Morgenandacht, 28.01.2020

von Martin Wolf, Mainz

Kreuze für Verlorene

Ich hatte nie zuvor von ihm gehört und das war ihm wohl auch ganz recht. Im grellen Scheinwerferlicht zu stehen war nicht sein Ding. Greg Zanis, ein 69-jähriger Tischler aus dem Bundesstaat Illinois in den USA, hat 23 Jahre lang selbstgezimmerte Mahnmale für die Opfer von Gewalt, Unfällen und Naturkatastrophen aufgestellt. „Crosses for Losses“ hat er seine private Initiative genannt. Frei übersetzt: „Kreuze für Verlorene“. Der Name stimmt jedoch nur zum Teil, denn Greg Zanis hat nicht nur Kreuze gemacht.

Auch Davidssterne und Halbmonde gibt es, für die jüdischen und islamischen Opfer von Katastrophen und Gewalttaten. Fast 27.000 dieser Mahnmale sind es geworden, die er über die ganzen Vereinigten Staaten hinweg aufgestellt hat. Gemacht aus Möbelholz, weiß lackiert und mit einem großen roten Herz verziert. Auf jedem steht der Name des Verstorbenen, das Todesdatum und der Ort, an dem er oder sie starb. Alle hat Greg Zanis selber gebaut und dann mit seinem Pick-up-Truck an die Orte gefahren, an denen die Menschen gestorben sind. 850.000 Meilen seien damit in 23 Jahren zusammengekommen, hat er gesagt. Mehr als 1,3 Millionen Kilometer.

Es war eine Tragödie in der eigenen Familie, die ihn vor 24 Jahren beinah aus der Bahn geworfen hätte. Als in dieser Zeit eine Frau zu ihm kam und ihm erzählte, dass ihr sechsjähriger Sohn getötet worden sei und ihn bat, für 20 Dollar ein Kreuz für ihren Sohn zu machen, sagte Zanis sofort zu. Das Geld hat er damals nicht genommen, das Kreuz aber dennoch angefertigt. Eine Zeitung berichtete darüber und Greg Zanis hatte eine neue Lebensaufgabe. Immer, wenn ihn nun Hinterbliebene gefragt haben, hat er losgelegt. Ganz oft für die Opfer von Gewalttaten. Menschen deren Namen sonst kaum jemand erfährt. Auch in unseren Abendnachrichten sind es ja vor allem Zahlen, die hängenbleiben: 58 Tote, die es beim Massaker während eines Musikfestivals in Nevada gab. 26 Schüler und Lehrer, die an einer Grundschule in Connecticut ihr Leben verloren. Doch hinter diesen Zahlen verbergen sich ja auch 84 individuelle, unersetzliche Menschen.

Sie sollten in Erinnerung bleiben durch 84 Kreuze. Eines für jeden einzelnen von ihnen. Es war immer auch eine stille Demonstration gegen die Gewalt, die Menschen einander antun. Doch um politische Statements ging es Greg Zanis letztlich nicht. Die Trauer der Menschen hat ihn um- und angetrieben. Er habe kein anderes Interesse, als den Menschen dabei zu helfen, dass sie sich an die Toten erinnern können, hat er einmal gesagt.

Das Engagement des „Cross man“, des Kreuzesmanns, wie er in amerikanischen Medien auch genannt wurde, hat mich beeindruckt. Seine Mahnmale haben mich spontan an die Wegkreuze erinnert, die sich hier in meiner Heimat, an den kurvigen Straßen des Pfälzer Waldes, gelegentlich finden. Aufgestellt für Menschen, die auf diesen Straßen ihr Leben verloren haben. Wenn ich an ihnen vorbeikomme, schaue ich wenn irgend möglich hin.

Ich lese den Namen, das Datum ihres Todes. Das unbekannte Unfallopfer von der B48 ist damit nicht mehr unbekannt. Auch wenn ich diesen Menschen persönlich nicht gekannt habe, der hier verstorben ist. Er ist für mich jetzt trotzdem kein anonymer Unfalltoter mehr, sondern ein Mensch, der einen Namen hat und eine Identität und der hier brutal aus dem Leben gerissen wurde. Genau das war es auch, was Greg Zanis wollte. Es war sein persönlicher Einsatz für die Nächstenliebe.

Ende des letzten Jahres hat er aufgehört mit seinen Kreuzen. Er konnte nicht mehr. Die Erinnerung an fast 27.000 Opfer hat ihn auch psychisch fertig gemacht. „Ich hoffe“, so sagte er einem Fernsehsender, „dass ich die Menschen in ihrer Trauer zusammengeführt habe. Dass ich Liebe statt Hass bringen konnte.“ Menschen wie ihn bräuchten wir mehr.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 28.01.2020 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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