Am Sonntagmorgen, 09.02.2020

von Angelika Daiker, Stuttgart

„Es wird wieder schön, aber anders.“ Witwen und Witwer

Wenn der Partner stirbt, ändert sich häufig alles. Tod und Trauer sind aber immer noch Tabuthemen. Dabei würde ein offener Umgang oft helfen – den Trauernden und ihren Mitmenschen.

© Brett Sayles / Pexels

„Bis dass der Tod euch scheide“ – so sagen sich Paare die Treue zu und hoffen heimlich, dass es nie so weit kommen würde. Auch wenn sie genau wissen, eines fernen, fernen Tages wird es so weit sein, dass einer von ihnen als erster sterben wird. Aber wer will das schon wahrhaben? Bei manchen kommt der ferne Tag entsetzlich früh, wenn die Kinder noch klein sind und die Familie erst am Anfang ihres gemeinsamen Lebens steht. Der Tod junger Frauen und Männer ist für die Partner und Kinder besonders dramatisch. Von einem auf den anderen Tag müssen diese jungen Väter und Mütter nicht nur die Trauer um die Partnerin, den Partner und die Trauer ihrer Kinder bewältigen, sondern machen Erfahrungen, die in der Summe fast nicht zu ertragen sind:

- dass Freunde sich zurückziehen und der Trauer hilflos oder mit kränkenden Ratschlägen gegenüberstehen,

- dass kleine Unstimmigkeiten mit der Herkunftsfamilie des verstorbenen Partners sich zu riesigen Problemen entwickeln,

- dass es kränkende Erbstreitereien gibt und möglicherweise das gemeinsam gekaufte Haus auf dem Spiel steht,

- und dass man oft selbst nicht mehr weiß, ob man richtig trauert und ob das Auf und Ab der Gefühle normal ist.

Plötzlich alleine, plötzlich Witwe oder Witwer

Der Tod der Partnerin, des Partners hat viele Facetten, die eigentlich nur jemand ermessen kann, der es selbst erlebt hat. Unsere Gesellschaft hat wenig Raum für Trauernde. In der Regel müssen sie schnell wieder funktionieren und treffen auch am Arbeitsplatz auf wenig Entgegenkommen. Plötzlich sind sie alleine und passen nirgends dazu. Und befreundete Paare müssen sich vielleicht von ihnen abgrenzen, aus Angst, das könnte ihnen auch passieren. Von außen bekommen sie einen Titel zugeschrieben, den sie gar nicht wollen: Und der heißt: Witwe, Witwer – und die Trauernden fragen sich, ob sie damit gemeint sind und empfinden den Stempel, der ihnen aufgedrückt wird, fast wie einen Makel.

„Witwe!“ – So Geneviève Ginsburg:

„Das Wort selbst klingt so entsetzlich, dass es kein Synonym dafür gibt, sondern nur eine Definition. Es hat eine Farbe: Schwarz und es erzeugt bei jedem unverzüglich die gleichen Assoziationen: Trauer, Tränen, Einsamkeit, Armut, Panik, Schuld und Wut.“

Und die Einsamkeit wird im Laufe der Jahre nicht geringer, sie buchstabiert sich nur täglich neu durch. Beim Aufstehen und beim Frühstücken genauso wie an den Abenden und an den Wochenenden. Und jedes Paar, das Hand in Hand spazieren geht, löst das Gefühl von Verlassenheit aus und rührt die Trauer an. Und bei den Festen und Einladungen der befreundeten Paare fühlt man sich immer als fünftes Rad am Wagen. Trauernde brauchen viel Zeit, um sich in einem Leben ohne die Partnerin, ohne Partner wieder zu Recht zu finden. Viele verweigern ein neues Leben und denken: Entweder du kommst wieder zurück oder auch ich möchte nicht mehr leben.

Wie umgehen mit dem Tod?

Zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes sagte eine junge Frau:

„Am liebsten würde ich ans Grab gehen, ihn ausgraben und ihm sagen, jetzt reicht es. Zwei Jahre bin ich tapfer gewesen, habe mich alleine um die Kinder gekümmert und jetzt könntest du endlich wieder zurückkommen! Ich kann nicht mehr ohne dich! Und ich will auch nicht!“

Und ein über 80jähriger Witwer, dessen Frau vor 25 Jahren verstorben ist, sagte:

„Es ging mir zwischendurch besser, aber mit zunehmendem Altem fehlt mir meine Frau immer mehr. Und ich weiß nicht, wie das weiter geht, wenn ich noch gebrechlicher werde. Meine Frau war immer mein größter Halt.“

Es ist furchtbar, als junge Frau, als junger Mann plötzlich für die Kinder und für alles alleine verantwortlich zu sein. Aber die Frage, ob die Trauer für Menschen weniger schlimm ist, die 40 oder 50 Jahre miteinander verheiratet waren und ein langes Leben miteinander hatten, ist müßig. Es ist anders schlimm. Es hilft nicht, für sich den größeren Schmerz zu reklamieren, und nicht, sich am größeren Elend des anderen zu trösten.

