Morgenandacht, 27.01.2020

von Martin Wolf, Mainz

Macht der Worte

Eines Abends klingelt es an der Tür des Pfarrhauses, in dem ich vor vielen Jahren gewohnt habe. Zwei Menschen stehen vor der Tür. Ein Mann und eine Frau. „Es ist schon spät und wir wollen sie nicht lange stören“, sagen sie. „Wir wollten uns nur bedanken. Sie haben letzte Woche unsere Mutter beerdigt und wir wollten ihnen sagen, wie gut uns die Worte getan haben, die sie da gesagt haben.“ Dann drücken sie mir eine Flasche Rotwein in die Hand und verabschieden sich wieder in die Dunkelheit. Und ich stehe da, beschenkt und tief bewegt.

Fast zwanzig Jahre ist das jetzt her. Und dennoch erinnere mich noch heute daran. Weil ich mit dem Dank dieser Menschen, die ich kaum kannte, nicht gerechnet habe. Aber auch, weil mir bewusst geworden ist, wie wirkmächtig Worte sein können. Für andere und auch für mich.

„Am Anfang war das Wort“ – so beginnt ein bedeutender Text in der Bibel. Es sind die ersten Worte im Evangelium des Johannes. Wer öfter die Bibel liest, den erinnern sie vielleicht an die Erzählung von der Erschaffung der Welt. Auf den ersten Seiten der Bibel wird da berichtet, wie Gott alles erschafft, allein durch sein Wort. Am Anfang von allem, so erzählt es der Text, steht auch hier: ein Wort. Und das gilt auch für uns Menschen.

Wir wissen heute, wie wichtig es neben aller körperlichen Zuwendung für einen Säugling ist, dass wir mit ihm sprechen. Als Eltern machen wir das ganz intuitiv. Obwohl wir genau wissen, dass dieser kleine Mensch kein einziges unserer Worte intellektuell begreifen wird. Doch wenn wir es nicht täten, würden wir dem kleinen Kind schwer schaden. Auch am Anfang jedes Menschenlebens steht also schon das Wort. Und ebenso an seinem Ende. Die letzten Worte eines Sterbenden haben für jene, die ihn gekannt und geliebt haben, eine besondere Bedeutung. Manche vergessen sie nie.

Eigentlich gäbe es also ganz gute Gründe, achtsam mit Worten umzugehen. Das Gegenteil scheint oft der Fall. Denn allein mit Worten kann ich zuschlagen und treten, demütigen und entwürdigen. Es ist lächerlich einfach. Ein Mausklick genügt. Dabei können Worte schlimmer sein als Schläge. Weil Sie sich in die Seele fressen und Wunden in der Seele nicht so leicht verheilen. Wer nur oft genug zu hören bekommt, dass er ein Schwachkopf und Verlierer ist, der glaubt es irgendwann auch. Und das Fatale daran ist, dass ich einem Andern nicht mal nahe sein muss, um ihn mit Worten fertig zu machen.

Andersherum geht das kaum. Einen am Boden zerstörten Menschen wieder aufzurichten geht nicht ohne menschliche Zuwendung. Ein Wort, das mich trösten und ermutigen soll, wird letztlich nur auf fruchtbaren Boden fallen, wenn es auch wirklich von Herzen kommt. Wenn ich spüre: Der andere redet nicht nur irgendwas, das ihn gar nicht wirklich betrifft. Nein, der meint es ernst mit mir. Der meint wirklich mich.

Ein Chefarzt einer großen Uniklinik, der selber gläubiger Christ ist, hat mir über seine Begegnungen mit sterbenskranken Menschen einmal gesagt: „Wenn ich einem Menschen begegne, dem ich eine schwierige Nachricht zu überbringen habe, dann versuche ich, ihn als Mensch wahrzunehmen. Wahrzunehmen, wie dieser Mensch auf die Situation reagiert. Und ich versuche auf der anderen Seite immer die Nachricht auch mit einem Stück Hoffnung zu verbinden. Denn das möchte ich den Menschen ans Herz legen, dass man aus der Konfrontation mit dem Tod gestärkt hervorgehen und in besonderer Weise über das Leben sprechen kann. Und das Leben müssen wir auch in solchen Situationen in den Mittelpunkt stellen.“

Die Sicht dieses Arztes bringt es für mich gut auf den Punkt: Aufbauen, Hoffnung vermitteln und zum Leben ermutigen. Wie schön wäre es, wenn wir die Macht unserer Worte viel öfter dafür einsetzen würden.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 27.01.2020 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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