1. Fastensonntag

 

Predigt des Gottesdienstes aus der Pfarrkirche St. Sebastian, Würselen

Fasten heißt dem Wortsinn nach eigentlich "sich festmachen". Sich auf den Kern konzentrieren. Den Versuch, sich neu zu gründen und zu festigen im Blick auf das, was über das Diesseitige hinausgeht.

In der altkirchlichen Tradition bezieht sich das Fasten zunächst vor allem auf den Verzicht bestimmter Speisen. Aber zugleich begann man mit den Augen zu fasten. Aus den Kirchen wurde der Schmuck entfernt.

An dieser Art des Fastens, die sich nicht nur auf das Essen bezieht, knüpfen die modernen Fastenaktionen wie "Sieben-Wochen-ohne" an. Es geht um den zeitlich begrenzten Verzicht auf Liebgewordenes. Alkohol, Süßigkeiten, Zigaretten, Fernsehschauen. Andere achten auf eingespielte persönliche Verhaltensweisen, nehmen sich bewusst Zeit für andere Menschen oder für sich selber, versuchen kleine persönliche "Unarten" in den Griff zu bekommen.

Der kleine Verzicht soll uns dabei von neuem die Augen öffnen für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Fasten heißt daher im Grunde nichts anderes als Konzentration auf das Wesentliche und Lebenswichtige. Ablegen von Schönem, aber oft Überflüssigem. Fasten heißt daher, wieder den Menschen in den Blick zu rücken. Die Verkleidungen und Masken abzulegen. Aber auch die Schutzschilde und Schutzschichten, mit denen wir uns abschotten und in Sicherheit bringen.

Fasten bedeutet, uns als Menschen wieder so in den Blick bekommen wie wir wirklich sind. Oder wie wir zumindest gerne wären.. Wir sollen von neuem eine Ahnung bekommen, wo unsere Abhängigkeiten verborgen liegen. Wir sollen uns von neuem Rechenschaft geben, wovon wir gerne loskämen und wozu wir gerne aufbrechen würden. Oder anders gesagt: In der Fastenzeit sollen wir uns der Frage stellen: Was macht uns Menschen denn eigentlich aus? Was macht den Menschen zum Menschen?

In seinem Lied Mensch gibt Herbert Grönemeyer darauf eine Antwort, die die Menschen heute verstehen:

Mensch heißt der Mensch, weil er vergisst,
weil er verdängt.
Mensch heißt er aber auch,
weil er hofft und liebt,
weil er mitfühlt und vergibt.
Mensch heißt er,
weil er erinnert, weil er kämpft.
Weil er schwärmt und glaubt.
Sich anlehnt und vertraut.

Und immer schließt der Refrain mit den Sätzen:

Der Mensch heißt Mensch,
weil er lacht.
Und weil er lebt.
Du fehlst.

Auf's erste gesehen: Keine weltbewegenden, keine wirklich neuen Antworten. Was macht aber dann denn Reiz dieser Aussagen aus? Wohl deshalb, weil sie etwas sagen, worauf die Menschen warten. Weil sie konkret vom Menschen sprechen. Und nicht abstrakt über ihn. Weil es - im Sinne des heutigen Sonntags - Fastenworte sind. Worte ohne überflüssige Zutat. Ehrlich. Und ungeschminkt.

Den Menschen macht zum Menschen, dass er ist, wie er ist. Und nicht das Produkt von Ideologien und-iIsmen. Von gesetzlichen Vorgaben und groß angelegten Erziehungsprogrammen. Der Mensch heißt Mensch, weil er lacht und weil er lebt. Und weil er uns deswegen fehlt, wenn wir ihn nicht mehr haben.

Auch im Evangelium geht es um's Fasten. Zunächst im ganz ursprünglichen Sinn. Vierzig Tage und vierzig Nächte hat Jesus gefastet, haben wir gehört. Er wird auf die Probe gestellt. Dreimal. Alle zielen darauf ab, dass Jesus sein Menschsein zugunsten seiner göttlichen Sohnschaft aufgibt:

Die drei Weisen sind durchaus symbolträchtig. Zunächst: Er soll aus Steinen Brot machen. Soll zum Brotkönig werden. Zum Magier und Wundermacher. Soll die Probleme der Welt auf wundersame Weise aus der Welt schaffen.

Jesus weist dieses Wunderprogramm zurück. Gottes-Wort statt Wunder-Wort ist seine lapidare Antwort. Bleibend Wichtiges statt kurzfristig Mirakelhaftes. Einmal aus Steinen Brot zu machen, löst die Probleme nicht. Es rückt den Wundertäter in den Vordergrund. Und schafft den Hunger von morgen nicht aus der Welt. Jesus, der Mensch, verzichtet auf dieses Schauspiel. Gottseidank!

Die zweite Verlockung ist die Unsterblichkeit. "Spring doch hinunter. Und es wird dir nichts geschehen!" Es geht nicht um die Unsterblichkeit aller. Die wäre unsinnig, wenn wir nicht einmal die sterblichen Menschen satt bekommen. Der Versucher meint die Unsterblichkeit des einen. Und nähme der Menschwerdung Gottes in diesem Jesus seine Spitze. Der Sprung vom Tempel dient keinem. Bringt keinem mehr an Gerechtigkeit. Lässt keinen länger leben. Jesus, der Mensch, verzichtet auf dieses Schauspiel. Gottseidank!

Was die ersten beiden Angebote nicht vermochten, soll das dritte schaffen. Alle Macht auf Erden. Und allen Reichtum dazu. Wer könnte hier widerstehen. Auch der Teufel sucht hier den Superstar.

All dies, was er anzubieten hat, korrumpiert. Macht und Rum machen anfällig. Lassen statt des Menschlichen das Allzumenschliche hervorblitzen.

Grenzenlose Möglichkeiten, Macht und Reichtum, bekommt man nicht in den Schoß gelegt, ohne dafür einen Preis zu zahlen.

Jesus, der Mensch, verzichtet auch auf dieses Schauspiel. Noch einmal Gottseidank! Und der Bericht schließt mit dem Satz: Und die Engel kamen und versorgten ihn. Wer loslässt und verzichtet, steht nicht mit leeren Händen da. Und Jesus, der Mensch, der mehr gar nicht sein will, wird für uns eben deshalb zum Platzhalter Gottes in dieser Welt.

Und er wird dies nicht, indem er seine menschlichen Möglichkeiten übersteigt. Aus seinem Angesicht leuchtet uns Gottes Angesicht entgegen, weil er es wagt, einfach Mensch zu sein. Mitmensch. Weil er uns den Weg offen hält, ihm als Schwester und Bruder begegnen zu können.

Wer los lässt gewinnt. Wer der Versuchung widersteht, begegnet den Engeln des Lebens. Ihnen und euch wünsche ich den Mut zu einem frohen Fasten. Den Mut einfach Mensch zu sein. Zu leben und zu lachen. Die Phantasie, uns neugierig auf jeden Tag des Lebens einzulassen und offen zu bleiben, wenn alles noch einmal ganz anders verläuft, als wir es erwarten. Und die Erfahrung der schützenden und bereichernden Gegenwart der Engel, die den Mangel und die Lücken unseres Lebens aushalten helfen und füllen. Damit wir bleiben und werden, was wir sein sollen: einfach ein Mensch.


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Dieser Beitrag wurde am 01.03.2020 gesendet.





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