Feiertag, 16.02.2020

von Christopher Hoffmann, Neuwied

„Leben ist mehr als sich bewegen.“ Samuel Koch und der Glaube 10 Jahre nach dem Unfall bei „Wetten, dass ...?“

Auf einmal querschnittsgelähmt. So erging es Samuel Koch vor zehn Jahren. Der ehemalige Leistungsturner sitzt seitdem in einem Rollstuhl. Kraft schöpft er aus seinem Glauben.

© NTM

„Ich hatte viel, viel Zeit so nachzudenken und lag sehr lange nur rum und wenn man das tut, dann hinterfragt man natürlich vieles, wenn nicht gar alles, wobei das nicht ganz möglich ist und da musste ich einfach auch herausfinden, was das Leben im Kern ausmacht und für mich ausmacht

Also Leben ist mehr als sich bewegen zu können, das war ein langer Prozess und eine Erkenntnis, die ich mir auch immer wieder sagen muss, dass das Leben mehr zu bieten hat und wenn man das wirklich überprüft, kommt man wirklich zu dem Schluss: Nein, also, das Leben muss mehr sein als sich bewegen zu können.“

Das sagt Samuel Koch. Seit seinem Unfall in der Sendung „Wetten dass…?“ ist er vom Hals abwärts gelähmt. Davor lebte er für den Sport: Als Leistungsturner und Bewegungskünstler hatte der durchtrainierte Athlet zahlreiche Wettbewerbe gewonnen und gerade seine Aufnahmeprüfung für ein Schauspielstudium bestanden. Dann der Unfall im Dezember 2010 vor laufender Kamera und 10 Mio. Zuschauern: Samuel Koch stürzt bei dem Versuch im Vorwärtssalto über ein fahrendes Auto zu springen. Es folgten: Tage des Bangens unter Lebensgefahr und ein Jahr Aufenthalt in Klinik und Reha.

Zurück ins Leben finden

Heute – fast zehn Jahre später – ist Samuel Koch mit 32 Jahren dreifacher Bestsellerautor und diplomierter Schauspieler. Er füllt Kinos, Theatersäle und Messehallen bei Kirchentagen. Weil er Menschen Mut macht und sie beeindruckt. Auch mich. Wir sind fast gleich alt. Ich begleite ihn auf einer seiner Lesungen und im Theater, wo er für eine aktuelle Produktion probt. Ich will den Menschen Samuel Koch kennenlernen, der nach seinem Unfall schwer mit dem Leben haderte. Er schildert mir den Moment, in dem er in der Klinik neuen Lebensmut fasst – am absoluten Tiefpunkt, da realisiert er:

„Ok, die Zukunft wird nie wieder sein wie ich es wollte, und alle meine Träume, alle meine Wünsche, alles war zerstört. Und ich fühlte mich nur furchtbar, durfte so zum ersten Mal ein paar Minuten im Rollstuhl sitzen, wo ich eigentlich gar nicht hin wollte und dann wurde ich eben so in dieser Frustration zum ersten Mal nach draußen geschoben auf den Balkon und hab dann zum ersten Mal so seit sehr langer Zeit bewusst durch Mund und Nase eingeatmet –Und gemerkt: Herrlich! Und hab zum ersten Mal wieder die herrliche Natur gesehen, den See, die Berge, die schneebedeckten, den Himmel und die Sonne, die so ein bisschen mich ab und zu geblendet hat – und wo ich dachte: Oh, davon will ich mehr. Ich wende mich noch öfter an den Erfinder des Rückenmarks, auch wenn ich ihm schon vorgeschlagen hatte, es wäre besser gewesen er hätte vielleicht zwei Kanäle angebracht um einen als Ersatz zu haben.“

Bei diesen letzten Sätzen grinst Samuel Koch schelmisch – seinen Humor hat er sich nicht nehmen lassen. Der einstige „Sunnyboy“ ist auch heute noch „ganz nah an der Sonne gebaut“, wie er selbst es nennt. Das hat auch ganz viel mit seinem Glauben an den Erfinder des Rückenmarks zu tun: Für Samuel Koch ist sein christlicher Glaube neben seiner Frau, seinen Freunden und seiner Familie die entscheidende Kraftquelle. Ein Glaube, der sich durch den Unfall auf jeden Fall verändert hat. Genauso wie sein Gebet:

„Ich habe jetzt vor nicht allzu langer Zeit wieder mit nem guten, besten Freund ein Kloster besucht, wo wir einfach im Stille- und Schweigebereich waren, einfach nichts gemacht haben, in die Natur raus sind, Kontemplation betrieben haben, Gott schauen, Natur schauen, das kann ein Teil des Gebets sein. Natürlich gibt es auch ein flehendes Gebet, oder jetzt habe ich gerade mit einem Mädchen gesprochen, bzw. ich hab gesprochen, sie kann nicht mehr sprechen, sie hat ALS, hat ihre Stimme verloren, ihr Körper wird immer schwächer bis sie bald ersticken wird, das ist die Diagnose. Und da muss ich auch Gott sagen: Ich versteh das nicht, was soll das? Das macht mich fertig! Und ich bin so ohnmächtig. Und dann finde ich ist der nächste Teil von Gebet, dass man auch vertraut: dass da jemand ist, der seine Kinder lieb hat. Und so ist Gebet für mich auch eine Art von Kommunikation in der lebendigen Beziehung.“

„Gott gibt Kraft für jeden einzelnen Tag“

Samuel Koch vertraut, und in diesem Vertrauen hält er Gott seine Schmerzen und Zweifel hin – im Gebet. Tief beeindruckt hat mich eine Passage aus Samuel Kochs erstem Buch „Zwei Leben“. Er hat es eineinhalb Jahre nach seinem Unfall geschrieben:

„Diese Schmerzen sind doch total unnötig! Sie nützen niemandem etwas. [...] Geht´s denn nicht auch ohne?“

 „Rückblickend weiß ich gar nicht, wie ich das alles überstanden habe. Aber Gott gibt Kraft für jeden einzelnen Tag.“

So hat das auch meine Oma immer gesagt: ‚Gott gibt Kraft für jeden einzelnen Tag.‘ Sie saß ebenfalls seit jungen Jahren im Rollstuhl. Und wurde trotz ihrer Einschränkungen zum kraftvollen Mittelpunkt unserer Familie. Auch sie haderte zu Beginn sehr mit ihrer Situation – irgendwann aber nahm sie sie an. Und lebte aus dem Vertrauen, dass Gott sie nicht fallen lässt – jeden Tag neu. Vielleicht fasziniert mich auch deshalb Samuel Koch so, wenn er sagt, dass das Leben mehr ist, als sich bewegen und etwas leisten zu können, weil Gott jedem seiner Kinder schon längst eine unveräußerliche Würde geschenkt hat. Koch ist überzeugt,

„dass man schon wertvoll ist, einfach weil man ist. Durch diesen Zuspruch von einem Gott, dass er uns nach seinem Bilde gemacht hat, und zwar unabhängig von dem was wir einmal für einen Schulabschluss machen, wen wir heiraten, welche Autos wir fahren, wo wir hinreisen und welche coolen Bilder wir posten können.“

Worum es im Leben geht

Samuel Koch macht mich darauf aufmerksam, dass Menschen mit Behinderung ihren Zeitgenossen ohne Behinderung den Spiegel vorhalten können – denn Menschen sind keine Maschinen, und jeder ist in seinem Leben früher oder später auf Hilfe angewiesen. In seinem zweiten Buch „Rolle vorwärts“ findet Samuel Koch, dass zum Beispiel Menschen mit Down-Syndrom ein großes Geschenk sind – auch und gerade in unserer Leistungsgesellschaft:

„Menschen mit Down-Syndrom […] tun der Gesellschaft unendlich gut […]. Einmal weil sie meist ein sonniges Gemüt und eine unendliche Liebes- und Begeisterungsfähigkeit haben. Aber auch, weil sie mit wenigen Ausnahmen bei der modernen Leistungsgesellschaft nicht mithalten können und vielleicht nicht mal wollen. Das geht auch vielen anderen, nichtbehinderten Menschen so, nur ist es bei denen nicht so offensichtlich - dafür kriegen sie dann irgendwann ein Burnout […].

