Wort zum Tage, 05.02.2020

von Dietmar Kretz, Würzburg

As slow as possible

Heute in genau sieben Monaten ist es soweit, dann blickt die musikalische Welt wieder nach Halberstadt. In der Burkardikirche wird dort das Stück „Organ 2“ von John Cage aufgeführt. Der Komponist hat dem Stück den Beinamen gegeben: As slow as possible – so langsam wie möglich. Also als Anweisung, wie das Stück zu spielen ist. Im Jahr 2001 hat die Aufführung begonnen, die 639 Jahre lang andauern soll. Und zwar deshalb, weil in Halberstadt vor 639 Jahren die erste Großorgel in einer Kirche aufgebaut wurde. In sieben Monaten, also am 5. September, wird in Halberstadt der nächste Klangwechsel des langsamsten Musikstückes der Welt zu hören sein.

Zu Beginn im Jahr 2001 wurde die Orgel eingeschaltet. Nur der Motor des Blasebalgs war anfangs zu hören. Denn das Stück beginnt mit einer Pause. Sie dauerte 16 Monate. Dann ertönte der erste Ton. Knapp eineinhalb Jahre später wechselt der erste Klang. Jeder Klangwechsel wird zu einem großen Ereignis. Feierlich wurde das tiefe C begrüßt, das 36 Jahre erklingen wird.

3 Aspekte verbinde ich mit dem Projekt:

Zum einen geht es um ein großes Vertrauen in die Zukunft. Bis ins 27. Jahrhundert wird es andauern – ein Statement gegen alle Untergangspropheten, die das nahe Ende der Welt ankündigen. Und ein musikalischer Impuls gegen die permanenten schlechten Nachrichten aus aller Welt, die eine düstere Musik erzeugen.

Ein zweiter Impuls geht von der Anweisung des Komponisten aus – „so langsam wie möglich“. Die Akteure treiben es mit den 639 Jahren auf die Spitze. In einer Zeit der Schnelligkeit, in der alles möglichst fast and fourius  gehen muss, setzen sie ein Zeichen für die Entschleunigung. Halte inne. Nimm Dir Zeit.

Und schließlich kann dieses Projekt niemand alleine durchführen. Es braucht Menschen, die es angehen und die dann auch loslassen. Die sich verabschieden und anderen die Staffel übergeben. Es verbindet Generationen miteinander.

Mir gefällt das Projekt in Halberstadt. Von einer solchen Hoffnung und Vertrauen in die Zukunft lasse ich mich gerne anstecken, wenn ich auf die Melodie meines Lebens höre.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 05.02.2020 gesendet.


Über den Autor Dr. Dietmar Kretz

Dr. Dietmar Kretz, Jahrgang 1971, ist Studienleiter an der Domschule in Würzburg mit den Schwerpunkten Glauben und Kirche. Zuvor hat er Theologie und Mathematik studiert. Nach der theologischen Promotion war er in der  Gemeindepastoral tätig bis er in die Erwachsenenbildung gewechselt ist.

Kontakt: Am Bruderhof 1, 97070 Würzburg dietmar.kretz@domschule-wuerzburg.de

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