Morgenandacht, 01.02.2020

von Martin Wolf, Mainz

Ein Engel

„Haben Sie sie gehört, neulich im Dom“, fragt mich ein Kollege, den ich an meiner Arbeitsstelle zufällig im Haus treffe. „So wunderbar hat sie gesungen. Fast wie ein Engel.“

Er ist noch ganz hin und weg von der Stimme der jungen Frau, die wir beide kennen und die während des Gottesdienstes die Psalmverse vorgetragen hat. Aber: Wie ein Engel? Woher will er so genau wissen, wie Engel singen? Offenbar verbindet er mit Engeln etwas, das irgendwie überirdisch schön sein muss. Seine Bemerkung ist mir noch eine Weile im Kopf herumgegangen und da ist mir klar geworden, wie viel Unterschiedliches ich mir selber unter Engeln vorstelle.

Du bist ein Engel, sagen wir ja gelegentlich zu einem andern. Doch wenn ich nachdenke, dann kommen mir dazu jede Menge Bilder in den Sinn. Bilder von Schutzengeln zum Beispiel. Ein geflügeltes Wesen im weißen Gewand, das zwei Kindern durch eine Schlucht folgt und wie zum Schutz eine Hand über die beiden hält. Es gibt unzählige Varianten dieses Motivs. Einfach furchtbar, total kitschig, würden manche jetzt sagen. Und natürlich fallen mir sofort all die kleinen Engelsfigürchen ein, die sich in zahlreichen Barockkirchen finden und Putten genannt werden. Kleine, pummelige Kindergestalten mit zwei Flügeln. Auch da jede Menge Kitsch. Die junge Vorsängerin also „ein Engel“?  Also, ich weiß nicht. Aber auch die berühmte Szene aus dem Filmklassiker „Der Himmel über Berlin“ kommt mir in den Sinn. Wie der große Schauspieler Bruno Ganz da als ernster Engel im grauen Trenchcoat auf dem Turm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin steht und auf die Stadt hinunterschaut. Nur ein paar Kinder im Verkehrsgewirr unten scheinen ihn zu bemerken und schauen zu ihm hinauf. Das passt vielleicht schon eher.

Die meisten Vorstellungen, die Menschen sich von Engeln machen, stammen wahrscheinlich aus der Bibel. Immer wieder tauchen Engel in den biblischen Geschichten auf, in ganz unterschiedlichen Rollen. Oft unerwartet, aber immer in entscheidenden Situationen. Als himmlische Boten, die die Menschen dazu auffordern, etwas zu tun oder zu lassen. Aufzubrechen etwa, oder unbedingt einen anderen Weg zu nehmen. Sie kommen als Beschützer oder Überbringer wichtiger Nachrichten. So war es ein Engel namens Gabriel, der die überraschte Maria wissen lässt, dass sie ein Kind bekommen wird. Die Geburt dieses Kindes haben wir vor einem Monat gefeiert. An Weihnachten. Engel scheinen also so etwas wie Hilfskräfte oder dienstbare Geister zu sein, die Gott zur Hand gehen und in seinem Auftrag auch hier auf der Erde handeln. Das ist, mal grob gesagt, die Vorstellung.

Doch diese Vorstellung von Engeln ist eben auch ziemlich diskreditiert, lange Zeit war sie es auch für mich. Das liegt nicht nur an dem vielen esoterischen Kitsch, der sich inzwischen um Engel rankt. Es liegt auch an obskuren Gruppen wie etwa dem sogenannten „Engelwerk“. Die eher zurückhaltenden biblischen Geschichten über die Engel sind von solchen Gruppen quasi gekapert und in eine krude und zum Teil autoritäre Ideologie verwandelt worden. Wie ein Engel? Nein, so sicher nicht!

Ich selber habe inzwischen meinen Frieden mit den Engeln gemacht. Weil sich in den biblischen Geschichten über sie ein tieferer Gedanke versteckt, den ich eigentlich sehr schön finde. Dass Gott diese Welt nicht einfach sich selbst überlässt, sondern sein Geist auch heute in ihr zu spüren ist. Im konkreten Handeln von Menschen etwa. Wenn wildfremde Menschen ihre Freizeit opfern, um einem Sterbenskranken mit dem sogenannten „Wünschewagen“ einen letzten Herzenswunsch zu erfüllen. Oder wenn Freiwillige sich im Mittelmeer in Gefahr bringen, um entkräftete Menschen vor dem sicheren Tod zu retten. Du bist ein Engel! Wo, wenn nicht da, könnte dieser Satz passen. Und wenn meinem Arbeitskollegen der Gesang dieser jungen Frau schon wie ein Vorgeschmack des Himmels auf Erden erschienen ist, dann war sie für ihn wohl auch: wie ein Engel.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 01.02.2020 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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