Vielleicht ist es daher unverzichtbar, dass es Leute wie die mit Down-Syndrom gibt oder auch wie mich, die nicht so reibungslos funktionieren und uns bewusst machen, dass Leistungsfähigkeit nicht der Maßstab für den Wert eines Menschen ist.“[1]

© NTM

Wenn Samuel Koch Sätze wie diese bei seinen Lesungen aus seinen Büchern vorträgt, dann lauschen ihm Männer in smarten Anzügen und Frauen in High Heels genauso wie zahlreiche Menschen mit Behinderung – und sie nicken. Und suchen nach der Lesung den Kontakt zu Samuel Koch, der sich Zeit nimmt für Gespräche. Und für Selfies. Begeistert zeigen mir Schüler einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung ihr Foto mit Samuel – er verkörpert für sie nicht das bemitleidenswerte Opfer, auf das unsere Gesellschaft diese Schüler oft reduziert. Er verkörpert Lebensfreude und Stärke. Mit seinem Gottvertrauen und seinem Humor erreicht er das heterogene Auditorium und gibt den hunderten Menschen im Saal Denkanstöße für ihr eigenes Leben – auch mir. In seinem neuesten Buch „Steh auf Mensch“, das 2019 erschienen ist, schreibt Samuel Koch:

„Die allermeisten Leute scheinen nach dem Prinzip zu leben: Tun-Haben-Sein. Das heißt: Sie tun etwas: arbeiten, studieren, errichten […] verdienen und so weiter. Daraufhin haben sie etwas: Geld, einen Abschluss, […] Erfolg,[…] größere Brüste, ein Haus und so weiter. Dann erst sind sie etwas. […]
Was aber, wenn das Haus abbrennt, ein anderer den Job bekommt oder der Zahn der Zeit an der schönen Optik nagt? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich glücklicher bin, wenn ich das umdrehe: Sein-Haben-Tun. Wir sind schon wertvoll, einfach weil wir sind. Wenn das Tun wegfällt, sind wir am Schluss immer noch wer […] Vielleicht heißt es deshalb im Englischen auch „human being“ und nicht „human doing.“

Mit Rollstuhl auf der Bühne

Ich besuche Samuel Koch am Nationaltheater Mannheim. Gerade läuft die Probe für das Stück „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ von Rainer Werner Fassbinder. Es ist bereits die zweite Station für den jungen Schauspieler, nachdem er im Staatstheater Darmstadt erfolgreiche Produktionen feiern konnte. Samuel betritt nicht die Bühne, er fährt mit seinem Elektrorollstuhl von hinten in die Szenerie. Und dann fesselt er mich mit seiner Stimme und mit seiner Mimik – denn das ist sein Pfund, mit dem er wuchern kann. Der erste Schauspieler mit Querschnittslähmung, der eine Festanstellung an einem deutschen Theater hat, wurde in seinem Studium zunächst damit konfrontiert, wie hart und schmerzhaft es sein kann, wenn man sich nicht bewegen kann wie die anderen. Aber auch wie gut es tut, sich auf das zu besinnen, was geht: 

„Und das war dann schon in verschiedenen Unterrichtsfächern – Körperstimmbildung, gibt ja auch Akrobatik, Reiten, Steppen, Tanzen und Fechten usw., das fiel für mich weg, das heißt ich wurde ziemlich radikal konfrontiert mit meinem Unvermögen. Das war natürlich nicht immer schön. Und gleichzeitig war das, glaube ich, auch eine gute Konfrontation, weil es mich fast gezwungen hat nicht nur zu schauen: „Was kann ich jetzt nicht mehr?“, sondern eben zu gucken: „Was kann ich noch?“

