Wort zum Tage, 07.02.2020

von Dietmar Kretz, Würzburg

Optimal

In den Buchhandlungen werden die Regale immer breiter, in denen die Ratgeber-Bücher zum Thema „Selbstoptimierung“ stehen: 7x7 Regeln für eine aufgeräumte Wohnung, 9 Tipps um im Job perfekt zu sein. Die 99 besten Workouts und natürlich die ideale Ernährungsfibel. Da wird die Harmonie von Sport, Ernährung, Arbeit und Freizeit gesucht und bis zur Perfektion vorangetrieben.

Natürlich gibt es dazu auch die entsprechenden Apps: Für Fitness und Bewegung, Kalorienzähler und sogar die Work-Life Balance wird perfekt ausgemessen. Geplante Glückseligkeit – aus mir selbst heraus. Das Ziel ist also, dass ich mich zum perfekten Ich mache. Fehler sollen möglichst ausgemerzt werden. Dahinter steckt das Bild eines Menschen, der so gut wie möglich funktioniert und alles tut, um erfolgreich zu sein. Natürlich zählt nichts mehr in der Leistungsgesellschaft, als wenn ich das alles auch noch selbst schaffe – wenn ich selbstoptimiert bin.

Mit seinem Buch „Pfeif drauf“ attackiert der dänische Psychologieprofessor Svend Brinkmann diesen Selbstoptimierungswahn. Auf humorvolle Weise und mit viel Esprit deckt er eine versteckte Falle bei der Selbstoptimierung auf, die ja auf den ersten Blick doch gar nicht so schlecht daherkommt.

Das Problem, sagt Brinkmann, liege in diesem ständigen auf sich blicken, eben diesem „Selbst“, das dauernd optimiert wird. Wenn das Ich zum Dreh- und Angelpunkt der Welt wird, dann werde ich schnell einsam und auch betrübt. Klingt logisch. So einfach ist auch das Rezept von Brinkmann: Pfeif drauf mit einem Augenzwinkern und such Dein Glück nicht in Dir, sondern mit Deinen Mitmenschen und in der Außenwelt. Es braucht ein gutes Gleichgewicht zwischen mir und meinem Gegenüber. Statt einem Coach, der mit Dir nur auf Dich schaut empfiehlt der Psychologe: „Pflege Deine Freundschaften und teile mit ihnen das Leben.“

Schon die Bibel kennt die Gefahr, wenn der Mensch sich zu sehr in den Mittelpunkt stellt. In einer der Kernbotschaften des Neuen Testaments wirbt sie um eine gute Balance zwischen dem Ich und dem Du und nimmt auch Gott mit hinein. Wenn es heißt: „Liebe Gott und liebe den nächsten wie Dich selbst.“ Gerade das beginnende Wochenende und dann der Sonntag laden doch dazu ein, zu dem einen oder anderen auch zu sagen: Pfeif drauf. Dann wird es im wahrsten Sinne des Wortes vielleicht auch ein Ruhetag.

Für mich ist das optimal.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 07.02.2020 gesendet.


Über den Autor Dr. Dietmar Kretz

Dr. Dietmar Kretz, Jahrgang 1971, ist Studienleiter an der Domschule in Würzburg mit den Schwerpunkten Glauben und Kirche. Zuvor hat er Theologie und Mathematik studiert. Nach der theologischen Promotion war er in der  Gemeindepastoral tätig bis er in die Erwachsenenbildung gewechselt ist.

Kontakt: Am Bruderhof 1, 97070 Würzburg dietmar.kretz@domschule-wuerzburg.de

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