Jede, jeder hat eine eigene Trauergeschichte und die ist schlimm genug. Sie braucht keinen Vergleich. Zu der jungen Frau zu sagen, du kannst wieder heiraten und deine Kinder brauchen doch wieder einen Vater, ist genauso kränkend wie dem alten Herrn zu empfehlen, er solle doch dankbar sein für die Zeit, die er mit seiner Frau gehabt habe. Unsere Versuche zu trösten sind manchmal so hilflos. Tröstlicher wäre, den Trauernden unsere eigene Hilflosigkeit einzugestehen. Oder manchmal einfach zu schweigen.

Tod heißt: Nie wieder

Der Tod ist eine Zäsur. Für immer markiert er den Einschnitt zwischen der Zeit davor und danach. Eines der wichtigsten Wörter heißt dann: Nie wieder. Keine gemeinsamen Urlaubsreisen mehr, keine Sonntagsspaziergänge, keine gemütlichen Abende auf dem Sofa, keine Oper. Nie wieder. Und jede Einladung von Freunden, jedes Fest, endet damit, abends alleine nach Hause zu kommen. Und zu Hause wartet immer das Alleinsein.

„Ich kann nicht mehr sehen – Trau nicht mehr meinen Augen – Kann kaum noch glauben – Gefühle haben sich gedreht – Ich bin viel zu träge, um aufzugeben – Es wäre auch zu früh, weil immer was geht – Wir waren verschworen – Wären füreinander gestorben – Haben den Regen gebogen – Uns Vertrauen geliehen – Wir haben versucht, auf der Schussfahrt zu wenden. Nichts war zu spät – aber vieles zu früh…“
(aus „Der Weg“ von Herbert Grönemeyer)

Viel zu früh – das ist nicht fair!
Wenn ein geliebter Mensch stirbt, ist es immer zu früh. Und meistens ist es überraschend und man ist selten vorbereitet. Plötzlich ist man wie abgeschnitten von der Zukunft.

Darf es wieder schön werden?

„Es wird wieder schön, aber anders“ – so sagte es eine junge Frau, Mutter von zwei kleinen Kindern, irgendwann nach dem Tod ihres Mannes. Vielleicht waren es zwei Jahre nach dem Tod oder noch später. Und vielleicht hat sie es selber noch gar nicht geglaubt, aber sie wollte es glauben, auch wegen der Kinder.

Und später sagte sie: Ja, es ist wieder schön geworden, aber ganz, ganz anders.
Wenn sie zurück könnte, dorthin, wo ihr Mann, der Vater ihrer Kinder noch gelebt hat, würde sie es sofort tun, aber sie hat ja keine Wahl, und so versucht sie das Schöne, das ihr das Leben heute zuspielt, zu entdecken und anzunehmen. Andere sagen, es kann nie mehr schön werden, für sie ist mit dem Tod des Partners, der Partnerin auch das eigene Leben zu Ende. Vor allem ältere Witwen und Witwer empfinden das so. Nein, schön kann es / darf es nie mehr werden. Das Schöne ist sogar Quelle der Trauer, weil es der Verstorbene nicht mehr miterleben kann.

„Es wird wieder schön – aber anders“.

Ich kenne viele, die nach Jahren sagen, ja, das stimmt. Es ist wieder schön geworden. Zwar ganz anders, aber schön. Vielleicht, weil ihnen ein neues Glück zugefallen ist, weil ihnen ein neuer Partner, eine neue Partnerin begegnet ist, weil sie eine neue Lebensaufgabe entdeckt haben, oder weil der Blick auf das Leben und den Tod sich verändert hat. Und weil sie spüren, dass die Liebe zu dem Verstorbenen lebendig geblieben ist. Und dass es gut für sie ist, dort wo sie jetzt sind.

Es braucht irgendwann eine Entscheidung

Die Liebe, die bleibt und die stärker ist als der Tod, ist irgendwann wie eine kostbare Schatzkiste, aus der die Trauernden leben. Viele spüren, dass die Verstorbenen wie Begleiter, wie stille Ratgeberinnen und Beschützer an ihrer Seite sind. Diese Verbindung über den Tod hinaus zu spüren tut gut. Den Verstorbenen als unverlierbaren Schatz im Herzen zu haben, lässt Trauernde weiterleben. Aber diesen Schatz zu sehen und nicht nur den Verlust, dazu braucht es eine Entscheidung:

„Ja, ich bin bereit, ohne dich weiter zu leben und die Verbindung zu dir in meinem Herzen zu schützen und zu pflegen.“

Es braucht die Entscheidung, hier zu bleiben, auch innerlich, nicht wegzugehen und die eigene Lebenszeit noch als Lebensauftrag zu begreifen.

