Wort zum Tage, 03.02.2020

von Dietmar Kretz, Würzburg

Radiergummi

Was gehört eigentlich alles in ein ordentliches Mäppchen für die Schule? Klar: Ein Füller zum Schreiben, ein Lineal, um schön zu unterstreichen, Buntstifte zum Malen, das kleine Kuscheltier für die Seele. Selbstverständlich der Bleistift zusammen mit dem genialen Radiergummi, um Falsches wieder wegzulöschen.

Doch ausgerechnet dieses achso praktische Utensil wird in der ersten Klasse in Neuseelands Schulen ganz bewusst weggelassen. Der Radiergummi wird regelrecht aus den Mäppchen verbannt. Dahinter steckt die Haltung, dass das Fehler-Machen nicht nur zum Leben dazu gehört. Aus Fehlern wird auch besonders gut gelernt. In Neuseelands Schulen werden Fehler sogar regelrecht gefeiert. Natürlich bedeuten Fehler auch für die Kinder dort Frustration. Und es bedarf eben pädagogischen Fingerspitzengefühls wie viel man einem Kind davon zumutet.

Auch in meinem Leben kann ich sehr unterschiedlich mit Fehlern umgehen: ich kann sie verschämt ausradieren. So funktioniert ja auch unsere Leistungsgesellschaft. Alles muss perfekt sein und funktionieren. Wir optimieren auf Teufel komm raus. Da haben Fehler einfach keinen Platz. Gerade auch, wenn es andere sehen.

Eine andere Möglichkeit aber ist es, zu seinen kleinen und großen Fehlern und Macken zu stehen. Ihnen eine liebevolle Haltung entgegen zu bringen. Das ist kein Baden oder Verharren im Negativen. Natürlich muss ich nicht nach den Fehlern suchen. Sie kommen schon von alleine und gehören zu meinem Leben dazu.

Die Bibel ist voller Erzählungen und Bilder, in denen Gott um den Menschen oder sein Volk wirbt – trotz oder gerade wegen seiner Fehler. Er ignoriert sie nicht und löscht sie auch nicht weg. Da wird nach dem einen abhanden gekommenen Schaf gesucht und dem verlorenen Sohn entgegengeeilt. Wenn Gott mit mir so barmherzig ist, dann darf ich es auch mit mir sein. Und: so genau weiß ich ja auch nie, ob es denn wirklich ein Fehler oder eine Schwäche ist. Das kann ich meist mit Abstand, manchmal nach Jahren erst sagen. Ein Sprichwort sagt ja, dass Gott auch auf krummen Zeilen gerade schreiben kann.

Witzigerweise ist der Radiergummi selbst auch aus einem Fehler entstanden: Im Jahr 1770 griff der Engländer Edward Nairne aus Versehen zu einem Kautschukstück und nicht zum bis dahin üblichen Brot, mit dem Bleistiftstriche entfernt wurden. Der Rubber war geboren.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 03.02.2020 gesendet.


Über den Autor Dr. Dietmar Kretz

Dr. Dietmar Kretz, Jahrgang 1971, ist Studienleiter an der Domschule in Würzburg mit den Schwerpunkten Glauben und Kirche. Zuvor hat er Theologie und Mathematik studiert. Nach der theologischen Promotion war er in der  Gemeindepastoral tätig bis er in die Erwachsenenbildung gewechselt ist.

Kontakt: Am Bruderhof 1, 97070 Würzburg dietmar.kretz@domschule-wuerzburg.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche