Morgenandacht, 13.02.2020

von Thomas Macherauch, Freiburg

Preisfrage

Wie viel ist ein Mensch wert? Es ist befremdlich, aber man kann das ausrechnen. Man kann Menschen zum Beispiel in ihre Bauteile zerlegen: Haut, Organe, Knochen – bis hin zu einzelnen Stoffen. Im Körper gibt es zum Beispiel Gold im Blut und Lithium in der Leber; allerdings ziemlich wenig. Sie bringen nur ein paar Cent.[1] Anders ist das mit Hormonen. Allein Thyrotropin soll eine halbe Million Euro wert sein. Da kommt schon was zusammen. Ein ganzer Mensch hat demnach einen Wert – so um die 40 Millionen Euro. Das fühlt sich doch gut an!

Der amerikanische Anwalt Kenneth Feinberg hat einen anderen Weg gewählt. Er sollte die Familien der Opfer entschädigen, die 2001 bei den Anschlägen in New York ums Leben gekommen sind. Also hat er versucht, den Geldwert der Opfer zu bestimmen. Dazu hat er nachgeforscht, was sie beruflich gemacht haben. Er hat geschaut, wie die Opfer gelebt und wie viele Angehörige sie hinterlassen haben. Und er wollte auch Dinge einbeziehen, die nichts mit Geld zu tun haben: wie sehr die Opfer geliebt haben und wie sehr sie geliebt worden sind. Er hat erkannt, dass ein Mensch mehr ist als die Summe seiner Teile und mehr als das, was er verdient. Ein Mensch kann fühlen, lieben und andere zum Lachen bringen. Dem wollte er gerecht werden.

Feinberg ist gescheitert. Denn wie sollte er feststellen, ob sich ein Paar nach wenigen Monaten mehr geliebt hat als ein anderes nach vielen Jahren? Er musste diese Faktoren wieder ausblenden und sich daran orientieren, was die Einzelnen geleistet, verdient und erreicht haben. Angehörige haben dann für einen Kellner rund 500.000 Dollar bekommen, für eine Polizistin etwas mehr und für einen Börsenmakler auch mal sechs Millionen.

Viele Angehörige haben diese Unterschiede nicht verstanden. Sind nicht alle Menschen gleich viel wert? Schon der Philosoph Immanuel Kant hat zwischen Wert und Würde unterschieden. Alles, was einen Wert hat, hat auch einen Preis. Man kann es kaufen, bewerten und austauschen. Menschen hingegen haben eine Würde. Jede und Jeder ist einzigartig und gleich viel wert. Der amerikanische Anwalt Feinberg hätte sich doch daran orientieren und allen Familien dasselbe zahlen können. Das hätte der Würde jedes Einzelnen entsprochen!

Ich glaube, Feinberg hat das trotzdem gar nicht so schlecht gemacht. Denn man muss Wert und Würde nicht unbedingt gegeneinander ausspielen. Alle Familien haben etwas bekommen. Dass alle Opfer eine Würde haben, hat Feinberg also durchaus gesehen. Die Unterschiede kamen deshalb zustande, weil die Opfer Unterschiedliches geleistet haben. Manche wurden viele Jahre lang ausgebildet, haben gut verdient und sich einen entsprechenden Lebensstandard erarbeitet. Und auf einmal waren die Angehörigen völlig unverschuldet mit hohen finanziellen Verpflichtungen allein gelassen. Das hat Feinberg berücksichtigt: Menschen leisten Unterschiedliches und leben in entsprechenden sozialen Gefügen. Das ist einfach so. Und ich finde, das ist auch in Ordnung. Problematisch wird es für mich erst dann, wenn man nur noch den Wert eines Menschen sieht und ihn sogar über seine Würde stellt! Das passiert leider allzu oft!

Und es fängt bei kleinen Dingen an: ich erinnere mich noch gut, wie mir einmal jemand die Hand geschüttelt hat – aber erst als er wusste, was ich beruflich mache. Ich war solange interessant für ihn, bis ein Pfarrer dazukam. Der steht in der Kirchenhierarchie über mir und ihm war das offenbar wichtiger als ich, sein Gegenüber. Wenn doch alle die gleiche Würde haben, dann darf so etwas nicht vorkommen – wir müssten gleich behandelt werden. Ich denke auch an Menschen, die auf der Flucht sind, oder an Menschen, die entlassen werden, nur weil andere dadurch Kosten sparen und noch mehr verdienen. Und ich denke an Leute, die auf der Straße leben und betteln müssen. Ich erlebe immer wieder, dass sie ausgegrenzt, ignoriert und abgespeist oder auch links liegen gelassen werden.

Menschen mögen unterschiedlich viel wert sein, wenn man hochrechnet, was sie leisten oder erwirtschaften. Aber alle haben die gleiche Würde. Ich weiß nicht, ob das etwas ändern würde, aber ich will mal mit den Zahlen der Forscher spielen, die berechnet haben, was das Baumaterial eines Mensch wert ist: Wie wäre es, wenn ich jedem ein Preisschild auf die Stirn male – rein fiktiv: „Wert: 40 Millionen.“ Wirklich jedem Menschen – egal, wer er ist und was er leistet. Und dazu einen Vermerk: „Ja, ich bin wertvoll. Ziemlich sogar. Denn ich habe eine Würde.“

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


[1] Vgl. Gedankenexperiment. Der Wert des Lebens. 23. Januar 2018. Quelle: https://www.zeit.de/zeit-wissen/2018/01/wert-menschen-gedankenexperiment-summe.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 13.02.2020 gesendet.


Über den Autor Thomas Macherauch

Als gebürtiger Karlsruher, geboren 1977, ist Thomas Macherauch nach seinem Studium der Katholischen Theologie in Freiburg Pastoralreferent in der Erzdiözese Freiburg geworden. Nach seiner journalistischen Medienausbildung am ifp München betreute er die Öffentlichkeitsarbeit seines Dekanats und war Pastoralreferent in der katholischen Seelsorgeeinheit Mühlhausen. Seit Februar 2015 ist Thomas Macherauch Dekanatsreferent im Katholischen Dekanat Bruchsal. Kontakt:         referent@kath-dekanat-bruchsal.de
Information:  www.kath-dekanat-bruchsal.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche