Darstellung des Herrn

Predigt des Gottesdienstes aus der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum, Berlin-Charlottenburg

Liebe Schwestern, liebe Brüder – hier in der Kirche und zu Hause!

Die Weihnachtszeit ist schon längst vorbei, alles ist abdekoriert. Doch die Volksfrömmigkeit hält vielerorts daran fest, dass erst an Mariä Lichtmesse Weihnachten richtig zu Ende ist. Auch hier in der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum steht noch der prächtige Christbaum mit seinen vielen Kerzen.
In der Tat: Dieses Fest ist noch einmal eine „Erscheinung des Herrn“, des neugeborenen Kindes in der Öffentlichkeit. Die dritte Szene der Weihnachtsgeschichte gewissermaßen. Zuerst waren es die Hirten, die einfachen, die kleinen Leute, die das Kind zu Gesicht bekamen (Lk 2,16 ff.). Als zweites dann die „Sterndeuter aus dem Osten“. Auch sie sahen das Kind mit eigenen Augen - fielen vor ihm nieder und huldigten ihm (Mt 2, 11).

Heute berichtet uns der Evangelist Lukas von zwei Menschen, zwei alten Leuten, die das Kind zu sehen bekommen. Es sind der greise Simeon und die Prophetin Hanna. Nach der Erscheinung für die einfachen Leute und für die aus fernen Ländern herbeigeeilten Sterndeutern, spielt diese „dritte Erscheinung“ im Raum des Ritus, des Kultes der jüdischen Religion. Das Kind wird hineingenommen in das „Gesetz des Herrn“. Aber die Begegnung mit den beiden Alten, die ihr Leben lang den Gesetz treu waren, dem religiösen Urgestein, sie  sprengt den Rahmen der bloßen Erfüllung der vorgeschriebenen Gesetze durch die Eltern, Maria und Josef. Sie eröffnet eine andere Dimension: Dieses Kind, dieser Knabe, den ihr hierhergebracht habt, er ist die Erfüllung der Verheißungen Jahwes. Hanna, die Prophetin: „Sie trat hinzu, pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.“ (Lk 2, 38) Und Simeon: Meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast.“ (V 30 f) Er gibt das entscheidende Stichwort: das Heil. Darum geht es. Das ist die Sehnsucht der Menschen seit Menschengedenken.

Jede Religion, jedes Gemeinwesen, jeder Staat wird daran gemessen, ob und wie das Heil der Menschen verwirklicht und gesichert wird. Das Wort „Heil“ hat einen schlechten Beigeschmack. Das Gebrüll der Massen, das „Sieg Heil!“ als Schlachtruf derer, die geradezu das Gegenteil im Schilde geführt haben, das macht es schwierig – einerseits. Andererseits wird aber gut deutlich, dass gerade in der „Reparatur“ dieses Begriffes eine wichtige Aufgabe bestand. Dass jeder Widerstand gegen den Nationalsozialismus das Ziel hatte, zu heilen und das verlorene Heil wiederzustellen. Es wird oft zitiert dieses Wort von Pater Delp, im dem deutlich wird, dass es ihm bis zuletzt um das Heil der Menschen ging:
„Es sollen einmal andere besser und glücklicher leben dürfen, weil wir gestorben sind.“

Das „bessere und glücklichere Leben“ der Menschen war sein Grundanliegen. Im Kreisauer Kreis – dem Widerstandskreis um Helmuth James von Moltke – war er als christlicher Sozialethiker für den Entwurf einer gerechten Gesellschaftsordnung in einem demokratischen Nachkriegsdeutschland zuständig. Es ist die Frage nach dem „Gemeinwohl“, um die es geht.

Das Heil sehen? Delp, Moltke und viele andere gehörten zu denen, die genau hingesehen haben. Unheil, ja das war zu sehen – massenhaft. Nicht nur das Unheil des Krieges. Das war ja offensichtlich. Weniger offensichtlich war: Das Unheil, das sich aus der Loslösung des Menschen aus seiner Verantwortung vor Gott anbahnte. Das Unheil, das die Leugnung der gleichen Würde aller Menschen zu Folge hat. In diesen Abgrund zu sehen, war die Herausforderung der mutigen Frauen und Männern des Widerstandes. Alle, die es gewagt haben, zu sagen was sie sehen, alle, die es gewagt haben dem „Nazi-Heil“ ein christliches Heil oder ein humanistisches entgegenzusetzen, haben das mit dem Leben bezahlt.

Mit der Erinnerung an sie als „Lichter in dunkler Zeit“ ist es nicht getan. Wir bleiben weiterhin in der Rolle der Hanna und des Simeon und warten auf den „Trost“ Gottes. Weil Geschichte eben keine nachhaltige Lehrmeisterin ist. So sieht es Alfred Delp:
„Beim Studium der Geschichte macht mich immer wieder die Tatsache traurig, dass wir sie erst nachher studieren. Zu einem guten Teil kann man und müsste sie vorher studieren. Und man könnte und würde so der Menschheit viel Not und Leid ersparen. Der Weg durch die Geschichte bleibt deswegen immer noch ein Kreuzweg.“ 

Alfred Delp ist Realist, sieht die ständige und bleibende Aufgabe, vor der die Menschen gestellt sind. Und so wurde es ja auch in den vergangenen Tagen immer und immer wieder gesagt – beschwörend bisweilen. Die Erinnerung muss bleiben. Die Erinnerung muss uns eine Lehre sein. Was gesehen ist, darf sich nie mehr wiederholen. Christen werden sich dabei in die Pflicht nehmen lassen, weil ihnen das Stichwort „Heil“ in das Aufgabenbuch geschrieben wurde.

Der greise Simeon darf am Ende seines Lebens diese beglückende Erfahrung machen, in dem Kind, das in den Tempel gebracht wird das „Heil“ zusehen. Es bleibt aber eine Vision, ein Ausblick: „Das Heil, das du vor allen Völkern bereitet hast.“ (Lk 2, 31) Wie kann es mir gelingen, „den Herrn in dieser Welt darstellen“, dass andere ihn sehen?

Alfred Delp schreibt nach seiner Verurteilung:
„Wenn durch einen Menschen ein wenig mehr Liebe und Güte,
ein wenig mehr Licht und Wahrheit in der Welt war,
dann hat sein Leben einen Sinn gehabt.“


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Dieser Beitrag wurde am 02.02.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Lutz Nehk

Lutz Nehk (Jahrgang 1957) ist Pfarrer an der Katholischen Schule Liebfrauen in Berlin-Charlottenburg. Seit 2014 ist er zudem „Beauftragter des Erzbistums Berlin für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit“ und ist Mitarbeiter an der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee. Kontakt
lutznehk@t-online.de

Dieser Beitrag wurde am 02.02.2020 gesendet.





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