Morgenandacht, 13.01.2020

von Monsignore Peter Schallenberg, Paderborn

Was ist christliche Politik?

Gibt es eigentlich eine christliche Politik? Der Begriff der Politik ist im Kern ein typisch europäisches Wort. Es geht nämlich zurück auf die Philosophie der frühen Griechen, die etwa ab dem 7. Jahrhundert vor Christus von der „polis“, dem Stadtstaat sprachen. Daran erinnert übrigens noch heute unser Wort Polizei.

Was meinten jene griechischen Philosophen denn eigentlich mit solch einem Stadtstaat, mit der „polis“? Gedacht war an einen gemeinsamen Wohnraum höchst unterschiedlicher Menschen. Diese verstanden sich nicht mehr einfach als Sippe oder Großfamilie, durch Blutsbande mehr oder weniger gezwungen zum Zusammenleben, sondern als durch freien Entschluss zusammen wohnend. Freiheit ist also das große Schlüsselwort: Es werden gemeinsame Vorstellungen und Überzeugungen entworfen mit dem Ziel eines gemeinschaftlichen guten Lebens.

Noch etwas kommt hinzu: Stand am Anfang dieser „europäischen Achsenzeit“ noch der Begriff der Ehre als letztes Ziel eines guten menschlichen Lebens im Vordergrund, so weicht dieser allmählich dem Wert der Tugend. Jetzt nämlich steht das gute Leben schlechthin im Mittelpunkt des Zusammenlebens.

Das Ziel des menschlichen Lebens und der „polis“ ist das gute und rundum gelungene Leben eines jeden Menschen. Dafür prägen die griechischen Philosophen den Begriff der „eudaimonia“, in dem tatsächlich das deutsche Wort Dämon zu finden ist. Ursprünglich bedeutete Dämon einfach nur „Geist“. Das vollkommene, gelungene Leben ist also ein Leben, das von einem wirklich guten inneren Geist, von Glückseligkeit und Beglückung geprägt ist. Das ist ein Glück, das nicht zufällig wie ein Lotteriegewinn dem Menschen zufällt, sondern das ganz im Gegenteil durch die Tugend erworben und eingeübt werden kann - also durch moralische Tüchtigkeit. Denn auch das deutsche Wort Tugend weist wieder hin auf das eigentlich bei den Griechen Gemeinte: Tauglich muss ein Leben sein für das letzte Ziel, tauglich wie ein Handwerkszeug zum Erreichen eines Kunstwerkes, tauglich in Tugend und Haltung, damit ein umfassendes Glück erreicht werden kann und nicht bloß ein oberflächliches Glücksgefühl, das schnell vergeht.

Die jüdisch-christliche Tradition nun füllt diese Vorstellung vom umfassend geglückten und gelungenen Leben mit der Vorstellung von vollendeter Liebe. Vollkommene Gutheit wird jetzt als vollkommene und unbedingte Liebe Gottes definiert. Unbedingt meint, dass die Liebe Gottes nicht abhängig ist von Bedingungen wie einer Leistung, der Intelligenz oder des guten Benehmens. Liebe heißt: Geliebt werden, ohne lieb sein zu müssen! Diese vollkommene Liebe begegnet dem Menschen in der Person Gottes, in Jesus Christus, und befähigt wiederum den Menschen zur Antwort der Liebe. Erst diese Liebe, so der christliche Glaube, bringt das wahre Glück. Sie ist freilich auch immer mit Opfer und Verzicht verbunden. Das ist ganz im Sinn der sokratischen großartigen Einsicht: „Lieber Unrecht erleiden als Unrecht tun!“ Darin unterscheidet sich Liebe vom bloßen Tauschgeschäft.

Es geht also nicht mehr nur um die bloße Gestaltung von unterschiedlichen Interessen oder Zweckgemeinschaften. Aus christlicher Sicht ist das letzte Ziel einer jeden gerechten Politik darum die Gemeinschaft der Liebe und Freundschaft von Menschen zueinander. Gerade deswegen ist es christliche Überzeugung, dass Ehe und Familie Keimzelle des Staates sind. Solche Liebe aber wird vorbereitet durch Gerechtigkeit. Eine immer verbesserungswürdige soziale Gerechtigkeit, um so schrittweise zu mehr Liebe unter den Menschen zu gelangen. Darin genau liegt das Ziel eines jeden Menschen von Natur aus, christlich gesprochen: von der Schöpfung aus. Deswegen kann geradezu von einem Menschenrecht auf unbedingte Liebe gesprochen werden. Um dieses Recht aber darf kein Mensch zu irdischen Lebzeiten betrogen werden – das ist die eigentliche Aufgabe und das letzte Ziel der Politik und des Staates!

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 13.01.2020 gesendet.


Über den Autor Peter Schallenberg

Msgr. Prof. Dr. theol. habil. Peter Schallenberg, geb. 25.08.1963, Studium der Fächer Philosophie und Theologie in Paderborn und Rom, nach der Promotion in Rom 1991 seelsorgliche Tätigkeit, ab 1997 Direktor des Sozialinstituts des Erzbistums Paderborn Kommende in Dortmund, Habilitation 2003 in Münster, ab 2004 Professur für Moraltheologie in Fulda, seit 2008 Lehrstuhlinhaber für „Moraltheologie und Ethik“ an der Theologischen Fakultät Paderborn und seit 2010 zusätzlich Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.

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