Morgenandacht, 30.01.2020

von Martin Wolf, Mainz

Macht der Bilder

Wenn ich mich an meinen Vater erinnere, dann sind es zu allererst Bilder, die mir in den Sinn kommen. Und ein Bild ragt besonders hervor. Immer wieder taucht es vor meinem geistigen Auge auf. Das Bild meines verstorbenen Vaters in der Trauerhalle. Es ist das letzte Bild, das mir von ihm geblieben ist.

Von diesem Bild gibt es kein Foto. Es gehört nur mir und meinen Erinnerungen und gerade deshalb ist es so kostbar für mich und so präsent. Dennoch habe ich mich insgeheim vor diesem Augenblick in der Halle gefürchtet. Weil ich geahnt habe, dass mich dieses Bild nun Zeit meines Lebens begleiten wird. Denn es sind ja die Momente, die uns emotional besonders stark bewegen, deren Bilder sich tief in unser Gedächtnis graben. Die schönsten ebenso wie die schrecklichsten. Viele von ihnen vergessen wir nie. Sie begleiten uns bei Tag und manchmal auch bei Nacht in unseren Träumen. Und selbst noch Jahrzehnte später sind sie im Stande, uns ganz tief anzurühren. Bilder prägen unser Leben – und auch unsern Glauben.

Ein Satz aus den sogenannten zehn Geboten, die für viele zu den wichtigsten Texten der Bibel zählen, empfinde ich als glaubender Mensch darum als besondere Herausforderung. „Du sollst dir kein Gottesbildnis machen“, heißt es da. Als der Satz entstanden ist, dominierten freilich noch zahlreiche Götter. Man fertigte Figuren und Statuen von ihnen an, die man aufstellen und dann anbeten konnte.

Die biblische Geschichte, nach der sich das Volk Israel ein Kalb aus Gold macht, um es zu verehren, illustriert das ganz gut. Mit einem Gott, den man nicht sehen kann, hatten auch die Israeliten vor 3000 Jahren ihre Schwierigkeiten. Doch der Gott, an den Juden, Christen und Muslime noch heute glauben, lässt sich nun mal nicht in Bilder oder Statuen fassen. Gott bleibt unsichtbar. Ein anspruchsvoller Gott. Den Glauben an diesen Gott macht das nicht immer einfach. Bis heute.

Mich wundert es deshalb nicht, dass Weihnachten das beliebteste aller christlichen Feste ist. Selbst bei Menschen, die es nicht so mit dem Glauben haben. Weihnachten lässt sich in einprägsame Bilder fassen. Ein Stall, eine Futterkrippe, ein neugeborenes Kind. Ein nächtliches Feld mit Hirten und Schafen. Kaum ein christliches Fest ist so plastisch und greifbar und vielleicht auch deshalb so beliebt wie Weihnachten. Bei Ostern wird es schon schwieriger und bei Pfingsten erst.

Ich glaube, dass wir als Menschen letztlich gar nicht ohne Bilder auskommen können. Und auch Christen haben ja ein Bild, das ihnen besonders wichtig ist: Das Kreuz. Es zeigt das Bild eines Menschen in dessen Leben und Sterben dieser unsichtbare Gott nahbar geworden ist. Im wahrsten Sinne des Wortes zum Greifen nah.

Das Kreuz erinnert daran. Es erzählt davon, wie Jesus, jener Mensch am Kreuz, von Gott gesprochen hat. Es erzählt davon, wie liebevoll er über Menschen geredet und sich jedem, der ihm begegnet ist, zugewandt hat. Und selbst als er sterben musste, hat er sein ganzes Vertrauen auf diesen unsichtbaren Gott gesetzt. Hat darauf gebaut, dass der ihn auch auf seinem letzten, schweren Weg nicht im Stich lassen wird. Und Gott, so der Glaube der Christen, hat all das bestätigt, indem er ihn nicht im Tod gelassen hat. Im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Hoffnung, heißt es deshalb in einem alten Gesang. All das verbindet sich für mich mit dem Bild des Kreuzes.

In der Trauerhalle stand es neben meinem verstorbenen Vater. Das letzte Bild, das ich von ihm habe, ist für mich bei aller Trauer ein Bild, das ich nicht mehr missen möchte. Es ist auch ein Hoffnungsbild.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 30.01.2020 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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