Morgenandacht, 10.02.2020

von Thomas Macherauch, Freiburg

Whisky – eine flüssige Predigt

Whisky ist wie eine flüssige Predigt. Das habe ich neulich gehört, als ich bei einer Whiskyverkostung war. Und ich habe mich gewundert: eine Predigt legt doch die Bibel aus, sie erzählt von Gott und von dem, was er gesagt und getan hat, und sie hat etwas mit mir zu tun. Wie soll das bei Whisky funktionieren?

Dann habe ich aber gehört, was „Whisky“ eigentlich bedeutet. Das Wort hat schottisch-gälische Wurzeln und heißt „Wasser des Lebens“. Dieser Begriff stammt aus der Bibel. „Wasser des Lebens“ ist vor allem im letzten Buch der Bibel wichtig, in der Offenbarung (vgl. Offb 21,6). Dort wird das Jenseits beschrieben, in dem alle vom „Wasser des Lebens“ trinken dürfen, die das möchten. Die Offenbarung beschreibt, was damit gemeint ist: Gott sorgt für die Menschen und ist für sie da. Er befreit sie am Ende von allem, was ihnen Angst macht, und er heilt, was in ihrem Leben zerbrochen ist. „Wasser des Lebens“ ist also ein Bild dafür, dass sich Gott den Menschen zuwendet. Wenn man Whisky so genießt, dann kann das alles gedanklich mitlaufen.

Mancher Whisky lagert in Fässern am Meer und hat eine Salznote. Ein anderer kommt aus dem Inneren des Landes und hat ein anderes Aroma. Kenner schmecken diese feinen Nuancen! Im Whisky spiegelt sich also, woraus und wie er gemacht ist. Schon ein kleiner Schluck erzählt vom Klima und der Landschaft, davon, wie er gelagert wurde und gereift ist. Whisky ist also eine Art destillierte Essenz der Welt. So gesehen kann jeder einzelne Schluck zur Predigt werden.

Wolfgang Rothe, ein Priester und Whisky-Liebhaber, hat mal gesagt[1], wer Whisky verkoste, meditiere die Schöpfung. Und er meint damit genau das. Im Whisky könne man entdecken, wie Gott und Mensch zusammen etwas schaffen. Man könne erleben, was herauskommt, wenn Menschen tun, was in der Bibel steht (vgl. Gen 1,28), und sich die Welt untertan machen. So wie es dort gemeint ist: indem sie die vielen tollen Ressourcen nutzen, die Gott ihnen schenkt; verantwortungsvoll und mit Bedacht.

Ich erinnere mich noch gut, wie der Referent an dem Abend seinen Whisky verkostet hat: ganz langsam und mit allen Sinnen. Darin liegt für mich eine weitere Spur, warum Whisky eine flüssige Predigt ist. Denn ihn so zu verkosten, macht achtsam.

Kenner überlegen sich genau, wann sie welchen Whisky genießen. Sie schauen, was zu ihrer Stimmung passt: ein Whisky, der erdet, oder einer, der fruchtig ist. Sie sehen sich die Verpackung genau an; ebenso die Flasche. Und sie hören genau hin, wenn sie sie öffnen; das steigert ihre Vorfreude. Kenner betrachten auch die Schlieren im Glas. Sie verraten etwas über das Alter des Whiskys. Man nennt sie auch „Kirchenfenster“. Warum weiß ich nicht genau. Aber vielleicht hat es damit zu tun, dass man den Whisky in einem anderen Licht sieht, wenn man ihn so bewusst im Glas schwenkt. Das ist ein richtiges Ritual; fast wie ein Gottesdienst, in dem es um etwas Heiliges geht. Und schließlich riechen und schmecken Kenner jeden einzelnen Tropfen. Mir denkt noch gut, wie andächtig unser Referent das getan hat. Er hat es kommentiert und gesagt: „Dieser kleine Schluck ist so intensiv und wertvoll. Wie viel mehr dann ich und jeder Augenblick des Lebens?“

Wie solche Kenner ihren Whisky verkosten, hat mich beeindruckt. Sie nutzen wirklich alle Sinne und sind so achtsam! Davon kann ich viel lernen. Ich selber mache nämlich oft Dinge gleichzeitig; das ist mir da erst richtig klargeworden. Dadurch geht oft viel Qualität verloren: allein schon, wenn ich mittags im Büro etwas esse und dabei E-Mails beantworte. Ich merke dann gar nicht so recht, was ich da tue. Das ist nicht nur ungesund. Ich kann es dadurch auch nicht wertschätzen! Wäre ich mehr bei der Sache, wüsste ich, was ich zu mir nehme und was mir da Leckeres geschenkt ist. Ich könnte viel besser spüren, was mir gut tut und was nicht. Die Sinne bewusst einzusetzen und aufmerksam bei einer Sache zu sein, macht übrigens auch achtsamer für andere: denn wenn ich im Augenblick bin, bin ich präsent und ganz für sie da.

Whisky ist eine flüssige Predigt. Ich glaube, da ist was dran. Wenn ich das „Wasser des Lebens“ bewusst verkoste, kann ich etwas von Gott erahnen. Ich kann die Schöpfung schmecken und achtsam werden – für mich und die Welt.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


[1] Vgl. Priesterkragen und Whiskyglas. Interview mit Wolfgang F. Rothe. 30. Mai 2015.- meinwhisky.com/2015/05/priesterkragen-und-whiskyglas-interview-mit-wolfgang-f-rothe/

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 10.02.2020 gesendet.


Über den Autor Thomas Macherauch

Als gebürtiger Karlsruher, geboren 1977, ist Thomas Macherauch nach seinem Studium der Katholischen Theologie in Freiburg Pastoralreferent in der Erzdiözese Freiburg geworden. Nach seiner journalistischen Medienausbildung am ifp München betreute er die Öffentlichkeitsarbeit seines Dekanats und war Pastoralreferent in der katholischen Seelsorgeeinheit Mühlhausen. Seit Februar 2015 ist Thomas Macherauch Dekanatsreferent im Katholischen Dekanat Bruchsal. Kontakt:         referent@kath-dekanat-bruchsal.de
Information:  www.kath-dekanat-bruchsal.de

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