffentlichungen im Boje Verlag, Schneider Verlag, Xenos Verlag und im Deutschen Theater Verlag. Kontaktg.lammert.tuerk@gmail.com

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