Morgenandacht, 17.01.2020

von Monsignore Peter Schallenberg, Paderborn

Warum jubeln wir über den Sonntag?

Heute ist Samstag, in der jüdischen Tradition Sabbat, und morgen ist Sonntag, für Christen wie für Nichtchristen ein freier Tag, ein Festtag. Was steckt dahinter? Wer in Rom die große Basilika San Giovanni in Laterano betritt, der sieht im rechten Seitenschiff hoch oben an der Wand und leicht zu übersehen ein kleines Fresko des großen Malers Giotto. Man sieht einen Papst mit der Krone auf dem Balkon der alten Lateranbasilika, segnend. Es ist Papst Bonifaz VIII., der im Jahre 1300 das erste Heilige Jahr der Christenheit feierlich eröffnete. Seitdem werden solche Jubeljahre gefeiert. So ist es bis heute. Aber das Ziel war und ist natürlich nicht eine Belebung des römischen Geschäftslebens oder eine Ausweitung der Tourismusbranche. Das Ziel ist schlicht und einfach die Erinnerung an den Sonntag und an das, wofür jeder Sonntag steht: die Ewigkeit Gottes als Ziel des Menschen.

Der Sonntag stellt nämlich den Spannungsbogen der irdischen Pilgerschaft vor Augen: Der Christ versteht sich sowohl als Mensch des ersten wie auch des achten Tages, wie dies die frühen Kirchenväter ausdrücken, das heißt: Mensch aus Gott und unterwegs hin zu Gott. Der achte Tag ist eigentlich nur eine Idee, ein Tag mehr als die sieben Schöpfungstage und daher in unserer Welt nicht vorkommend und nur als Hoffnung vor dem inneren Auge: Der achte Tag steht für die Hoffnung auf Gelingen und Vollendung und ewige Liebe. Daher sind die alten Taufkirchen immer achteckig gebaut: Das Achteck als Grundriss der noch nicht erreichten und doch schon in der Taufe begonnenen Ewigkeit. Der Sonntag, eigentlich der siebte Tag, ist zugleich auch dieser achte Tag: Der Tag der Auferstehung des Herrn und Tag der Neuschöpfung, die mit der Taufe beginnt. Weswegen bis heute vorzugsweise am Sonntag getauft wird.

Der biblische Schöpfungsbericht steht im Hintergrund: Gott erschafft nach biblischer Überlieferung die Welt im Sieben-Tage-Werk, am siebten und letzten Tag ruht er und genießt voll Freude sein Werk der Schöpfung von Welt und Mensch. Und daher ist das Ausruhen Gottes am siebten Tag kein Ausruhen in Erschöpfung, sondern ruhige Freude über das gelungene Werk. Jeder Sabbat war und ist nach jüdischem Verständnis ein Tag der Freude und der Freiheit, der zugleich auf die große Befreiung am Ende und in der Vollendung der Zeit hinweist. So stellt der Sabbat vor Augen: Welt und Mensch gehören nicht sich selbst, sondern letztlich Gott, dem Schöpfer. Der Mensch verwaltet die Welt und sein eigenes Leben im Auftrag Gottes: Daher formuliert unser Grundgesetz ganz feierlich und programmatisch in seiner Präambel: „In Verantwortung vor Gott und den Menschen gibt sich das deutsche Volk dieses Grundgesetz!“

Deswegen gab es in der jüdischen Tradition nicht nur den Sabbat, sondern ebenso das Jobel-Jahr alle sieben mal sieben Jahre, also im 50. Jahr. Benannt nach dem Widderhorn, dem Jobel, mit dem solche Jahre feierlich verkündet und eröffnet wurden. Wie der Sabbat so stellte auch das Jobel-Jahr deutlich vor Augen: Der Mensch ist Sachwalter und Treuhänder Gottes. Daher endeten auch in den jüdischen Jobel-Jahren alle Pacht- und Besitzverhältnisse; alles fiel gleichsam zurück in die Hände Gottes um zu zeigen; niemals ist der Mensch Besitzer des Menschen. Alles auf Erden wurde auf den Punkt Null des Anfangs zurückgedreht; alle Entfremdung und Veräußerung wurde für beendet und aufgehoben erklärt. Und bis heute erinnert daran der Sonntag und sein Jubel: Am Anfang steht nicht die Leistung, sondern die Liebe Gottes zum Menschen. Und am Ende, im ewigen Sonntag, wird diese Liebe ohne Ende sein. Ein ausreichender Grund zu Jubel ohne Ende!

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 18.01.2020 gesendet.


Über den Autor Peter Schallenberg

Msgr. Prof. Dr. theol. habil. Peter Schallenberg, geb. 25.08.1963, Studium der Fächer Philosophie und Theologie in Paderborn und Rom, nach der Promotion in Rom 1991 seelsorgliche Tätigkeit, ab 1997 Direktor des Sozialinstituts des Erzbistums Paderborn Kommende in Dortmund, Habilitation 2003 in Münster, ab 2004 Professur für Moraltheologie in Fulda, seit 2008 Lehrstuhlinhaber für „Moraltheologie und Ethik“ an der Theologischen Fakultät Paderborn und seit 2010 zusätzlich Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.

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