Feiertag, 02.02.2020

von Christian Feldmann, Regensburg

Jesuit und Widerständler gegen die Nazis. Zum 75. Todestag von Pater Alfred Delp

Er war ein Kämpfer für die Würde des Menschen: Der Jesuitenpater Alfred Delp. Vor 75 Jahren musste er deswegen sterben.

© Marion Sendker

Jubiläen sind nicht immer erfreulich. In diesen Tagen jähren sich gleich mehrere Hinrichtungen tapferer Christen, die bis zuletzt Widerstand gegen Hitler und seinen Terrorstaat geleistet hatten: Vor 75 Jahren, am 23. Januar 1945, starben in Berlin-Plötzensee der Jurist Helmuth James Graf von Moltke, der Journalist und Gewerkschafter Nikolaus Groß und der Zentrumspolitiker Eugen Bolz, der bis zu Hitlers Machtübernahme württembergischer Staatspräsident gewesen war. Das Kriegsende und die Niederlage vor Augen, wollten die Nazis ihre letzte Rache haben – und wohl auch verhindern, dass die bestinformierten Vertreter des Widerstands in die Hände der Alliierten fielen.

Am 9. April vor 75 Jahren starb im bayerischen Flossenbürg der Theologe und Verschwörer Dietrich Bonhoeffer – und im KZ Dachau der Tischlergeselle Georg Elser, der 1939 im Münchner Bürgerbräukeller einen Sprengstoffanschlag gegen Hitler verübt hatte; der „Führer“ hatte seine Rede dort vorzeitig beendet und entging der Bombe. Und genau heute vor 75 Jahren, am 2. Februar 1945, wurde in Berlin-Plötzensee der frühere Leipziger Oberbürgermeister Carl Friedrich Goerdeler enthauptet, eine zentrale Figur des bürgerlichen Widerstands; wäre das Attentat vom 20. Juli 1944 geglückt, hätte Goerdeler Hitler als Reichskanzler ablösen sollen.

Am selben 2. Februar, heute vor 75 Jahren, richtete man in Plötzensee einen Ordenspriester hin, den ebenfalls viele in Deutschland kannten: Alfred Delp.

Warum Delp sterben musste

Als der siebenunddreißigjährige Jesuitenpater Alfred Delp, Männerseelsorger und Redakteur der Ordenszeitschrift „Stimmen der Zeit“ in München, im Januar 1945 vor dem Volksgerichtshof wegen Hochverrats angeklagt war, saß neben ihm der Jurist Helmuth James Graf von Moltke, einer der führenden Köpfe des deutschen Widerstands gegen Hitler. Wären sich Moltke und Delp nicht drei Jahre zuvor in Berlin begegnet, hätte der Jesuit das Dritte Reich möglicherweise überlebt. Denn Moltke suchte damals einen Fachmann, der in der christlichen Soziallehre sattelfest sein musste, für seinen „Kreisauer Kreis“ – und holte Alfred Delp damit ins Zentrum des Widerstands.

Die Aufgabe war wie geschaffen für Delp, einen Priester voll glühender Spiritualität, der gleichzeitig einen praktischen, handfesten Glauben predigte. Der Jesuitenpater war von Anfang an nicht bereit gewesen, sich auf Schreibtisch oder Kanzel zu beschränken. Christentum, wie er es verstand, hält sich aus dem politischen Geschäft nicht heraus. Delp:

„Man wird uns die Botschaft vom Heile nicht glauben, wenn wir nicht alles tun für die Heilung des gegenwärtigen Lebens!“

Für ein Leben nach dem Krieg 

Der „Kreisauer Kreis“ hatte seinen Namen nach Graf Moltkes Geburtsort erhalten –, Gut Kreisau bei Schweidnitz in Schlesien. Es war eine ausgesprochen zukunftsgerichtete Widerstandsbewegung, mehr Denkfabrik als Schulungsstätte für Partisanen. Die Kreisauer druckten keine Flugblätter und lernten nicht schießen. Sie entwickelten Modelle für einen Neuaufbau Deutschlands nach dem ersehnten Kriegsende. Und galten damit automatisch als Hochverräter. Denn von einem Deutschland ohne „Führer“ und Nazi-Partei zu träumen, war ebenso verboten, wie Zweifel am „Endsieg“ der deutschen Truppen zu nähren. „Wir haben nur gedacht“, resümierte Graf Moltke nach dem Todesurteil, „wir werden gehenkt, weil wir zusammen gedacht haben.“

