Morgenandacht, 29.01.2020

von Martin Wolf, Mainz

Ein anderes Land

Demenz. Das Wort allein erzeugt schon Unwohlsein. Auch deshalb, weil sie vertraute Menschen einander entfremden kann und Beziehungen oft radikal verändert. Der Schriftsteller David Wagner erzählt davon in seinem jüngsten, autobiografischen Roman. Zwei Jahrzehnte haben sie nur noch selten Kontakt gehabt, der Erzähler und sein alt gewordener Vater. Als auch die zweite Ehefrau des Vaters stirbt und der alte Mann plötzlich alleine ist, finden die beiden neu zueinander. Allerdings mit verkehrten Rollen. Der Sohn ist es, der sich nun um den Vater kümmern und auf ihn achtgeben muss. Denn der Vater vergisst immer mehr. So beginnt das Buch von David Wagner.

Es hat mich berührt. Weil ich das, was Wagner da in den oft mühsamen Gesprächen mit dem Vater beschreibt, selber bei meiner Mutter erlebt habe. Wie ein vertrauter Mensch langsam aber unaufhaltsam abgleitet ins Vergessen. Wie es zuerst nur einzelne Ereignisse sind, die ihm nicht mehr einfallen. Wie dann irgendwann banale Tagesabläufe, die uns alltäglich erscheinen, diesen Menschen verstören und ihm Angst machen. Weil sie plötzlich unbekannt, ja bedrohlich erscheinen. Und auch, wie das Vergessen immer weiter fortschreitet. Wie zuerst die Enkel, dann die eigenen Kinder und schließlich der Ehepartner zu Unbekannten werden. Wie irgendwann auch die Sprache verstummt. Weil die Bedeutungen der Worte ebenfalls verschwunden sind. Vergessen. Worte, Sätze, Begriffe wollen plötzlich keinen Sinn mehr ergeben. Ein Tisch, ein Stuhl, eine Zahnbürste? Was ist das? Ich kenne die ungläubig verstörten Blicke eines verunsicherten Menschen, der nicht mehr einordnen kann, wo er ist, ja, wer er ist.

Der deutsche Psychiater Klaus Dörner hat vor einigen Jahren einmal vorgeschlagen, die Demenz als eine „neue menschliche Daseinsweise“ zu betrachten. Einfach, weil es schon in wenigen Jahren so viele sein werden, die sie betrifft. Ein neuer, eigener Lebensabschnitt quasi, in den manche von uns am Ende ihres Lebens eintreten werden. So wie die Kindheit am Anfang jeden Lebens steht, so könnte es die Demenz an seinem Ende sein. Schließlich gilt uns auch die Kindheit als eigener, besonders zu schützender Teil des Lebens. Eine Erkenntnis übrigens, die auch noch gar nicht so alt ist. Dörners Vorschlag hat mich beschäftigt. Weil er mich auffordert, meinen eigenen Blickwinkel auf die Krankheit zu verändern.

Also weg davon, vor allem auf das zu schauen, was schon wieder nicht mehr geht. Weg von der Fixierung auf das Negative, auf den Verlust, den Abschied. Stattdessen zu akzeptieren, dass dieser stolze Mensch nun eben in einer neuen, letzten Phase seines Lebens ist. Einer neuen Weise seines Daseins, die genauso unumkehrbar ist wie die Kindheit und in der dieser Mensch nun halt wieder Hilfe braucht und besonderen Schutz.

Und doch weiß ich auch, dass ich mir das in Gedanken immer wieder vorsagen kann, im Herzen aber bleibt es schwer. Denn ich muss ja trotzdem akzeptieren, dass ein geliebter Mensch sich immer weiter von mir entfernt. Sich zurückzieht in sein imaginäres Land, zu dem ich keinen Zugang mehr habe. „Sie lebt halt in ihrer eigenen Welt“, so hat es mein Vater manchmal umschrieben, wenn wir vom Besuch meiner Mutter kamen, die zuletzt im Pflegeheim lebte.

Es ist diese Trennlinie, die sich auftut zwischen meiner Alltagswelt und jener Welt der Demenz, in der der andere nun lebt. Doch wenn die vertrauten Wege verschüttet sind, die Welten auseinanderdriften, dann braucht es eben Brücken, um sie irgendwie noch zu verbinden. Am Anfang geht das mit einfachen Worten und Sätzen. Und wenn auch das nicht mehr möglich ist, bleibt uns zumindest noch die Sprache der Liebe. Eine zärtliche Umarmung, ein langer Händedruck. David Wagner hat das zwischen den Zeilen schön beschrieben. Die Demenz eines geliebten Menschen kann ein echter Ernstfall für die Liebe sein.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 29.01.2020 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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