Das Theater als Ort von Phantasie und Kreativität, das nach neuen Lösungen sucht, um Samuel Koch bisher ungeahnte Möglichkeiten der Mobilität zu eröffnen: Ob in Johann Wolfgang von Goethes „Faust“, Jack Londons „Ruf der Wildnis“ oder Franz Kafkas „Bericht für eine Akademie“ – immer wieder  probiert er mit seinen Kollegen am Theater auch außergewöhnliche Wege aus, um seinen Bewegungsradius zu erweitern:

„Dieses Bewegungskonzept, dass wir mich an einen ehemaligen Kommilitonen drankletten, was wir mit Hilfe von Orthopädiemechanikern optimiert hatten und mit so Korsettkonstruktionen – das war mit Sicherheit ein Highlight. Und dann durfte ich ziemlich hoch über der Bühne, kopfüber an einer Bungeesprungmanschettenkonstruktion, über dem Bühnenbild fliegen und dort meinen Schlussmonolog rezitieren, was großen Spaß gemacht hat.“

Ohne Hilfe geht es nicht

In einem Interview für die ZEIT sagte Samuel Koch einmal: „Auf der Bühne fühle ich mich frei.“ Und tatsächlich: Im Rampenlicht des Theaters spielt die Behinderung kaum eine Rolle. In solchen Momenten vergisst man beinahe, dass Samuel Koch ohne Unterstützung gar nicht existieren könnte. Für 21,3 Stunden täglich genehmigt die Krankenkasse ihm einen Betreuer. Zwei Pfleger aus dem Pool von Samuel Koch lerne ich bei meinen Besuchen kennen – lockere und sehr zurückhaltende Typen. Wenn man so viel Zeit miteinander verbringt und so in die Intimsphäre eines Menschen vordringt, dann muss auch die Chemie stimmen. Als Samuel mit einem der Betreuer zur Probe erscheint, hat er eine schwarze Strickmütze an. Bevor ich für ‚social media‘ ein Bild von ihm auf der Bühne machen darf, wischt ihm sein Betreuer nochmal kurz durch das blonde Haar. Ich erinnere mich an die Szene, als ich später in einem von Samuel Kochs Büchern folgenden Absatz lese:

„Ein ganz eigenes und oftmals schmerzvolles Thema ist die Frisur. Ich spüre in meinen Händen förmlich noch den Griff, mit dem ich innerhalb von ein bis zwei Sekunden mein Haare ausgehfertig strubbeln konnte. Ich versuche immer wieder das den Assistenten zu erklären, sie versuchen es umzusetzen und wir probieren ewig herum. […] und ich sage: ‚Zieh mir einfach eine Mütze an.‘“

Die Pfleger sind natürlich nicht nur für das Styling zuständig. Sie lenken das eigens umgebaute Auto, mit dem wir zur Lesung fahren. Sie kümmern sich um alles medizinisch Notwendige. Es ist gar nicht einfach Pfleger zu finden, erzählt mir Samuel Koch. Die Pfleger sind Ersatzhände und -beine, die ihn schlichtweg am Leben halten. Er weiß aus eigener Erfahrung: Die Pflegeberufe müssen viel mehr geschätzt werden, gesellschaftlich und finanziell. 

