Morgenandacht, 12.02.2020

von Thomas Macherauch, Freiburg

Mist

Einmal im Jahr gibt es bei mir zuhause eine Pferdeprozession. Die Spuren davon sind den ganzen Tag zu sehen, denn überall liegt Pferdemist. Ich habe mal beobachtet, wie ein Autofahrer dem Mist ausweichen wollte. Sein Wagen war wohl frisch geputzt und sollte sauber bleiben. Doch dann kam Gegenverkehr, hat den Dreck hochgeschleudert und es war passiert: das Auto war gesprenkelt und der Fahrer ganz schön sauer.

Ich glaube, im Leben ist es manchmal wie mit diesem Auto: Wie schön ist es, wenn alles glänzt und sauber ist, wenn möglichst wenig stinkt oder schief geht. Aber so läuft das nicht: Mist passiert. Und zwar ganz unterschiedlich.

Manchmal bin ich selber schuld. Ich baue Mist und mache Fehler, die ich womöglich ein Leben lang bereue. Ich verletze jemanden, kündige eine Freundschaft auf oder schlage ein Jobangebot aus, das nie mehr wiederkommt. Auch die Bibel kennt Beispiele dafür, dass Leute Mist bauen: König David hat eine Affäre, Jakob betrügt seinen Bruder Esau und der Zöllner Zachäus zieht Leute über den Tisch.

Manchmal sehe ich den Mist auch kommen, kann ihm aber nicht ausweichen. Ich weiß zum Beispiel von mir, wie stur und nachtragend ich sein kann und dass das immer wieder mal zu Streit führt. Doch obwohl ich das weiß, kann ich nicht aus meiner Haut. Auch das kennt die Bibel: Der Prophet Elija ist depressiv. Und Mose, der Mann, der Israel aus Ägypten führen soll, traut sich wenig zu, weil er stottert.

Schließlich fliegt Mist auch an mich heran, ohne dass ich etwas dagegen tun kann: wenn ich krank oder gekündigt werde oder mich um mein Kind sorge, weil es vielleicht die Schule nicht packt. Hiob ist das Extrembeispiel der Bibel: Er verliert alles, was er besitzt, seine Kinder sterben und dann wird er auch noch schwer krank.

Man kann mit solchem Mist ganz unterschiedlich umgehen:
Ich kann mir manches schönreden und einfach weitermachen.
Ich kann auch versuchen, den Mist zu umfahren und mich dann aufregen, wenn es nicht klappt – wie der Autofahrer bei mir zuhause.
Schließlich kann ich an dem ganzen Mist auch verzweifeln und zerbrechen.

Man kann sich dem Mist aber auch stellen, ihn akzeptieren und das Beste daraus machen. In der Bibel wenden sich die Geschichten immer dann zum Guten! Jakob ist weggelaufen. Aber er hat keine Ruhe. Eines Tages geht er wieder nach Hause, versöhnt sich mit seinem Bruder Esau und die beiden feiern ein Fest. Auch Zachäus stellt sich seinen Fehlern: Er gesteht sich ein, dass er es mit dem Zoll übertrieben hat; ab da bleibt er fair. Mose befürchtet, dass das Volk Israel auf keinen hören wird, der stottert. Er spricht das aus und vertraut es Gott an. Und der stellt ihm dann Aaron zur Seite, einen, der gut reden kann.

Ich denke, im Leben ist das genauso: Wer sich Fehler eingesteht, kann sie wieder gut machen. Wer sich mit etwas arrangiert, ist zufriedener und kann nach vorne schauen. Und auch wenn mein Kind die Schule abbricht, geht das Leben doch irgendwie weiter.

Den Mist des Lebens anzunehmen, ist aber nicht leicht. Ich muss mir eingestehen, dass ich nicht perfekt bin, Fehler habe und Fehler mache. Ich muss bereit sein, gelassener zu werden und mich womöglich zu verändern. Und es braucht Mut; so etwas wie Gottvertrauen. Ich muss daran glauben können, dass sich Dinge zum Besseren wenden oder: dass Gott sie zum Besseren wandelt.

Der Theologe Johannes Tauler hat im 14. Jahrhundert mal etwas gesagt, das mir ziemlich gut gefällt. Er beobachtet sein Pferd im Stall und sieht, wie es Mist macht. Aber er sieht auch, wie es den eigenen Mist dann mit großer Mühe auf den Acker zieht, wo er zum Dünger wird, aus dem Weizen und Wein wachsen. Tauler greift das auf und sagt sinngemäß: Zieh auch du deinen Mist auf den Acker Gottes. Das ist anstrengend. Aber wenn du demütig bist und gelassen, dann wächst etwas daraus.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 12.02.2020 gesendet.


Über den Autor Thomas Macherauch

Als gebürtiger Karlsruher, geboren 1977, ist Thomas Macherauch nach seinem Studium der Katholischen Theologie in Freiburg Pastoralreferent in der Erzdiözese Freiburg geworden. Nach seiner journalistischen Medienausbildung am ifp München betreute er die Öffentlichkeitsarbeit seines Dekanats und war Pastoralreferent in der katholischen Seelsorgeeinheit Mühlhausen. Seit Februar 2015 ist Thomas Macherauch Dekanatsreferent im Katholischen Dekanat Bruchsal. Kontakt:         referent@kath-dekanat-bruchsal.de
Information:  www.kath-dekanat-bruchsal.de

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