Wort zum Tage, 22.02.2020

von Martin Korden, Köln

Hanau

„Unsere Trauer ist unermesslich. Wir hätten nie gedacht, dass so etwas in diesem Land passiert, das unsere Heimat ist.“

Das hat Ali U. gesagt, 27 Jahre alt, aus Hanau. Sein Cousin ist beim Anschlag am Mittwochabend ums Leben gekommen. Und dann hat Ali noch diesen Satz gesagt:

„Deutschland muss jetzt zusammenhalten.“

Ja, zusammenhalten und zusammenstehen gegen den Hass, der sich wie ein schleichendes Gift ausgebreitet hat. Bei all den Fragen, ob diese weitere Eskalation nicht hätte verhindert werden können, bei all den politischen Debatten und den sicher auch berechtigten Forderungen nach schnellen Konsequenzen, scheint mir der Satz des 27jährigen, der in Hanau seinen Cousin verloren hat, der Entscheidende zu sein: „Deutschland muss jetzt zusammenhalten.“

Gegen die Ausgrenzung, gegen das Auseinanderdriften der verschiedenen Meinungen oder Weltanschauungen, gegen die weitere Spaltung, und auch gegen die Vereinzelung und Vereinsamung. Deutschland muss zusammenhalten, das heißt auch, wieder zusammenwachsen, miteinander reden.

Ich finde es bemerkenswert, dass gerade ein Betroffener dieser vom Hass motivierten Tat hier nicht die schnellen, sichtbaren Gegenmaßnahmen fordert oder gar die Vergeltung, sondern den Wunsch des Zusammenhaltens äußert. Ich weiß nicht, ob ich das in dieser Situation so hätte sagen können.

Als gläubiger Christ hilft mir in diesen Tagen eine Bitte aus dem Vater-Unser-Gebet. „Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name.“ In dieser 2000 Jahre alten Formulierung steht viel mehr, als man zunächst meint.

Im Alten Testament der Bibel stellt sich Gott mit dem Namen Jahwe vor – das bedeutet: „Ich bin da“ – Ich bin wirksam da. Die Bitte „Geheiligt werde dein Name“ bedeutet dann: „Vater im Himmel, wir erinnern dich an deinen Namen – sei also da“ – Jetzt vor allem bei den Opfern von Hanau, bei denen die trauern. Stell dich an die Seite der Leidenden, gib Ihnen Kraft und Trost.

Und diese Bitte ist auch eine Erinnerung an mich, den Namen Gottes zu heiligen. Das heißt, mir immer in Erinnerung zu rufen, dass es einen Vater im Himmel gibt, der das Leben jedes einzelnen Menschen bejaht, einen Vater, der seine Geschöpfe als seine Kinder liebt.

Mit diesem Glauben, darf ich mich nie über andere stellen, denn dann weiß ich, dass jeder Mitmensch, gleich welcher Herkunft und welchen Aussehens, genauso von Gott geliebt ist, wie ich es bin. Dann kann der Hass nicht das letzte Wort haben – weil wir Geschwister sind. 

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur


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Dieser Beitrag wurde am 22.02.2020 gesendet.


Über den Autor Martin Korden

Martin Korden, geboren 1980 in Adenau, ist Beauftragter der Bischofskonferenz für Deutschlandradio. Eine erste Hörfunkausbildung erhielt er im Rahmen seines Wehrdienstes beim Truppenbetreuungssender „Radio Andernach“. Anschließend studierte er in Trier und Brixen Katholische Theologie. Es folgte das journalistische Volontariat bei der Katholischen Fernseharbeit und eine langjährige Tätigkeit für DOMRADIO.DE in Köln. Kontakt: m.korden@dbkradio.de

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