Spurensuche, 11.01.2020

von Christian Feldmann, Regensburg

Ist Gott politisch?

Wenn heute in der katholischen Vorabendmesse oder morgen im Sonntagsgottesdienst vor dem Evangelium die alttestamentliche Lesung vorgetragen werden sollte, was leider zu selten geschieht, wird ein unbequemer Text aus dem Propheten Jesaja zu hören sein, aufrüttelnd, kraftvoll, sehr konkret. Es geht um das richtige Fasten – nicht um Abspecken oder ein Fitnessprogramm, sondern um den religiös motivierten Verzicht, wie er damals für die jüdische Religionsgemeinschaft wichtig war und wie er vor gar nicht so langer Zeit auch noch in den christlichen Kirchen eine viel größere Rolle spielte.

Was Jesaja dazu sagt – beziehungsweise Gott sagen lässt -, klingt zunächst verstörend, desillusionierend: Nein, Gott hat wenig Freude an Leuten, die den Kopf hängen lassen und in Sack und Asche gehen, damit alle sehen, wie bußfertig und fromm sie sind. Fasten, wie der Herr es wünscht, bedeutet stattdessen, „die Fesseln des Unrechts zu lösen“, Gerechtigkeit zu schaffen, Partei für die Armen und Unterdrückten zu ergreifen.

„Brich dem Hungrigen dein Brot“, so heißt es in der Lesung aus der hebräischen Bibel, „nimm obdachlose Arme ins Haus auf, wenn du einen Nackten siehst, bekleide ihn und entziehe dich nicht deiner Verwandtschaft.“

Das ist deutlich. Statt der gewohnten religiösen Rituale wird ein verändertes Sozialverhalten gefordert, Solidarität, die wirklich etwas kostet. Ernst genommen, hätten diese Prophetenworte unmittelbare Auswirkungen auf unsere Gesellschaft. Endlose Diskussionen, wer für scheinbar hoffnungslose Fälle zuständig ist oder welche und wie viele Geflüchtete ein Bundesland oder eine Kommune aufnehmen sollte, wären plötzlich überflüssig. Die Frage, wie wörtlich die Heilige Schrift zu nehmen ist, gewänne eine ganz ungewohnte Bedeutung.

Denen, die sich der Herausforderung stellen, macht Jesaja in einem feierlich poetischen Ton dann auch eine wunderbare Zusage: „Dann wird dein Licht hervorbrechen wie das Morgenrot und deine Heilung wird schnell gedeihen. Deine Gerechtigkeit geht dir voran, die Herrlichkeit des Herrn folgt dir nach. Wenn du dann rufst, wird der Herr dir Antwort geben, und wenn du um Hilfe schreist, wird er sagen: Hier bin ich. Wenn du Unterjochung aus deiner Mitte entfernst, auf keinen mit dem Finger zeigst und niemandem übel nachredest, den Hungrigen stärkst und den Gebeugten satt machst, dann geht im Dunkel dein Licht auf und deine Finsternis wird hell wie der Mittag.“

Die Bibel kann ausgesprochen politisch sein – und unmissverständlich in ihrer Parteinahme für die Kleinen und Chancenlosen. Doch hat dieser Appell überhaupt noch etwas mit dem Fasten zu tun?

Aber sicher. Denn darum geht es ja beim Fasten: Auf etwas verzichten, das eigene ungebremste Habenwollen zurückstellen, um frei zu werden, um das wirklich Wichtige im Leben neu zu entdecken. Zu diesem wirklich Wichtigen gehört die Erkenntnis, dass wir Menschen Verantwortung füreinander tragen. In der Sprache des Glaubens ausgedrückt: Wir sind Schwestern und Brüder, Kinder ein und desselben Vaters.

Redaktionelle Verantwortung: Martin Korden, Katholischer Senderbeauftragter


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Dieser Beitrag wurde am 08.02.2020 gesendet.


Über den Autor Christian Feldmann

Christian Feldmann, Theologe, Buch- und Rundfunkautor, wurde 1950 in Regensburg geboren, wo er Theologie (u. a. bei Joseph Ratzinger) und Soziologie studierte. Zunächst arbeitete er als freier Journalist und Korrespondent,  u. a. für die Süddeutsche Zeitung. Er produzierte zahlreiche Features für Rundfunkanstalten in Deutschland und der Schweiz und arbeitete am „Credo“-Projekt des Bayerischen Fernsehens mit. In letzter Zeit befasste er sich mit religionswissenschaftlichen und zeitgeschichtlichen Themen in der Sparte „radioWissen“ beim Bayerischen Rundfunk. Zudem hat er über 50 Bücher publiziert. Dabei portraitiert er besonders gern klassische Heilige und fromme Querköpfe aus Christentum und Judentum. Feldmann lebt und arbeitet in Regensburg.

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