Wort zum Tage, 23.01.2020

von Johannes Rogge, Berlin

Bei Oma zu Besuch

Neulich besuchte ich mal wieder meine Oma. Als dabei die Sprache auf das Thema alt werden und Tod kam, sagte sie einen Satz, der mich sehr beeindruckt hat. „Weiß du“, sagte sie, „die letzten Jahre, in denen meine Enkel im Haus nebenan gewohnt haben und jetzt mit meinem frisch geborenen Urenkelchen – diese Jahre waren einfach wunderbar. Mehr kann ich nicht erwarten. Jetzt bin ich Uroma und kann es so genießen.“ Und dann ergänzte sie: „Jetzt könnte der Herrgott mich auch zu sich holen.“

Ich war ziemlich perplex, weil ich das Gefühl hatte, dass meine Oma mit diesen Worten schon mal den Endspurt einläutet. Aber mittlerweile glaube ich, dass das gar nicht ihre Intention war. Sie wollte ihre Dankbarkeit zum Ausdruck bringen.

Die Haltung der Dankbarkeit meiner Oma beeindruckt mich umso mehr, wenn ich auf ihr ganzes Leben schaue und nicht nur auf die letzten Jahre. Sie erlebte Rückschläge, traumatische Erlebnisse und Zeiten großer Unsicherheit. Halt gab ihr immer das Vertrauen in Gott; dass er alles zum Guten wenden würde. Und bis heute erzählt sie mir von Situationen in ihrem Leben, bei denen sie davon überzeugt ist, dass Gott ihr geholfen hat. In diesen Momenten leuchten ihre Augen aus Dankbarkeit.

Das Gottvertrauen, mit dem meine Oma ihr Leben bewältig hat, beeindruckt mich zutiefst. Und für dieses Zeugnis, bin auch ich sehr dankbar. 

In meinem Alltag vergesse ich oft mich zu bedanken, besonders in Bezug auf Gott. Wenn ich allerdings innehalte und danke, merke ich, wie es mir dann hilft meine Erlebnisse bewusster zu verarbeiten, nochmal anzuschauen, zu verkosten. Das verändert meinen Blick, unterbricht meinen Alltagstrott und manchmal glaube ich dann Spuren von Gott in meinem Leben zu erkennen, die ich ohne das dankbare Innehalten gar nicht bemerkt hätte.

Es gibt verschiedene Rituale, die Menschen helfen, sich in Dankbarkeit zu üben. Ein befreundetes Paar erzählte mir neulich von ihrer Tradition des wachsenden Erlebnisbaums. In der Küche der Familie hängt ein Baum an der Wand und jedes Familienmitglied kann ein schönes Erlebnis als Blatt an den Baum pinnen. So wächst das Geäst mit jedem Monat und am Ende des Jahres kann man den Baum Blatt für Blatt zurückschneiden und so das Jahr mit all seinen schönen Momenten noch einmal verkosten.

Eine schöne Idee, wie ich finde. Vor allem, dass sie es gemeinsam tun und sich gegenseitig ihre Dankbarkeit und Wertschätzung mitteilen. Denn stille Dankbarkeit ist gut. Ausgesprochene aber noch besser, denn dann kann etwas von der Liebe und Schönheit Gottes durch uns in die Welt strahlen. Ich habe es bei meiner Oma so erlebt.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 23.01.2020 gesendet.


Über den Autor Johannes Rogge

Johannes Rogge wurde 1991 in Mainz geboren. Er studierte in Leipzig Kommunikationswissenschaften und ist seit 2018 als Redakteur beim Erzbistum Berlin tätig. Kontakt: Johannes.Rogge@erzbistumberlin.de

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