Wort zum Tage, 06.02.2020

von Dietmar Kretz, Würzburg

Erinnern

In vielen Aus- und Fortbildungen bekommt die sogenannte Biographiearbeit immer mehr an Bedeutung. Dabei wird auf die eigenen Vergangenheit geschaut, um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft zu gestalten.

Nicht nur für Individuen sondern auch für Gemeinschaften spielen Gedächtnis und Erinnerung eine besonders wichtige Rolle. Denn die Erinnerung macht deren Identität aus.

Heute vor 100 Jahren wurde ein Mann geboren, der eng mit dem Thema Erinnerung verbunden ist: Max Mannheimer. Er starb 2016 mit 96 Jahren. Max Mannheimer hat die Schoah überlebt. Liest man seine Erinnerungen, dann steht die Frage im Raum, wie viel ein Mensch aushalten kann: an Demütigung, Vertreibung, Tod der Familie, brutale Gewalt, Misshandlung, Hunger und Krankheit. 20 Jahre hat Max Mannheimer gebraucht, bis er das in seinem sogenannten späten Tagebuch aufschreiben konnte. Es war für seine Tochter bestimmt und es dauerte noch einmal 20 Jahre bis er es veröffentlichte.

Bis zuletzt verschrieb er sich der Erinnerung, ging an Schulen, Universitäten, gab Seminare, hielt rastlos Vorträge vor großen und kleinen Gruppen. Seinen Beitrag zur Erinnerungskultur hat er einmal so zusammengefasst: „Ich komme als Zeuge jener Zeit in die Schulen, nicht als Richter oder Ankläger.“ Wer in seine Augen blickt, nimmt ihm das sofort ab. Die Güte schaut aus ihnen heraus. Sie hatte Max Mannheimer nicht verloren. Trotz seiner Erlebnisse? Oder gerade deswegen?

Wir ehren seinen heutigen Geburtstag, wenn wir das tun, was jede Erinnerung macht: Sie unterbricht die Gegenwart und lädt ein, die Zukunft neu zu bedenken. Was ist mir wichtig und was ist uns wichtig? Was dürfen wir nicht vergessen? Die Erinnerung an den Nationalsozialismus und seine Folgen ist keine niederdrückende Last. Sie zeigt, wozu ein Wir, wozu eine Gemeinschaft fähig ist. Das friedliche Zusammenleben in der Demokratie ist eben alles andere als selbstverständlich.

Diese Erinnerung kostet Kraft und Arbeit – für den einzelnen Menschen wie auch für die Gemeinschaft. Doch in der Verantwortung stehen wir. Max Mannheimer sagt es so: „Ihr seid heute nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon."

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 06.02.2020 gesendet.


Über den Autor Dr. Dietmar Kretz

Dr. Dietmar Kretz, Jahrgang 1971, ist Studienleiter an der Domschule in Würzburg mit den Schwerpunkten Glauben und Kirche. Zuvor hat er Theologie und Mathematik studiert. Nach der theologischen Promotion war er in der  Gemeindepastoral tätig bis er in die Erwachsenenbildung gewechselt ist.

Kontakt: Am Bruderhof 1, 97070 Würzburg dietmar.kretz@domschule-wuerzburg.de

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