Am Sonntagmorgen, 23.02.2020

von Michael Kinnen, Trier

„Was keiner wagt, das sollt ihr wagen ...“ Erinnerungen an Lothar Zenetti

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt: So heißt ein bekanntes Sprichwort. Das gilt auch für die Kirche. Was das bedeutet, hat kaum jemand so eindrucksvoll und einfach erklärt, wie Lothat Zenetti.

© David Alberto Carmona Coto / Pexels

“Zurzeit hört man vielfach
die Klage, der Papst und die Kirche
versage, kritisch sei unsere
Lage, so dass man als Christ schier
verzage. Verzeiht, wenn ich es nun
wage und meine Meinung hier
sage, dass ich hinterfrage die
Klage und dabei mich selber
befrage. Da muss ich gestehen: Ich
trage ja ebenso bei zu der
Plage, indem ich nicht minder
versage. Das ist, ich sag's ehrlich
die Lage, so kommt's, dass ich manchmal
verzage und bitte, dass Gott
heutzutage uns lächelnd
ertrage und sein Gericht noch
vertage.”
[1]

Das könnte auch heute eine Fastnachtspredigt sein. Kein Schenkelklopfer, aber mit viel Tiefgang. Subtiler Humor. Zeitlos aktuell. Voll Gottvertrauen, mit dem Finger in der Wunde kirchlicher Kleinkariertheit – mit weitem, katholischem Herzen: Das ist das, was ich mit Lothar Zenetti verbinde. Seine Stimme war es, die Sie gerade gehört haben. Gerne hätte ich ihn persönlich kennengelernt; leider war das nicht mehr möglich. Vor einem Jahr ist er gestorben. Aber er lebt in seinen Texten.

Er wirkte durch seine Texte

Es war ein erfülltes, facettenreiches Leben, das von Lothar Zenetti: In mehr als neun Lebensjahrzehnten kam einiges zusammen: Geboren mitten in den Zwanzigerjahren in Frankfurt – noch vor dem Abitur im Krieg: Fronteinsatz, Gefangenschaft. Im so genannten “Stacheldrahtseminar” von Abbé Franz Stock in Chartres lebte er mit anderen Männern, die Priester werden wollten, in der Kriegsgefangenschaft. Leid und Tod. Trotzdem hat er das Gottvertrauen nicht verloren.

Nach dem Krieg holte er das Abitur nach, wurde Priester, zunächst Jugendpfarrer und dann lange in einer Frankfurter Gemeinde. Vielfach musisch begabt hat er gemalt, Texte geschrieben, Gedichte, Lieder; den Glauben mit kunstvollen Mitteln verkündet. Appetit machen auf die frohe Botschaft des Evangeliums. Das Wort Gottes verkünden mit neuen Worten, nicht den abgedroschenen Phrasen, die es schon so viele gibt. Und so war er nicht nur von der Kanzel seiner Frankfurter Gemeinde, sondern auch etwa im Hessischen Rundfunk zu hören, sprach auch zeitweise das “Wort zum Sonntag” im Fernsehen, schrieb zahlreiche Bücher. Interviews gab er fast nie. Er wirkte durch seine Texte. Oft mit Augenzwinkern hat er auch Missstände und Reformbedarf in der Kirche angesprochen, sprach davon, was er als Pfarrer und was die Leute mit der Kirche und mit allzu Menschelndem darin erleben: mal in wenigen Zeilen, mal in ganzen Büchern. So sind auch sein kleine “Kanzelnotizen” wie diese entstanden:

“Die Predigt dauert und
dauert. Mich dauert
die Zeit, die sie dauert.
Bedauernd warte ich
dauernd aufs Amen.”
[2]

Das könnte auch von Heinz Erhardt stammen. Ich mag, wie Zenetti treffsicher, pointiert und im guten Sinn provozierend auch Kritik übt am allzu Eingefahrenen und Angestaubten in der Kirche – schon damals, vor über 40 Jahren. Wie er den heute noch weit verbreiteten “Kirchen- und Kanzelsprech” aufs Korn nimmt; das, was in getragen-pastoralem Ton in mancher Predigt über einen ergeht – und einen dann nur zu oft fragend und leer zurücklässt wegen der ganzen frommen Floskeln.

