Am Sonntagmorgen, 26.01.2020

von Elena Griepentrog, Berlin

Kochende Wut und nackte Angst. Vom Umgang mit „negativen“ Gefühlen

Aggressionen, Angst, Neid, Trübsinn: Das macht alles keinen Spaß – weder mir noch meinen Mitmenschen. Trotzdem sind negative Gefühle wichtig, um zu leben und zu sich selbst zu finden.

© Kat Jayne / Pexels

Manchmal – da schäumt man halt vor Wut, man möchte den anderen einfach an die Wand klatschen. Oder man ist neidisch, vielleicht sogar auf die beste Freundin. Wieso gelingt der immer alles? Oder man hat Angst, weiche Knie, Zittern. Peinlich. Und manchmal, da hasst man sogar jemanden, den Chef oder die eigene Mutter.

„Negativ“ werden solche Gefühle genannt. Ich will sie eigentlich nicht haben, will über ihnen stehen. Schäme mich. Doch diese Gefühle sind nun einmal da. Und sie sind sogar wertvoll – sagt Anselm Grün, der bekannte Benediktiner-Mönch und Seelsorger. Gemeinsam mit dem Facharzt für Psychosomatische Medizin, Bernd Deininger, hat er das Buch geschrieben: „Von der verwandelnden Kraft negativer Gefühle“.

„Heute wollen ja alle alles in den Griff bekommen, wenn man negative Emotionen hat, will man sie in den Griff bekommen, muss alles verändern. Aber im Verändern ist etwas Aggressives. Ich muss ein anderer Mensch werden, alles muss ganz anders werden. Und es ist ein Grundgesetz: Alles, was ich bei mir ablehne, das bleibt an mir hängen. Die christliche Antwort ist eben: Verwandlung. Und Verwandlung heißt, ich würdige mich so wie ich geworden bin, es ist gut so, es darf alles so sein. Aber ich bin noch nicht der oder die, die ich von meinem Wesen her sein könnte. Das Ziel der Veränderung ist, ein anderer zu werden. Das Ziel der Verwandlung ist, immer mehr ich selber zu werden.“

Gefühle, die wir negativ nennen, die wir loswerden wollen, gibt es ja viele. Wenn einem schlagartig das Blut kocht. Man muss an sich halten, dass man nicht das Kind packt. Den Teller auf den Boden knallt, alles kurz und klein schlägt. Eine Ruppigkeit und Kälte in mir, die mich selbst erschreckt.

Aggressionen

Wenn wir aggressiv sind, dann spüren wir eine Kraft in uns, Lebensenergie. Schneiden wir diese Aggression einfach ab, dann hängen wir herum wie ein trüber Schluck Wasser. Aggressionen haben viele Gesichter: offene Wut, stille Heimtücke, versteckter Groll, ätzende Bitterkeit, lodernder Jähzorn, manchmal auch nackter Hass. Dahinter steckt aber eben oft ein Sinn. Die Gefühle verraten uns etwas über uns selbst, sie sind wie eine Geheimsprache unseres Unterbewusstseins.

„Der Mensch, über den ich mich ärgere, ist oft ein Spiegel für mich selber, in dem ich meine eigene Wahrheit erkenne. Hermann Hesse sagt einmal: ‚Was nicht in uns ist, das regt uns auch nicht auf.‘ Also, ich ärgere mich über jemanden, der sich in den Mittelpunkt stellt, weil ich vielleicht auch die Tendenz habe, mich in den Mittelpunkt zu stellen. Ich sollte den anderen als Spiegel sehen.“

Es kann auch sein, dass ich in einer unerträglichen Situation gefangen bin, eine Ehe, die mir schadet, eine Freundschaft, die nicht mehr stimmt, eine Arbeit, die mich kaputt macht. Die Aggressionen geben mir dann die Kraft, mich zu lösen. Oder: Jemand überschreitet ständig meine Grenzen. Ein Chef etwa, der sogar mein Privatleben vergiftet. Manchmal helfen da alte Rituale.

Wut: Ein Wegweiser

„Es gab in der katholischen Tradition – in meiner Familie war das noch so üblich – so Schwellenrituale. An der Haustür war ein Weihwasserbecken, und wenn man von draußen gekommen ist, hat man Weihwasser genommen, hat gleichsam den emotionalen Schmutz, den man mitbekommen hat, durch die Arbeit, durch die Menschen, die herumgenörgelt haben, abgewischt, um das Haus bewusst zu betreten. Das ist mein Haus, ein heiliges Haus, mein heiliger Raum, da haben die negativen Emotionen von außen keinen Zutritt.“

Wut, ein Wegweiser, um meine Seele gesund zu halten. Und eine Kraft, die in eine gute Kraft verwandelt werden kann. So wird meine Wut sogar zu einer wohlmeinenden Freundin!

Es scheint irgendein Geheimnis in den menschlichen Leidenschaften zu liegen. Schon die Menschen in der Antike haben sich mit den „Affekten“ beschäftigt, etwa die griechischen Philosophen oder Dramatiker. Oder die so genannten Wüstenväter, sie lebten ab dem 3. Jahrhundert nach Christus in der Wüste Ägyptens, als christliche Einsiedler. Viele Menschen holten sich bei Ihnen Rat. In diesem einfachen Leben entwickelten die frühen Mönche eine ganz erstaunliche Menschenkenntnis. So auch einen Grundsatz im Umgang mit den Leidenschaften.

„Die sagen, wir sind nicht verantwortlich für die Gedanken, für die Emotionen, für die Leidenschaften, die in uns auftauchen, sondern nur dafür, wie wir damit umgehen. Und ich denke, das ist ein wichtiger Grundsatz, der befreit uns von diesem Moralisieren, dass wir uns sofort beschuldigen, wenn wir negative Gedanken haben. Auch die leidenschaftlichen Gedanken, die dürfen alle sein. Nur die Frage ist: Wie gehe ich damit um, damit sie mich nicht beherrschen?“

Ja, ich weiß. Der Nachbar ist wirklich nett und immer hilfsbereit. Aber er ist so furchtbar erfolgreich. Arzt. Kluge Frau, zwei Kinder, alles super. Und ständig verreisen sie. Zeit haben sie offenbar auch immer.

Neid

Die eigene Schwester war schon immer beliebter, alle wollten mit ihr befreundet sein. Der Kollege kann einfach besser reden. Immer kriegt der den Applaus. Ein sicherer Weg zu einem prächtig blühenden Neid ist der ständige Vergleich mit anderen. Am besten noch mit den falschen Leuten!

„Ich denke, wenn Sie selber ehrlich sind, irgendwann kommt immer Neid auf, ich kenne das natürlich auch bei mir. Aber dann ist wichtig, den Neid anzuschauen, in aller Demut wahrzunehmen: ‚Ja ich bin neidisch‘, und was steckt dahinter? Meine Bedürftigkeit. Ich bin bedürftig nach Anerkennung, Zuwendung, nach dem und dem und dem. Und wenn ich mir das erlaube, wenn ich all das hätte, wenn ich so beliebt, so viel Geld hätte, so viel verdienen würde und so weiter, wenn ich so aussehen würde wie der oder die: Wäre ich dann glücklich? Dann merke ich, das bin nicht mehr ich. Das ist irgendeine Konstruktion.“

Neid richtig nutzen

Neid kann mir eben einen Schubs geben, mal genau hinzuschauen. Wer bin ich eigentlich? Und was habe ich alles? Und dann einfach dankbar zu werden. Für mein eigenes Ich, für das, was mich wirklich ausmacht, mein innerstes Wesen. Man könnte es auch meinen „göttlichen Kern“ nennen. Dankbar werden für meine Gesundheit, meinen Beruf, der mir Spaß macht und mich erfüllt, oder dafür, dass ich mit anderen Menschen verbunden bin und verbunden lebe. Der österreichisch-amerikanische Benediktinermönch David Steindl-Rast sagt, nach 93 Jahren Leben:

„Die Wurzel der Freude ist Dankbarkeit. Es ist nicht Freude, die uns dankbar macht – es ist Dankbarkeit, die uns Freude macht.“

Gefühle sind der Weg, hin zu einem wirklich erfüllten Menschsein. Auch und gerade meine „negativen“ Gefühle. Je intensiver desto ertragreicher! Dieses Bild finde ich schon in der Bibel.

„Jesus sagt, das Himmelreich gleicht einem Kaufmann, der einen Schatz im Acker gefunden hat, und er kauft den Acker und gräbt den Schatz aus. Der Schatz liegt im Acker, das heißt, wir müssen die Hände schmutzig machen, wir müssen durch den Jähzorn, durch die Angst, durch die Eifersucht, durch den Neid, durch all die Emotionen hindurchgraben, dann kommen wir zum Schatz, dann kommen wir zum wahren Selbst.“

Die Präsentation nächsten Mittwoch, vor 80 Leuten. Schon jetzt ist mir übel. Zittern. Ich kann nicht schlafen, immer diese Gedanken. Sie werden mich auflaufen lassen. Nein, auslachen!

Angst

„Angst hat ja eine positive Bedeutung. Die Angst der Tiere zum Beispiel, die gibt diesen Adrenalinstoß, dass sie entweder kämpfen oder flüchten. Und das ist bei uns genauso. Aber wir kennen natürlich auch die andere Angst, die Angst, die uns lähmt, die Angst, die uns im Griff hat, die Angst, die uns am Leben hindert, wo wir vor allem Angst haben. Auch da hat es keinen Zweck, zu werten. Die Angst ist einfach da. Wir müssen es annehmen, aussöhnen und eben sprechen. Auch die Angst hat einen Sinn.“

Wenn ich die Angst einfach mal zulasse, schafft sie manchmal sogar eine wunderbare Verbundenheit mit meinen Mitmenschen.

„Eine Sängerin erzählte mir, sie hat vor jedem Auftritt Lampenfieber, sie nimmt dann keine Psychopharmaka und deckt das Lampenfieber zu, sondern sie hält es aus und weiß, ich habe keine Garantie. Und dann singt sie oft und die Leute sagen: ‚Nicht du hast gesungen, sondern es hat durch dich hindurch gesungen.‘ Da war eine andere Qualität. Da könnte man sagen: Hier bricht die Angst das Ego auf, hat die Angst mein Ego geöffnet für eine spirituelle Energie, und das tut allen Menschen gut.“

Mein Leben grau, keine Freude. Keine Lust, auf gar nichts. Andere Menschen? Gehen mir auf die Nerven. Ich will bloß meine Ruhe haben. Was soll das alles hier? Das ist doch kein Leben...

Trübsinn

Depressionen. Wie oft mache ich mir ein klares Bild, wie etwas zu sein hat. Mein Leben, ich selbst, meine Familie, mein Beruf. Alles soll perfekt sein. Wenn es dann doch nicht perfekt ist, schlägt es ganz schnell um: Alles umsonst! Nichts wert. Auch Depressionen sind oft ein Wegweiser aus dem Unterbewusstsein. Dass es an der Zeit ist, Gelassenheit zu lernen. Das Leben, mich selbst und meine Mitmenschen so anzunehmen, wie wir nun mal sind. Einfach unperfekt. Es kann auch depressiv machen, wenn wir ohne Wurzeln leben, ohne Halt. Keinen Glauben an etwas, keine Rituale, keine tiefen Beziehungen zu anderen Menschen. Depressionen als Wasserstandsanzeiger.

Häufig ist eine Depression aber auch eine Reaktion auf einen Verlust. Ein geliebter Mensch stirbt. Oder ich verliere meinen so vertrauten Job. Die Depression zeigt mir: Hier fehlt noch etwas: die Trauer, das Betrauern.

„Depression ist nicht Trauern. Die Trauer, die beweint. Die Trauer ist eine wichtige Fähigkeit, den Verlust zu verarbeiten und eine neue Beziehung zu dem Verstorbenen aufbauen. Während die Depression ist Erstarrung. Ich bleibe in der Erstarrung stecken, ich kann nicht mehr beweinen, sondern ich bin eher weinerlich, aber ich kann nicht wirklich betrauern.“

Woher negative Gefühle kommen

Unsere Gefühle, gerade die starken, gerade die „negativen“, verraten uns sogar noch viel mehr über uns. Das, was wir sonst gern übersehen. Denn oft knüpfen unsere aktuellen Gefühle ja an frühere Gefühle an – so auch die Beobachtung des Seelsorgers Anselm Grün.

„Unsere Emotionen haben oft eine geschichtliche Ursache, in der eigenen Lebensgeschichte. Alte Verletzungen, wir reagieren empfindlich, weil diese alte Verletzung angesprochen wird. Das verletzte Kind, das verlassene Kind schreit auf, wenn es um Abschied geht, das übersehene, wenn es das Gefühl hat, der Ehepartner, der Chef übersieht mich, das zu kurz gekommene Kind, oder, was ich häufiger erlebe, das nicht genügende Kind: Ich bin nicht gut genug, ich genüge nicht. Dann ist wichtig, dieses verletzte Kind eben zu umarmen, wir sind auch väterliche, mütterliche Menschen, und je mehr wir es umarmen, anstatt es zu beschimpfen, desto mehr dürfen wir vertrauen, dass es irgendwann leiser wird.“

Eine Kindheit ohne Verletzungen, das hat kaum jemand erlebt. Und wohl niemand führt ein Leben frei von Angst, von Wut, von Neid, Eifersucht oder einfach mal grauen Gefühlen. Das wäre ja auch schade! Denn immer alles schön, alles gut, alles bunt – da wären wir wohl bald tot. Menschsein – das bedeutet für mich auch: immer wieder neu die Balance finden. Lernen, mit meinen Gefühlen umzugehen. Wach und lebendig bleiben. Ohne diese vermeintlich negativen Gefühle würde das Leben wohl nicht weiterfließen. Keine Entwicklung, kein Wachstum. Wenn wir aber unsere Gefühle zulassen und sogar annehmen können, wenn wir daran wachsen, dann wartet dahinter eben das wahre, das echte, das erfüllte Leben. Leben in Fülle nennt es die Bibel. Mein Leben – einfach göttlich.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 26.01.2020 gesendet.


Über die Autorin Elena Griepentrog

Elena Griepentrog ist Hörfunk-Journalistin/Feature-Autorin und arbeitet für die Kulturwellen diverser ARD-Sender. Ihr Fokus liegt auf den Bereichen Zeitgeschehen/Gesellschaft, Religionen und Psychologie. Außerdem arbeitet sie in Berlin als Buisiness- und Entwicklungscoach mit dem Schwerpunkt: "Die eigene Berufung. Und was uns davon abhalten kann, sie zu leben".

Kontakt

www.elena-griepentrog.de

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