„Ich gehe nicht weg – Hab meine Frist verlängert – Neue Zeitreise – Unbekannte Welt – Hab Dich sicher – In meiner Seele – Ich trag dich bei mir – bis der Vorhang fällt.
(aus „Der Weg“ von Herbert Grönemeyer)

Nicht „Loslassen“ heißt die große Aufgabe, sondern dem Verstorbenen einen bleibenden Platz im Herzen geben. Und so das gemeinsame Leben würdigen. Ist es nicht angemessen, mit einem Menschen für immer in Beziehung bleiben zu wollen, der 30/40 Jahre oder auch weniger der wichtigste in meinem Leben war? Erst wenn die Erinnerung so lebendig in uns ist, dass wir keine Angst mehr haben müssen, die Verbindung zu verlieren, dann öffnen sich die Augen auch wieder für Neues.

Mit Trauer leben lernen

Manchen genügt es einfach, das gemeinsam gelebte Leben zu bewahren, weil die Liebe, die der verstorbene Partner geschenkt hat, für den Rest des eigenen Lebens reicht. So erzählte es mir ein älterer Witwer, der sehr unter der Einsamkeit litt. Aber, so versicherte er mir, auf eine neue Partnerin wolle und könne er sich nicht einlassen, denn er sei so tief mit seiner verstorbenen Frau verbunden. Und die Liebe, die sie ihm geschenkt habe, die sei noch längst nicht aufgebraucht.

Es ist beides möglich, aus dieser noch nicht aufgebrauchten Liebe zu leben oder sich neu auf die Schönheit des Lebens einzulassen. Wenn Trauer und Freude sich berühren, kann etwas Drittes entstehen. So wie erst Sonne und Regen zusammen den Regenbogen entstehen lassen – dieses alte Zeichen für Gottes Gegenwart am Ende der großen Überschwemmung. Das ist nicht das Ende der Trauer, aber ein Weg, auf dem es sich mit der Trauer leben lässt.

Wohin führt die Trauer uns?

Der Regenbogen ist ein wunderbares Symbol dafür, wohin uns die Trauer am Ende führt: Sie lässt uns nicht im Regen stehen, aber sie führt uns auch nicht dorthin, wo nur Sonne ist. Auch nach einem langen Trauerweg gibt es immer noch Tage, an denen Tränen kommen, aber es gibt auch Momente, in denen das Leben wieder Freude macht. Tage, an denen es gelingt, wie Christine Busta es sagt, „aus den Filtern behutsamer Trauer die Schönheit zu bergen, die bleibt.“ Bergen heißt: Etwas freilegen, weil es verschüttet ist in der Trauer. Bergen heißt, es wieder neu sehen, weil es so gering erscheint neben dem Verlorenen. Das Wenige will gesehen, geschätzt werden. Schützend in Händen gehalten ist es eine Menge.

Diese neue Schönheit braucht die Zeit des Filterns. Es braucht Zeit, damit der Trauerfluss sich langsam verwandeln kann und im Lebenskelch zu lebendigem Wasser wird. Und nur zaghaft beten wir wie im Psalm 23: „Du füllst mir reichlich den Becher“ oder vielleicht: „Du hast uns reichlich den Becher gefüllt.“

Es wird wieder schön, aber anders: Ein Satz, der Mut macht, aber auch eine lange Zeit der Annäherung braucht. Es lohnt sich „aus den Filtern behutsamer Trauer die Schönheit zu bergen, die bleibt.“

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 09.02.2020 gesendet.


Über die Autorin Angelika Daiker

Dr. Angelika Daiker. geb. 14.03 1955, studierte in Tübingen, München und Wien. Sie promovierte in Wien bei Prof. Dr. Michael Zulehner. Die gekürzte und überarbeitete Fassung ihrer Dissertation erschien 1999 unter dem Titel „Über Grenzen geführt – Leben und Spiritualität der Kleinen Schwester Magdeleine“ im Schwabenverlag. Daiker ist Pastoralreferentin und leitete von 2007- 2017 das Hospiz St. Martin in Stuttgart, das sie konzeptionell aufgebaut hat. Als Autorin, als Trauerbegleiterin und als Dozentin für Sacred Dance wird sie zu Vorträgen und Seminaren im Bereich Trauer- und Sterbebegleitung, zu Themen der Spiritualität und zu Tanzseminaren eingeladen. Neueste Veröffentlichung:
Hülle und Fülle - Palliative Spritualität in der Hospizarbeit,
Angelika Daiker / Barbara Hummler - Antoni,
Patmosverlag September 2018

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