Morgenandacht, 31.01.2020

von Martin Wolf, Mainz

Gesegnet

Wenn ich zu ihr kam, dann saß sie immer mit wachem Blick in ihrem Lehnstuhl. Gehen konnte sie kaum noch. Über 90 Jahre alt war die Dame damals. Und ich, der junge Theologe auf seiner ersten Dienststelle in diesem Dorf, durfte sie einmal im Monat besuchen. Das Dorf hat sie nie verlassen. Ihr Lebensmittelpunkt war ein altes Fachwerkhaus, in dessen Innern es aussah, als sei die Zeit vor gefühlten 100 Jahren stehen geblieben. Wir haben miteinander geredet, gebetet und bevor ich ging habe ich immer einen Segen gesprochen.

So ging das über Jahre. Bei einem meiner letzten Besuche jedoch sagte die alte Frau plötzlich: „Bevor sie jetzt gehen möchte ich sie segnen.“ Ich war völlig perplex. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Und so habe ich still vor dieser alten Frau gesessen und sie hat für mich gebetet. Und als sie sagte: „Der Herr segne dich“ und ihren Segen über mich sprach, da war das ein intensiver, inniger Moment, wie ich ihn selten erlebt habe. Mit dem eigenartigen Gefühl, beschenkt zu sein, habe ich damals das alte Haus verlassen.

Für das deutsche Wort „segnen“ gibt es im Lateinischen das Wort „benedicere“. Ein schönes Wort, finde ich. Denn wörtlich übersetzt heißt es so viel wie „etwas Gutes sagen“. Wenn ich einen Menschen segne, dann wünsche ich ihm damit also zu allererst Glück. Dass er gesund bleiben möge. Dass es ihm gut ergeht in seinem Leben und er von größerem Unheil verschont wird. Doch was einen Segen von einem nur gut gemeinten Wunsch unterscheidet ist noch etwas anderes. Der Segen rückt eine weitere Dimension in den Blick. Gott.

Das gute Wort von Mensch zu Mensch wird gewissermaßen erweitert und Gott ist – bildlich gesprochen – der dritte im Bunde. Segnen können wir im Prinzip alles. Jedes Ding und ganz besonders natürlich jeden Menschen. Also Sie und mich und alles, was uns heute begegnen wird. Weil eben alles, was uns umgibt, ein Teil von Gottes Schöpfung ist und deshalb auf Gott verweist und grundsätzlich gut ist. Das ist der Gedanke, den die Erzählung am Anfang der Bibel betont, wenn sie sagt, dass Gott alles ansah, was er gemacht hatte. „Es war sehr gut.“

Nun mag man daran zu Recht zweifeln. Bei jeder Naturkatastrophe, jedem schrecklichen Unfall steht irgendwann die Frage im Raum: Wie kann ein Gott, der die Welt doch gut gemacht haben will, so etwas zulassen? Was soll denn gut sein an einer Welt, in der so viel Schreckliches passiert? Und die Menschen erst mal. Wie viel Leid haben Menschen im Namen irgendwelcher Ideen schon anderen Menschen und der Natur angetan? Woher kommt der ganze entfesselte Hass, wenn doch die Grundidee vom Menschen eine gute sein soll?

Es sind Fragen, die so alt sind wie die Religion selbst und auf die es keine einfachen Antworten gibt. Und mehr noch: Haben nicht Geistliche aller Couleur sogar schon Panzer und Kanonen gesegnet, bevor damit auf Menschen gefeuert wurde? Auch das stimmt: Ein Segen kann pervertiert werden. Dinge und Menschen zu segnen, die Leid und Tod über andere bringen, kann letztendlich eine Gotteslästerung sein. Doch deswegen die Hoffnung aufgeben, dass diese Welt im Ganzen trotzdem gut ist? Und dass in jedem, wirklich jedem Menschen die Anlage zum Guten liegt? Dass er oder sie also ein Abbild Gottes ist, wie es die Erzählung von der Schöpfung bildhaft formuliert? Klar, das bedeutet nicht, dass jeder Mensch schon ein guter Mensch ist, aber jeder kann es sein. Und einen Menschen segnen heißt dann: Auf dieses Gute zu bauen, dass Gott in ihm angelegt hat.?

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 31.01.2020 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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