Wort zum Tage, 22.01.2020

von Johannes Rogge, Berlin

Nichts als Regeln?

Zugegeben. Mein Freundeskreis ist schon recht katholisch, oder wenigstens christlich orientiert. Daher ist es aber umso interessanter ab und zu mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die nichts mit Kirche oder Glauben am Hut haben. In diesen Gesprächen erlebe ich oft, dass der Glaube als Erfüllen eines Regelwerks verstanden wird. Im Sinne von, ihr müsst doch „das und das“ tun und dürft dies auf gar keinen Fall machen. Ein Einhalten von Regeln und Erfüllen von bestimmten Erwartungen. Eine nachvollziehbare Perspektive, die auch oft genug noch durch die Kirche selbst transportiert wird. Aber ist das schon alles?

Im Evangelium, das heute in den Kirchen verlesen wird, streitet sich Jesus wieder einmal mit den Pharisäern. Also den Schriftgelehrten, die die jüdischen Regeln ganz genau kennen und auf die entsprechende Einhaltung pochen. In der heutigen Auseinandersetzung geht es um den Sabbat. Die Regel besagt: Du sollst an diesem Tag ruhen und nicht arbeiten.

Unter „Arbeit“ fiel in den Augen der Pharisäer auch, wenn Jesus das machte, was er so oft tat: nämlich zu Heilen. Aber Jesus hält sich nicht daran und heilt einen Mann, dessen „Hand verdorrt war“ – wie es im Markusevangelium heißt. Da fragt Jesus die Pharisäer: „Was ist am Sabbat erlaubt: Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder es zu vernichten?“ Und die Pharisäer schwiegen. Jesus sah sie der Reihe nach an, voll Zorn und Trauer über ihr verstocktes Herz, wie es im biblischen Text heißt.

Jesus handelt nach seinem Gewissen und aus dem Kontext heraus. Er begreift, dass es bei den Verboten rund um den 7. Tag eigentlich um Freiheit geht. Um ein MEHR an Freiheit – nämlich durch das bewusste Ausbrechen aus den Gepflogenheiten und Pflichten des Alltags. Die Regeln des Sabbats sollen dem Leben dienen. Deswegen scheint es für Jesus unvorstellbar diesem Kranken nicht zu helfen, auch wenn Sabbat ist. Es geht ihm nicht um Pflichterfüllung, sondern um den Versuch das Richtige zu tun.

Aber was ist das Richtige? Für Jesus war es das Richtige dem Kranken zu helfen. Und er beklagt das „verstockte Herz“ der Pharisäer, ihre Engstirnigkeit. Und was heißt das für mich? Gott möchte mein Herz weiten. Er liebt das Leben. Er wünscht sich für uns ein Leben in Fülle.

Das ist – so glaube ich – eine der Kernaussagen des christlichen Glaubens. Und dabei hilft mir weniger das engstirnige Einhalten von Regeln und Erfüllen von Erwartungen. Im Gegenteil: Wenn mein Herz weit wird, wenn es springt vor Glück und meine Seele lacht, wenn ich Frieden finden kann, auch in unruhigen Zeiten – das sind für mich Anzeichen, dass ich das „Richtige“ tue, mit Gott an meiner Seite.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 22.01.2020 gesendet.


Über den Autor Johannes Rogge

Johannes Rogge wurde 1991 in Mainz geboren. Er studierte in Leipzig Kommunikationswissenschaften und ist seit 2018 als Redakteur beim Erzbistum Berlin tätig. Kontakt: Johannes.Rogge@erzbistumberlin.de

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