Anders Zenetti. Da spricht einer, der sich auskennt mit der Kirche. Nicht verächtlich. Im Gegenteil. Liebevoll blickt er auf manche liebenswerten Macken. Fast karnevalistisch; mit feinem Floretthieb des Wortes. Und damit immer auch im Dienst am größeren Wort – dem Wort Gottes. Noch einmal eine „Kanzelnotiz“:

„Ihre Predigt gestern, Herr Pfarrer, hat mich wirklich gefesselt! -
Was Sie nicht sagen – eigentlich sollte sie eher befreiend wirken.“[3]

Geheimnis des Glaubens in drei Strophen erklärt

Zenettis vielleicht bekanntester Text ist das Lied vom Weizenkorn: „Das Weizenkorn muss sterben“. Es steht im katholischen und im evangelischen Gesangbuch. Wird gerne gesungen. Auch hier geht es um eine Bibelstelle, eine aus dem Johannesevangelium:

Jesus sagte: „Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird. Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Wer sein Leben liebt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt geringachtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.“[4]

Schwere Kost. Zenetti hat es geschafft, es leichter auszudrücken, ohne dem Inhalt das Gewicht zu nehmen. Zenetti bringt da etwas auf den Punkt, was regalweise theologisch-dogmatische Bücher füllt. Schließlich geht es um den Kern des christlichen Glaubens: Tod und Auferstehung. Es geht um die paradoxe Erkenntnis, dass der Tod nicht das Ende ist. Darum, dass Jesus auferstanden ist. Darum, dass dies auch heute Menschen hoffen lässt, wenn sie an der Schwelle des Lebens stehen. Was Leben aus dem Glauben bedeutet. Zenetti braucht dazu nur vier kurze Strophen:

„Das Weizenkorn muss sterben, sonst bleibt es ja allein,
der eine lebt vom andern, für sich kann keiner sein.“[5]

Das heißt wohl: Wer offen ist für andere, der ist selbst lebendig. Wer sich einlässt auf andere und dafür auch Eigenes aufgibt, der überwindet Grenzen und erlebt Gemeinschaft. In der zweiten Strophe heißt es dann:

So gab der Herr sein Leben, verschenkte sich wie Brot.
Wer dieses Brot genommen, verkündet seinen Tod.“

Darum geht es, wenn Katholiken Messe feiern: Dann erinnern sie sich nicht nur an das, was mal war vor zweitausend Jahren, als Jesus das letzte Abendmahl mit seinen Jüngern gefeiert hat. In der Messe wird das lebendig und gegenwärtig. Das Brot ist zum Leib Christi geworden, so der katholische Glaube. Und deshalb heißt es in der dritten Strophe:

„Wer dies Geheimnis feiert, soll selber sein wie Brot,
so lässt er sich verzehren von aller Menschennot.“

Die Messe ist mehr als der Ritus und das korrekte Abfeiern von Rubriken. Die Messe kann das Leben verändern; hat was mit den Menschen und ihrer Not heute zu tun, hat Konsequenzen. Nicht nur die Gottesdienste, gerade auch der Einsatz für andere, die „Caritas“, machen den Kern des Christentums aus. Das ist Glaubenszeugnis, Verkündigung im Alltag – wie es in der vierten Strophe bei Lothar Zenetti auf den Punkt kommt:

„Als Brot für viele Menschen hat uns der Herr erwählt,
wir leben füreinander, und nur die Liebe zählt!
Geheimnis des Glaubens: Im Tod ist das Leben!“

Geheimnis des Glaubens: Im Tod ist das Leben! Das bleibt. Ein solches Leben kann keiner mehr nehmen, auch der Tod nicht. Gerne hätte ich mit Lothar Zenetti über diese Zeilen gesprochen. Was er sich dabei gedacht hat, als er es schrieb. Wie sich seine Erfahrungen von Krieg und Tod und Leid darin widerspiegeln. Ob sich seine Sicht der Dinge gewandelt hat, seit er das Lied vor über vier Jahrzehnten geschrieben hat. Welche Erfahrungen mit Leben und Tod er in den vielen Jahren gemacht hat, als er unzählige Menschen als Pfarrer einer Frankfurter Gemeinde im Leben und auch im Sterben begleitet hat. Ob ihm das Lied da auch Trost war? Was ihm persönlich das bedeutet, dieses Geheimnis des Glaubens, dass im Tod das Leben ist. Wo er heute Totes und Abgestorbenes in der Kirche sieht – und wo Leben.