„Wenn man wirklich was verändern will, muss es von der Gesetzeslage, also auch durch die Politik, beeinflusst werden. Der Pflegenotstand ist in Kliniken und Heimen akut und noch akuter ist es dann in der häuslichen Pflege und noch akuter ist es in der häuslichen Intensivpflege und noch akuter in der häuslichen Kinderkrankenintensivpflege, und mit denen ich viel Kontakt habe, die komplett verzweifeln, weshalb wir auch einen Verein gegründet haben, der sich genau um Familien und Angehörige sorgt, kümmert und unterstützt.“

Kraft schöpfen aus dem Glauben

Viele wenden sich an Samuel Koch mit der Bitte um Rat. Er weiß, dass er durch seinen Unfall bei „Wetten dass…?“ eine öffentliche Aufmerksamkeit erreicht hat, die anderen Menschen mit Behinderungen nicht zuteilwird.

Während wir nach der Theaterprobe zu seiner nächsten Lesung fahren, wird mir klar, welches Pensum an Presseanfragen und an persönlichen Samuel Koch jeden Tag bewältigt. Sein Handy steht fast nie still. Deshalb will er seine Prominenz auch nutzen, um politisch etwas zu verändern und auf Missstände hinzuweisen. Und in vielen persönlichen Gesprächen auch nach konkreten Lösungen für Menschen zu suchen, die wie er im Rollstuhl unterwegs sind oder allgemein unter der angespannten Pflegesituation leiden. Dass er nach seinem Unfall nicht selbstzentriert nur auf den eigenen Vorteil schaut, hat für Samuel Koch ganz wesentlich mit seinem Glauben zu tun. Auch das wird Thema in seinen Vorträgen. Er zitiert einen Bibelvers, der ihm zum Leitmotiv geworden ist:

„Im Matthäusevangelium liest man ja, dass Jesus sagt: ‚Wer sein Leben gewinnen will, der wird es verlieren und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es gewinnen‘ (Mt 16,25).“

Ein Vorbild sind für ihn Menschen wie Mutter Theresa. „Nur indem man von sich selbst wegsieht, kann man sich finden“, schreibt Samuel Koch in seinem Buch „Steh auf Mensch“. Ein ganzes Kapitel widmet er der Überschrift „Dienen“. Sein Leben für andere investieren, das ist für ihn ein Weg zum Glück:

„Und dieses Investieren in andere Menschen ist mittlerweile fast zu einer Leidenschaft geworden, es gibt für mich nichts Schöneres, einfach wenig Schöneres, als dazu beizutragen, andere Menschen glücklich zu machen, zumal das dann auch eine wechselwirkende Freude ist.  Mich auch als Dienstleister zu begreifen in dieser Welt; in Beziehung mit meinen Mitmenschen, und mich nicht ständig zu fragen: Was ist mir die Welt schuldig? Was bietet mir noch dieses Land? Sondern die Umkehrung: Was habe ich der Welt zu bieten? Und diese Denkweise ist inspiriert durch meinen Glauben.“

Lieben kann ich noch

In seinem Buch „Steh auf Mensch“ schreibt Koch: „Auch wenn ich vieles nicht mehr kann – lieben kann ich noch.“

Was für ein starker Satz: Lieben kann ich noch! Das bezieht er auf seine Frau Sarah Elena Timpe, die ebenfalls Schauspielerin ist und die Samuel bei Dreharbeiten kennenlernte. 2016 haben sie geheiratet. Das bezieht er aber auch auf Menschen auf der ganzen Welt: Im Sommer 2019 reiste Samuel Koch gemeinsam mit seiner Frau nach Uganda – um dort jene Menschen zu besuchen und zu unterstützen, die aufgrund ihrer Behinderung diskriminiert, manchmal sogar getötet werden.