Im Januar 1945 steht Pater Delp vor Gericht, weil er hier im „Kreisauer Kreis“ Gespräche über einen gesellschaftlichen Strukturwandel nach dem erhofften Zusammenbruch der Nazi-Herrschaft geführt hat und weil er von den Attentatsplänen des Grafen Stauffenberg gegen Hitler gewusst haben soll. Der Vorsitzende des Volksgerichtshofs, Roland Freisler, den man den „Blutrichter“ nennt, fragt ihn höhnisch: „Jetzt sagen Sie uns mal, was Sie als Priester dazu gebracht hat, die Kanzel zu verlassen und sich in die deutsche Politik einzumischen!“

Delps Antwort kommt ruhig, ohne Zögern:

„Ich kann predigen, so viel ich will, und Menschen geschickt oder ungeschickt behandeln und wieder aufrichten, solange ich will. Solange der Mensch menschenunwürdig und unmenschlich leben muss, solange wird der Durchschnitt den Verhältnissen erliegen und weder beten noch denken. Es braucht die gründliche Änderung der Zustände des Lebens …“ 

Eine ungewöhnliche Priesterbiographie

Alfred Delp – der katholische Priester, der durch seinen Glauben in einen tödlichen Konflikt mit der Staatsmacht geriet, wurde 1907 in Mannheim geboren. Schon früh ließ er einen eigenen Kopf erkennen: Alfred, unehelicher Sohn eines protestantischen Krankenhaus-Angestellten und einer katholischen Herrschaftsköchin, ging in die evangelische Volksschule – und freundete sich innig mit dem katholischen Pfarrer an.

Sein starker Charakter bereitete Alfred auch bei den Jesuiten Schwierigkeiten. Der Novizenmeister – zuständig für die spirituelle Schulung im Orden – nahm an seinen zu „protestantisch“ eingefärbten Gedankengängen Anstoß. Die soziale Frage und eine zeitnahe Philosophie beschäftigten ihn. Als Erzieher an einem österreichischen Ordenskolleg entwickelte der junge Jesuit dann bald unkonventionelle pädagogische Methoden. Für den Advent 1933 schrieb und inszenierte er ein Theaterstück, das sich vom zeitgenössischen Hurra-Patriotismus abgrenzte. Delp hatte früher als viele andere die entscheidende Herausforderung erkannt, die mit der nationalsozialistischen Weltanschauung für das Christentum heraufzog.

1937 zum Priester geweiht, engagierte sich Delp in der Männer- und Arbeiterseelsorge, immer mit dem großen Ziel, Gott in der Gesellschaft erfahrbar zu machen. Dabei war er unerbittlich kritisch gegenüber dem eigenen Lager. Er polemisierte gegen Christen, die ihre Religion mit bürgerlicher Wohlanständigkeit verwechseln und sich vom Evangelium nicht aufschrecken lassen wollen. Delp wörtlich:

„Die Ämter der Kirche sind innerlich vom Geist geführt und verbürgt. Aber die Amtsstuben! Und die verbeamteten Repräsentanten! Und die so unerschütterlich-sicheren ‚Gläubigen’! Sie glauben an alles, an jede Zeremonie und jeden Brauch, nur nicht an den lebendigen Gott. (…) Im Namen Gottes? Nein, im Namen der Ruhe, des Herkommens, des Gewöhnlichen, des Bequemen, des Ungefährlichen. Eigentlich im Namen des Bürgers, der das ungeeignetste Organ des Heiligen Geistes ist.“

Widerstand für die Würde des Menschen

Anders als viele andere christliche Widerständler protestiert Delp nicht nur, wenn der eigene Besitzstand bedroht ist, die Rechte der Kirche, die katholische Lehre. Er ermuntert Frauen und Schüler dazu, die auf Veranlassung des Unterrichtsministers entfernten Kreuze in Münchner Schulzimmern wieder aufzuhängen. Aber er unterstützt und versteckt auch verfolgte Juden. Sein Argument:

„Was helfen uns alle Proteste und alle Einsätze um spezifisch christliche oder kirchliche Eigentümlichkeiten, wenn vor unseren Augen der Mensch entwürdigt wird?“ 

1942 begegnete Pater Alfred Delp Graf Moltke und seinem Kreisauer Kreis. Zu der erstaunlich bunten Truppe zählten Gewerkschafter und Ordensleute, adelige Grundbesitzer und Sozialdemokraten, Offiziere und Pastoren der „Bekennenden Kirche“, Juristen und Finanzexperten. Peter Graf Yorck von Wartenburg, Carl Dietrich von Trotha, der „rote“ Pädagoge Adolf Reichwein, der Jesuitenprovinzial Augustin Rösch, der Sozialdemokrat Julius Leber, der spätere Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier. Ihnen allen schien eine Rückkehr zu den alten politischen Modellen nach dem Misserfolg der Weimarer Republik unmöglich.

Man musste etwas völlig Neues entwickeln – auf der Basis der alten, von den Nazis zertretenen Ideale. Das hieß Achtung der Menschenwürde, Wiederherstellung der Rechtssicherheit, Anerkennung der Freiheitsrechte des Individuums, Kontrolle staatlicher Macht. Persönliche Verantwortung statt Herrschaft einer Partei. Staatsaufbau von unten statt des von oben gesteuerten totalitären Apparats. Arbeitermitbestimmung statt Konzernwillkür.

Delp: Vermittler und Anreger

Aktuelles Ziel war der gemeinsame Kampf der europäischen Völker gegen Hitler und den Faschismus. Auf lange Sicht aber plante man für einen europäischen Staatenbund, dessen Grundlage die gemeinsamen christlichen, humanistischen und sozialistischen Werte sein sollten. Kurz gesagt: die Vereinigten Staaten von Europa.

Welche Rolle spielte Alfred Delp im Kreisauer Kreis – inmitten dieser Gruppe hochgebildeter, origineller, vorausschauender Köpfe? Delp war Theoretiker, kein Praktiker. Das Terrain, auf dem er Fruchtbares leisten konnte, waren die rechts- und sozial-philosophischen Fundamente. Seine Rolle scheint die eines Anregers gewesen zu sein – und, wie die Forschung mehr und mehr herausarbeitet, auch die eines Vermittlers.

Delp liefert ein Musterbeispiel dafür, wie sich höchst praktische Folgerungen ziehen lassen aus der Orientierung am Naturrecht: an Werten, die in Gott begründet und jeder menschlichen Deutung und Anpassung entzogen sind.

„Daraus ergeben sich die unverlierbaren Menschenrechte, die Gott, der Herr, der Natur mitgegeben hat, die von jeder staatlichen und politischen Ordnung unabhängig sind und deren Beschneidung und Vergewaltigung den Menschen zerstört und jedem gemeinschaftlichen Leben Sinn und Berechtigung nimmt. Der Mensch ist freien Geistes, freien Gewissens, freien Glaubens.“ 

Delp und die militärische Opposition

Um den Ungeist des Nationalsozialismus dauerhaft zu überwinden, braucht es laut Delp ein „Erwachen“ des Menschen zu seiner Würde, zu neuer Verantwortung für die Gemeinschaft, aber auch zu Gott:

„Der Mensch soll und will noch einmal werden. (…) Der Mensch ist falsch und unglücklich, allein mit sich selbst. Es gehört der andere Mensch dazu, es gehört die Gemeinschaft dazu, es gehört die Welt dazu und der Dienst an ihr – und es gehört das Ewige dazu. Nein, der Ewige. (…) Der Mensch muss über sich selbst hinaus wollen, wenn er überhaupt Mensch bleiben will.“

Während sie leidenschaftlich über ein anderes, friedliebendes Deutschland und eine freiheitliche, gerechte Gesellschaft nach dem Krieg diskutieren, ziehen über den „Kreisauern“ dunkle Wolken herauf. Sie stehen ja nicht nur in intensivem Kontakt mit regimekritischen Bischöfen wie Faulhaber, von Galen und Preysing. Vor allem Delp und die anderen Jesuiten im Kreis führen regelmäßige Gespräche mit der im Untergrund operierenden Führungsspitze der katholischen Arbeiterbewegung und mit hohen Offizieren wie Generaloberst Franz Halder.

Diese Verbindung zur militärischen Opposition ist brandgefährlich. Denn unter den wenigen konfliktbereiten Generälen und Offizieren wird längst ernsthaft diskutiert, wie man Hitler ausschalten könnte. Je aussichtsloser der Krieg nach Stalingrad wird und je mehr man von den Gräueltaten der SS-Divisionen im Osten und von den Todesfabriken in Dachau, Buchenwald, Auschwitz erfährt, desto näher rückt der Gedanke, Hitler und seine Führungsmannschaft zu töten, um dem Schrecken ein Ende zu machen. Befürworter eines Attentats gibt es auch unter den Kreisauern. Moltke oder der Theologe Eugen Gerstenmaier aber lehnen jeden politischen Mord ab – um den toten Hitler würde sich schnell ein Märtyrermythos bilden. Eine Minderheit plädiert jedoch für die gewaltsame Beseitigung des Diktators als letztes Mittel. Zu dieser Minderheit scheinen auch die Jesuitenpatres König und Delp gehört zu haben.

Delp kommt ins Gefängnis

Jedenfalls überwacht ihn die Gestapo längst. Nach dem missglückten Anschlag vom 20. Juli 1944 dann setzt in ganz Deutschland eine gigantische Verhaftungswelle ein. Am 28. Juli wird Pater Delp nach der Morgenmesse verhaftet und von München in das Gestapo-Gefängnis Berlin-Moabit transportiert. Wochenlang nimmt man ihm die Handfesseln nicht ab, die Zelle ist die ganze Nacht beleuchtet. Regelmäßig wird er in den Folterkeller geschleppt, wo geschulte und skrupellose Schläger bereitstehen. Doch der Priester verrät niemanden. Nach Mitverschwörern, Treffen und Umsturzplänen befragt, schweigt er so standhaft, dass in den erhaltenen Gestapo-Protokollen keine einzige Aussage Delps zu finden ist, die jemanden belasten könnte. 

Als die Kreisauer Häftlinge im September in die Haftanstalt Berlin-Tegel verlegt werden, wo die bald Hinzurichtenden einsitzen, bedeutet das ein wenig Erleichterung für Delp. Denn statt der Gestapo- und SS-Bewacher tun hier altgediente Justizwachtmeister Dienst, die sich menschlicher benehmen. Er kann von Freunden ein paar Lebensmittel bekommen – und vor allem Schreibpapier und Tinte.

Die Handfesseln bleiben. Aber was der Häftling Delp in den vier Monaten bis zu seinem Tod auf die rund 120 Kassiber kritzelt, die im Wäschepaket seine Zelle verlassen, ist in die spirituelle Literatur der Neuzeit eingegangen.

„Der Herrgott holt uns von allen Postamenten herunter. Was ich sonst so elegant und selbstsicher unternahm, um auszukommen, ist zerbrochen. ER hat mich eingefangen und gestellt.“ – „Das Leben ist so ungeheuer plastisch geworden in diesen langen Wochen. Die Dinge zeigen sich einfacher und kantiger. Vor allem aber ist der Herrgott viel wirklicher geworden.“

Allein gelassen, verhöhnt, geschlagen und gefoltert

Hoffnungslosigkeit, Enttäuschung, finstere Depression bestimmen diese Aufzeichnungen vor allem in den ersten Wochen, als Delp dauernd misshandelt wird: Er und seine Mithäftlinge, notiert Delp verzweifelt,

„sind auf ein Seil gesetzt und sollen über einen Abgrund laufen und dazu schießen sie noch mit Scharfschützen auf uns. Und dauernd fallen welche herunter.“ – „Ich glaube noch an mich, aber sonst gibt mich doch alles auf.“

Es ist ein mühsamer Lernprozess, den der nüchterne Theologe Delp hier im Wartesaal des Todes absolviert. Allein gelassen, verhöhnt, geschlagen, gefoltert lernt er unter Schmerzen und Tränen, unabhängig von Erfolgen und Tröstungen zu glauben. An einen Gott zu glauben, der offensichtlich ohnmächtig ist, aber ganz nahe. Gott ist keine Supermacht, Sicherheit und Schutz garantierend. Er geht mit ins tiefste Elend, er leidet mit seinen Menschen, er gibt sich hin – und verwandelt damit die Not.

„Er wird mir auch über die letzten Stunden hinweg helfen. (…) Wie ein träumendes Kind trägt er mich oft.“ 

Am Tag, nachdem er das geschrieben hat, fällt das Todesurteil.

„Lasst uns dem Leben trauen“

Unter dem Titel „Im Angesicht des Todes“ sind Alfred Delps mit gefesselten Händen auf karierte Blätter gekritzelten Aufzeichnungen bald nach dem Krieg publiziert worden. Unzählige Leser haben Delp über seine knappen, dichten Meditationen kennen gelernt. Und – bei aller Distanz – die existenziellen Erfahrungen eines Häftlings geteilt: Warten auf den Retter. Hoffen auf Befreiung. Aufbrechen der Verschlossenheit in sich selbst.

Wer den „Lasten Gottes“, wie er es nennt, nicht ausweicht, so notiert Delp in der Zelle von Tegel am Vorabend seines letzten Weihnachts-festes 1944, wer dem Leben in seiner nackten Härte die Treue hält, der wird es in aller Trostlosigkeit plötzlich silbern glänzen sehen: 

„Wir sind dem Leben mehr gewachsen, lebenstüchtiger und lebenskundiger, wenn wir den Weisungen dieser kommenden Nacht uns öffnen. Lasst uns die Straßen und Schrecken des Lebens nicht scheuen und fürchten: In uns ist ein Neues geworden; und wir wollen nicht müde werden, dem Stern der Verheißungen zu glauben und den singenden Engeln ihr Gloria zuzugestehen, wenn auch manchmal unter Tränen. Es wurde doch unsere Not gewendet, weil wir ihr überlegen geworden sind. (…) Gott wird Mensch. Der Mensch nicht Gott. Die Menschenordnung bleibt und bleibt verpflichtend. Aber sie ist geweiht. Und der Mensch ist mehr und mächtiger geworden. Lasst uns dem Leben trauen (…), weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt.“

Delps Vermächtnis

Der „Blutrichter“ Freisler begründet das Todesurteil damit, dass sich Delp aktiv an den hochverräterischen Umtrieben des Kreisauer Kreises beteiligt und mit Staatsfeinden konspiriert habe. Er und seine Freunde werden letztendlich gehenkt, weil sie sich den Luxus eines eigenen Kopfes geleistet haben. Auf einem kurz nach der Urteilsverkündung aus dem Gefängnis geschmuggelten Zettel notiert Delp lakonisch: 

„Wenn ich sterben muss, ich weiß wenigstens warum. Wer weiß das heute von den vielen. (…) Bis jetzt habe ich noch keine Angst. Gott ist gut. Bitte beten. Von dort aus werde ich antworten.“

Man lässt ihn noch drei Wochen auf seine Hinrichtung warten. Zehn Tage vor seinem Tod schreibt er an sein eben geborenes Patenkind Sebastian, das diesen Brief erst viele Jahre später wird lesen können:

„Ich möchte, dass du das verstehst, was ich gewollt habe: Helfen, dass die Menschen nach Gottes Ordnung und in Gottes Freiheit leben und Menschen sein können. Ich lebe hier auf einem sehr hohen Berg, lieber Alfred Sebastian. Was man so Leben nennt, das ist weit unten, in verschwommener und verworrener Schwärze. Man muss schwindelfrei sein, der einsamen, schmalen Höhe fähig, sonst stürzt man ab und wird ein Opfer der Kleinheit und Tücke. Das habe ich mit gefesselten Händen geschrieben; diese gefesselten Hände vermach ich Dir nicht; aber die Freiheit, die die Fesseln trägt und in ihnen sich selbst treu bleibt, die sei Dir geschenkt.“

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 02.02.2020 gesendet.


Über den Autor Christian Feldmann

Christian Feldmann, Theologe, Buch- und Rundfunkautor, wurde 1950 in Regensburg geboren, wo er Theologie (u. a. bei Joseph Ratzinger) und Soziologie studierte. Zunächst arbeitete er als freier Journalist und Korrespondent,  u. a. für die Süddeutsche Zeitung. Er produzierte zahlreiche Features für Rundfunkanstalten in Deutschland und der Schweiz und arbeitete am „Credo“-Projekt des Bayerischen Fernsehens mit. In letzter Zeit befasste er sich mit religionswissenschaftlichen und zeitgeschichtlichen Themen in der Sparte „radioWissen“ beim Bayerischen Rundfunk. Zudem hat er über 50 Bücher publiziert. Dabei portraitiert er besonders gern klassische Heilige und fromme Querköpfe aus Christentum und Judentum. Feldmann lebt und arbeitet in Regensburg.

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