Es kam nicht mehr dazu. Aber was hätte er mir auch mehr sagen können dazu als das, was er schon mit dem Gedicht selbst geschrieben hat? Ein Glaubenszeugnis voller Leben, das aus sich selbst spricht.

Zenetti und der Wandel

Zenettis Bücher haben immer den Bezug zu dem, was er als Pfarrer erlebt hat. Wie bei diesem Text, vor Jahrzehnten geschrieben – und immer noch passend aktuell:

„Inkonsequent
Frag hundert Katholiken, was das Wichtigste ist in der Kirche.
Sie werden antworten: Die Messe.
Frag hundert Katholiken, was das Wichtigste ist in der Messe.
Sie werden antworten: Die Wandlung.
Sag hundert Katholiken, dass das Wichtigste in der Kirche die Wandlung ist.
Sie werden empört sein: Nein, alles soll bleiben wie es ist!“[6]

Wandel ist nicht einfach. Umdenken schwer. Anders handeln sowieso.
Das wusste Zenetti. Das erlebt die Kirche auch in diesen Tagen wieder, wenn es um Klerikalismus geht, um die Rolle der Frauen und die Sexualmoral – die heißen Eisen der Machtfragen, damals wie heute. Wandel ist schwer, wenn “Synodale Wege” beschritten werden, und auch, wenn es im Kleinen darum geht, die eigenen Gewohnheiten zu überdenken, die Bequemlichkeiten und Rücksichtslosigkeiten im Alltag.

Wer nicht wagt, der kann nichts gewinnen

Jetzt kommt ja wieder die Fastenzeit: Alle Jahre wieder eine Möglichkeit, nicht nur die lästigen Kilo von der Waage zu bringen, sondern das, was wirklich belastet – im Miteinander. Das wiegt und ist wohl noch schwerer anzugehen, als auf Süßigkeiten, Alkohol oder Tabak zu verzichten. In der Fastenzeit geht es um den Wandel mit Konsequenz. Es geht darum, scheinbar Selbstverständliches in Frage zu stellen. Und das zählbar auf die Waage des Lebens zu bringen, was nicht in Kilo zu bemessen ist, das ist die echte Herausforderung.


In diesem Zusammenhang ist mir ein Text von Lothar Zenetti besonders wertvoll. Er wurde auch von dem Liedermacher Konstantin Wecker entdeckt und vertont. Der stellt ihn ans Ende eines jeden Konzertes. Ich finde, er passt auch gut zu heute: Zum Fastnachtssonntag. Kurz vor dem Aschermittwoch, vor dem Beginn der Fastenzeit, als guter Vorsatz sozusagen.

“Was keiner wagt, das sollt ihr wagen. Was keiner sagt, das sagt heraus.
Was keiner denkt, das wagt zu denken. Was keiner anfängt, das führt aus.

Wenn keiner ja sagt, sollt ihr's sagen. Wenn keiner nein sagt, sagt doch nein.
Wenn alle zweifeln, wagt zu glauben. Wenn alle mittun, steht allein.
Wo alle loben, habt Bedenken. Wo alle spotten, spottet nicht.
Wenn alle geizen, wagt zu schenken. Wo alles dunkel ist, macht Licht.“[7]

Das Vermächtnis des Lothar Zenetti

Umdenken, neu denken, umkehren. Das passt zur Fastenzeit. Mut haben, die Masken fallen zu lassen, mit denen wir anderen etwas vorgaukeln, was wir gar nicht sind. Das ist auch eine Chance nach Fastnacht: Sich mutig gegen den Strom zu stellen, nicht mitzulaufen auf dem Weg des geringsten Widerstandes. Da gäbe es so viele Anknüpfungspunkte heute. Der Text ist wieder mal Frohe Botschaft im wahrsten Wortsinn. Und es gibt da noch einen Clou, der eben etwas zu kurz kam: Zu den drei gereimten Strophen, die Konstantin Wecker vertont hat, gibt es nämlich bei Zenetti noch einen Rahmenvers, der das Ganze einordnet, in Prosa, ohne Reim: als Klammer und Grundlage sozusagen für alles. Da heißt es nämlich:

„Das Kreuz des Jesus Christus durchkreuzt was ist – und macht alles neu“

Weil es Ostern gibt, hat der Tod nicht das letzte Wort. Weil es Ostern gibt, ist selbst im Tod noch Leben – ein Geheimnis des Glaubens. Weil das Kreuz Christi mehr ist als ein Todeszeichen, mehr als ein Schmuck, den man um den Hals trägt, mehr als zwei Balken: Weil das Kreuz Hoffnungszeichen für das Leben der kommenden Welt und so Kern des christlichen Glaubens ist, das alles Todbringende und Absterbende hier bei uns im wahrsten Wortsinn durchkreuzt: den Hass, das Leid, die ängstliche Enge: Deshalb ist es Motivation, die Welt heute schon ein bisschen besser zu machen: Nicht zu schweigen, wo alle schweigen; Licht zu sein und Licht anzuzünden, wo es dunkel wird um uns; anders miteinander umzugehen als es die Bequemlichkeit nahelegt; Dinge zu hinterfragen, die allzu schwarz und weiß daher kommen.

Für mich ist das auch ein Vermächtnis von Lothar Zenetti, das aus vielen seiner Texte der Zuversicht spricht und auch hier nochmal auf den Punkt kommt: Was keiner wagt, das sollt, das dürft, das könnt ihr wagen... In österlicher Hoffnung, in Zuversicht und in Lebensfreude. Mit Gottes Hilfe.

„Wo alle geizen, wagt zu schenken. Wo alles dunkel ist, macht Licht.“

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden


[1]     Aus: Lothar Zenetti, Wie ein Traum wird es sein. Texte der Zuversicht © 2016 Patmos Verlag, Verlagsgruppe Patmos in der Schwabenverlag AG, Seite 59.

[2]   Aus: Lothar Zenetti, Wie ein Traum wird es sein. Texte der Zuversicht © 2016 Patmos Verlag, Verlagsgruppe Patmos in der Schwabenverlag AG, Seite 50.

[3]   Aus: Lothar Zenetti, Wie ein Traum wird es sein. Texte der Zuversicht © 2016 Patmos Verlag, Verlagsgruppe Patmos in der Schwabenverlag AG, Seite 50.

[4]   Johannesevangelium, Kapitel 12, Verse 23-26a.

[5]   Aus: Lothar Zenetti, Wie ein Traum wird es sein. Texte der Zuversicht © 2016 Patmos Verlag, Verlagsgruppe Patmos in der Schwabenverlag AG, Seite 43.

[6]   Aus: Lothar Zenetti, Wie ein Traum wird es sein. Texte der Zuversicht © 2016 Patmos Verlag, Verlagsgruppe Patmos in der Schwabenverlag AG, Seite 55.

[7]           Lothar Zenetti, Texte der Zuversicht, Verlag J. Pfeiffer, München 1972, Seite 253; dort mit dem Rahmenvers: „Das Kreuz des Jesus Christus / durchkreuzt was ist / und macht alles neu“


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 23.02.2020 gesendet.


Über den Autor Dr. Michael Kinnen

Dr. Michael Kinnen, geboren 1977 in Saarbrücken, studierte Theologie in Trier (Diplom), Frankfurt und Mainz. Er absolvierte die studienbegleitende Journalistenausbildung am ifp in München und ist seit 1998 im Hörfunk für den Schwerpunkt "Kirche im Radio" unterwegs. 2001 arbeitete er als Redakteur der Privatfunkredaktion im Bistum Mainz und von 2003-2008 als Persönlicher Referent des Bischofs von Mainz. Nach sieben Jahren in der Öffentlichkeitsarbeit des Bistums und als PR-Berater (AKOMM) und einer Zeit als Persönlicher Referent des Generalvikars im Bistum Mainz arbeitet Kinnen derzeit im Strategiebereich Kommunikation und Medien des Bistums Trier als Online-Redakteur. Er promovierte zum Dr. phil. an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt mit einer Arbeit zum Thema „Gott in Einsdreißig – Fides et Radio" zum Verkündigungsauftrag der Katholischen Kirche im Privatfunk. Michael Kinnen ist verheiratet und Vater einer Tochter.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche