Spurensuche, 11.01.2020

von Christian Feldmann, Regensburg

Sieben Jahre über die Meere

Der Priester und spätere Klostergründer Brendan, geboren im Jahre 484 in Ciarraighe Luachra im Süden Irlands, ist ein frommer Mensch gewesen. Vielleicht hat er sich gerade deshalb so ungeschickt verhalten, als Gott ihn einen Blick in die geheimsten Wunder seiner Schöpfung tun lassen wollte: Brendan fand ein merkwürdiges Buch, in dem drei Himmel und zwei Paradiese beschrieben waren, neun Fegefeuer und ein Land tief, tief unter der Erde, in dem Tag ist, wenn bei uns Nacht herrscht. Von einem bemoosten Fisch war die Rede, von unbekannten Ländern – und davon, dass dem verfluchten Judas durch Gottes Güte jede Samstagnacht Gnade zuteil werde. Der brave Brendan hielt das alles für Ketzerei und verbrannte das Buch.

Doch wer hätte das gedacht, ein Engel vom Himmel erschien dem Priester Brendan und verkündete ihm zu seiner Verblüffung, er habe die Wahrheit verbrannt und müsse nun sieben Jahre lang über alle Meere fahren, um die Wunder Gottes selbst zu erleben. Brendan heuerte zwölf Mönche als Gefährten an und fuhr nach der Legende in einer Art Arche Noah im Jahr 530 auf die See hinaus, um – das Paradies zu suchen!

Brendan entdeckte eine „Insel der Glückseligen“, die je nach Interpret und Zeitalter als Madeira, Amerika oder irgendein Eiland im Atlantik identifiziert wird. Noch um 1493 präsentiert der in Nürnberg entstandene berühmte Globus des Martin Behaim eine nach Brendan benannte Insel im Nordatlantik. Brendan kehrte mit ergrauten Haaren zurück, missionierte in Britannien, gründete Kirchen und Klöster in Irland und starb glücklich und immer noch voller Sehnsucht im Jahre 577 im irischen Enachduin, dem heutigen Amaghdown.

Jetzt hatte die westliche Welt ein spannendes Pendant zu den orientalischen Geschichten von Sindbads Reisen aus „Tausendundeiner Nacht“, zur Affeninsel und in das Tal der Schlangen und Diamanten, zum gewaltigen Vogel Rock und zum schrecklichen „Scheich des Meeres“. Brendans Legende verbreitete sich rasch in vielen Ländern. Von dieser „Navigatio Sancti Brendani Abbatis“, den Reisen des heiligen Abtes Brendan, sind sage und schreibe 130 Handschriften komplett erhalten. Die Legende illustriert mit dem Bild der abenteuerlichen Suche nach dem Paradies das Lebensschicksal des Menschen – und gleichzeitig das Missionsideal der irischen Wandermönche, denen die germanischen Länder einen beachtlichen Kulturschub verdanken.

Und warum erzählen wir die Legende vom Seefahrer Brendan heute, am 11. Januar? Weil ein sehr glaubenstreuer Abt aus der Bretagne mit dem Namen Brandan oder Breandan heute im katholischen Heiligenkalender steht. Alte Überlieferungen behaupten, dieser im fünften Jahrhundert gestorbene Abt sei mit dem sagenhaften Weltreisenden und Klostergründer aus Irland identisch.

Redaktionelle Verantwortung:

Martin Korden, Katholischer Senderbeauftragter

 

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 11.01.2020 gesendet.


Über den Autor Christian Feldmann

Christian Feldmann, Theologe, Buch- und Rundfunkautor, wurde 1950 in Regensburg geboren, wo er Theologie (u. a. bei Joseph Ratzinger) und Soziologie studierte. Zunächst arbeitete er als freier Journalist und Korrespondent,  u. a. für die Süddeutsche Zeitung. Er produzierte zahlreiche Features für Rundfunkanstalten in Deutschland und der Schweiz und arbeitete am „Credo“-Projekt des Bayerischen Fernsehens mit. In letzter Zeit befasste er sich mit religionswissenschaftlichen und zeitgeschichtlichen Themen in der Sparte „radioWissen“ beim Bayerischen Rundfunk. Zudem hat er über 50 Bücher publiziert. Dabei portraitiert er besonders gern klassische Heilige und fromme Querköpfe aus Christentum und Judentum. Feldmann lebt und arbeitet in Regensburg.

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