Morgenandacht, 16.01.2020

von Monsignore Peter Schallenberg, Paderborn

Was ist Europa?

Gibt es eigentlich ein christliches Abendland? Das bezweifeln ja inzwischen sogar manche katholischen Bischöfe. Oder ist der bessere und zielführendere Begriff Europa? Verbindet sich mit diesem Europa ein roter Faden von Grundüberzeugungen, ein stabiles Haus mit vielen Wohnungen für verschiedene Mentalitäten und doch auf gemeinsamem Fundament erbaut und unter einem Dach geteilter Grundüberzeugungen?

Man kann mutig versuchen, auf diese Frage aus christlicher Sicht zu antworten. Sicherlich ist Europa als Idee nicht einfach identisch mit dem Christentum. Denn das ist ja auch nicht eines Tages überraschend vom Himmel gefallen, sondern langsam erwachsen aus der jüdischen Überlieferung und dem israelitischen Glauben an Jahwe. Dazu ist die typisch griechisch-römische Idee der menschlichen Person und ihrer unsterblichen Seele gekommen, als Grundlage und Kern jeder menschlichen Gemeinschaft. Wenn man aber einen Begriff wählen müsste, um dieses Europa und seine Idee vom Menschen und vom friedlichen Zusammenleben zu kennzeichnen, so könnte man wohl in der Tat am besten den Begriff der Person nennen. Hier scheint sich die wesentlichste Grundüberzeugung der europäischen Kultur und Geschichte zu bündeln: Jeder Mensch ist mehr als seine Eigenschaften und Funktionen, ja er ist grundsätzlich weit mehr als nur ein austauschbarer Komparse auf der Theaterbühne des Lebens. Vielmehr meint Person seit der altgriechischen Zeit des Theaters: Hinter den verschiedenen Rollen und Funktionen im Leben verbirgt sich ein menschliches Wesen.

Dieser Begriff von Person und Personalität hat dann sogleich moralische und rechtliche Verantwortung zur Folge. Denn die menschliche Person schuldet sich und jeder anderen Person Achtung und Respekt und Wohlwollen, mehr noch: Der Mensch kann gar nicht leben ohne den Willen zur Liebe und zur Freundschaft gegenüber den Mitmenschen. Hier wird dann schon die christliche Überzeugung gestreift, dass der Mensch nicht einfach ein zufälliges Produkt der Evolution ist oder bloß ein Konkurrent mit menschlichen Mitbewerbern um den besten Platz an der Sonne. Sondern dass der Mensch sein letztes Ziel und seine letzte Erfüllung in der vorbehaltlosen Liebe zum Mitmenschen findet. Und mehr noch: Dass jeder Mensch vom Wesen her, als Ebenbild Gottes, zutiefst liebenswürdig und lebenswürdig ist und darin genau seine unantastbare Würde begründet ist.

Die katholische Soziallehre bündelt ihr Nachdenken über eine gute und gerechte Ordnung des Zusammenlebens von Menschen in den vier grundlegenden Prinzipien von Personalität, Solidarität, Subsidiarität und Gemeinwohl. Vielleicht darf man sogar mit Recht in diesen vier Prinzipien vier Ecksteine des Hauses Europa sehen. Denn die betonte Personalität des Menschen führt fast automatisch zur Pflicht der Solidarität, gerade mit den Schwachen und Ausgegrenzten. Dies wiederum führt zum Recht auf Subsidiarität, also zum Recht, dass schon kleine Zellen des Zusammenlebens, Hilfe und Unterstützung von der höheren Ebene im Staat zu erhalten haben. Und das Prinzip des Gemeinwohles, modern ergänzt in Zeiten des Klimawandels um das Prinzip der Nachhaltigkeit, betont das uralte Ziel der Gerechtigkeit. Dass die menschliche Person Vorrang hat vor dem Kollektiv und vor dem Staat und zugleich aber sich nicht selbst genügt in ihrer Individualität, sondern vollkommene Erfüllung erst findet in der Gemeinschaft mit anderen Menschen, in Freundschaft und Liebe – das genau ist vermutlich eine maßgebliche europäische Grundüberzeugung. Das Christentum, dem Europa so viel verdankt, bündelt diese Überzeugung im Glauben an Jesus Christus: Der unbekannte Gott offenbart sich in eigener Person und offenbart damit zugleich dem Menschen sein letztes Ziel: vollkommene ewige Liebe!

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 16.01.2020 gesendet.


Über den Autor Peter Schallenberg

Msgr. Prof. Dr. theol. habil. Peter Schallenberg, geb. 25.08.1963, Studium der Fächer Philosophie und Theologie in Paderborn und Rom, nach der Promotion in Rom 1991 seelsorgliche Tätigkeit, ab 1997 Direktor des Sozialinstituts des Erzbistums Paderborn Kommende in Dortmund, Habilitation 2003 in Münster, ab 2004 Professur für Moraltheologie in Fulda, seit 2008 Lehrstuhlinhaber für „Moraltheologie und Ethik“ an der Theologischen Fakultät Paderborn und seit 2010 zusätzlich Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.

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