„Wir haben ehemalige Kindersoldaten besucht und mit denen gesprochen. Und wir haben ein Rehabilitationszentrum besucht für Kinder und Menschen, die darunter gelitten haben, dass es dort noch sehr häufig „child sacrifice“ gibt, also Kinderopferungen und die Spiritualität auch in der schwarzen Magie in Form von „witch doctors“ sehr präsent ist. Also als wir ein Kind getroffen haben, das eine Enthauptung überlebt hat, weil es eine Machete in die Wirbelsäule bekommen hat, ähnlich hoch gelähmt ist wie ich, als ich mit dem auf meinem Schoß im Elektrorollstuhl rumgefahren bin, das waren natürlich heftige Begegnungen.“

Wenn Samuel Koch von seiner Afrikareise erzählt, wird deutlich, wie lebenshungrig er ist. Damit ist er Vorbild für ganz viele Menschen, die aufgrund ihrer Einschränkungen nicht mehr reisen, oft sogar nicht mehr vor die eigene Haustür gehen wollen. Sie schreiben ihm. Und er wird für sie zum „Steh-auf-Mensch“.

Und was lässt Samuel Koch aufstehen? Sein Glaube an Gott und die Erwartung, dass das Hier und Jetzt noch nicht alles ist:

„Ich bin eigentlich überzeugt davon oder glaube, dass es noch mehr gibt. Dietrich Bonhoeffer hat das mal, meiner Meinung nach, ganz schön formuliert, in dem er immer von dem Vorletzten sprach, dass alles was uns hier auf der Welt begegnet an Leid, Schmerz, Kummer und Trauer, nur das Vorletzte ist und dass das Letzte uns noch erwartet. Und diese Aussicht auf Mehr verändert natürlich meinen ganzen Blick und meine Perspektive auf das Leben im Hier und Jetzt.“

Die Aussicht auf das Mehr von dem Samuel Koch spricht, ist die Aussicht auf ein kommendes Leben bei Gott. Deshalb, so schreibt er in seinem Buch „Rolle vorwärts“, muss er nicht krampfhaft versuchen, dieses irdische Leben möglichst vollzupacken. Er achtet es aber auch nicht gering. Im Gegenteil: Er versucht, seine Perspektive auf die schönen Dinge zu verschieben, die ihm hier bleiben: So erstellt er regelmäßig Dankbarkeitslisten, wie er es nennt: Er zählt dabei Dinge auf, für die er dankbar ist: die Schönheit der Schöpfung, Vogelgezwitscher am Morgen, Freunde, gute Musik aber auch die Entdeckung der Mikrowellen, die so schnell ein Kirschkernkissen aufheizen können, das dann seinen Nacken wärmt.

„Gott ist wie ein Navigationssystem“

Ich bin dankbar für die Zeit, die ich mit Samuel Koch verbringen durfte. Als ich abends wieder den Heimweg antrete, bin ich dankbar für jeden Schritt, den ich gehen kann.

Vor zehn Jahren hat sich das Leben des jungen Mannes komplett verändert. Er glaubt nicht, dass es Gottes Plan war, dass er nun gelähmt ist. Er bezweifelt, dass es einen in Stein gemeißelten Plan für sein Leben überhaupt gibt. Aber er hält an dem Glauben fest, dass dieser Gott ihn begleitet – wie auch immer sein Leben weitergeht. Und dieses Gottvertrauen trägt ihn jeden Tag neu:

„Deswegen gefällt mir die Vorstellung ganz gut, dass Gott eher so ist wie eine Art Navigationssystem, das dann, wenn man die Route verlassen hat, einem seelenruhig sagt: ‚Die Route wird neu berechnet‘.“



[1] Quelle: Samuel Koch: Rolle vorwärts. Das Leben geht weiter als man denkt, S. 176. adeo-Verlag, 2015.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 16.02.2020 gesendet.


Über den Autor Christopher Hoffmann

Christopher Hoffmann, geboren 1985 im Hunsrück, ist Pastoralreferent und Rundfunkbeauftragter bei der Katholischen Rundfunkarbeit am SWR.  Nach dem Studium der Theologie in Trier und Freiburg und der Seelsorgeausbildung im Rheinland ist er aktuell in der Pastoral für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Raum Neuwied aktiv. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er am ifp in München. In seiner Freizeit liebt er Musik und singt seit vielen Jahren in verschiedenen Bands und Chören. Kontakt: christopher.hoffmann@bistum-trier.de

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