Am Sonntagmorgen, 12.01.2020

von Johannes Schröer, Köln 

„Ich glaube an den Gottesdienst.“ Christliche Spuren im Werk von Nobelpreisträger Peter Handke

Wütender 68-er, Schriftsteller gegen das bürgerliche Establishment, Verteidiger von angeklagten Massenmördern: Der Literaturnopbelpreisträger Peter Handke ist politisch umstritten. Auch theologisch bietet er Stoff für Diskussionen - zum Beispiel wenn er aufzeigt, wie Religion neu gedacht und gelebt werden kann.

© Pixabay / Pexels

Man kann den Protest verstehen. Peter Handkes politische Äußerungen sind schwer erträglich. Dass jemand den Literaturnobelpreis bekommt, der angeklagte Massenmörder wie den serbischen Kriegsherrn Milosevic verteidigt, löst Kopfschütteln aus. In autoritärem Trotz hat sich hier ein Dichter selbst ins Abseits gestellt. Lang könnte man jetzt über das Verhältnis von Kunst und Politik diskutieren – aber das soll hier nicht das Thema sein. Ich wollte zu Beginn nur klarstellen, dass auch ich den politischen Handke nicht verteidigen kann und will. Der Schatten, den seine Äußerungen auch auf sein literarisches Werk wirft, wird bleiben – aber es bleibt unbestritten eben auch dieses große literarische Werk, das mich fasziniert. Diese Faszination hat auch damit zu tun, dass ich Theologie und Germanistik studiert habe und Handkes Werk viele herausfordernde Gedanken für einen theologisch interessierten Menschen enthält.

„Handke ist deshalb interessant für die Religion, weil man bei ihm sehen oder lesen kann, wie man heute Religion neu denken könnte – oder neu leben könnte.“

Das sagt Andreas Bieringer. Er ist Professor für Liturgiewissenschaften an der katholischen Universität Sankt Georgen in Frankfurt – und er ist begeistert von den religiösen und christlichen Spuren im Werk von Peter Handke. Andreas Bieringer hat mich in sein Büro eingeladen – auf dem Tisch liegen Stapel von Handke-Büchern. Bieringer – das hört man – ist wie Handke in Österreich aufgewachsen.

Peter Handke: Wut auf die Kirche

Die Welt, in der Peter Handke aufwächst, ist eng, ist katholisch – in Österreich gibt es, so erzählt Professor Bieringer, eine ganze Fraktion von Ministranten, die aus dieser engen und ländlich-ärmlichen Welt kommt, und später Schriftsteller wird. Dazu gehört auch Peter Handke.

„Die Generation von Handke war auf die Kirche angewiesen, weil es kaum die Möglichkeit gab für Bauernkinder auf ein Gymnasium zu gehen, außer ein kirchliches Gymnasium. Und auch bei Handke entdeckt ein Priester seine Begabung und sorgt dafür, dass er auch eine höhere Bildung erhalten kann. Die gibt es natürlich nicht in einem Dorf. Da muss man in ein kirchliches Internat, weil das Bildungswesen in der Nachkriegszeit in Österreich noch stark in kirchlicher Hand war, ein kirchliches Monopol. So musste er dahin gehen, musste quasi in Kauf nehmen, dass er so eine Seminarerziehung erhielt. Aber er sagt einmal, das Priestertum war für ihn nie eine Option. Und schon gar nicht mehr nach den Erfahrungen im Internat, die er als repressiv, kalt auch zerstörend erlebt hat und das immer wieder stark betont.“

Peter Handkes Verhältnis zur Kirche bleibt immer ambivalent. Die Jahre im bischöflichen Knabenseminar Marianum in Tanzenberg beschreibt er besonders in seiner Erzählung „Die Wiederholung“. Er nennt das Internat ein kurzatmiges Glaubensverlies.

„Das Geheimnis, welches das Sakrament noch in der Dorfkirche ausgestrahlt hatte, wurde hier von morgens bis abends entzaubert. Keiner der zuständigen Geistlichen begegnete mir je als Seelsorger; entweder saßen sie zurückgezogen in ihren warmen Privatgemächern, und wenn sie einen zu sich kommen ließen, war es höchstens, um zu verwarnen, zu drohen und auszuhorchen.“ [1]

Peter Handke rechnet mit der Kirche ab. Er gehört zur wütenden 68er Generation – er befreit sich auch vom Muff der kirchlichen Talare. Er ist ein zorniger, ein anarchistischer, ein anti-bürgerlicher Schriftsteller – sein Wutausbruch in dem Theaterstück „Publikumsbeschimpfungen“ macht ihn weltbekannt. Dann aber – in den siebziger Jahren – erlebt er eine schwere Schreibkrise, eine Depression. Er findet keine Worte mehr, sagt Handke-Experte Andreas Bieringer.

„In diesem Kontext taucht die Religion wieder auf. In der Literaturwissenschaft spricht man von einer neuen Klassik. Diesen Wunsch, durch die Ästhetik, durch das Schöne wieder Lebenssinn und Lebensinhalt zu finden und zu dieser Wiederentdeckung des Klassischen, da gehören natürlich die großen griechischen Texte, wie Homer, aber auch Goethe – und in diesem Wiederentdecken des Klassischen, da gehört auch die Bibel rein, die Bibel und die Liturgie, dieses Wiederentdecken der großen Texte, das löst bei ihm eine Wiederentdeckung der Religion aus.“

Handkes Suche nach Sinn

Ein Schlüsseltext, der diese Wiederentdeckung der Religion in Worte fasst, ist der Künstlerroman „Der kurze Brief zum langen Abschied“ aus dem Jahr 1974. Darin beschreibt Handke, was der Ich-Erzähler in einer Kirche erlebt:

„Die Religion war mir seit langem zuwider, und trotzdem spürte ich auf einmal eine Sehnsucht, mich auf etwas beziehen zu können. Es war unerträglich, einzeln und mit sich allein zu sein. Es musste eine Beziehung zu jemand anderem geben, die nicht nur persönlich, zufällig und einmalig war, in der man nicht durch eine immer wieder erpresste und erlogene Liebe zueinander gehörte, sondern durch einen notwendigen unpersönlichen Zusammenhang.“[2]

Peter Handke sucht nach Etwas, das seinem Leben eine Form gibt – einen Rahmen, der sein Leben zum Leuchten bringt, der ihm fehlt – und da taucht dann bei ihm der Gottesdienst auf, das Ritual, das er aus den Kinder- und Messdienertagen auf dem Land kennt – und das er jetzt neu entdeckt, weil es soviel enthält, weil es hier verdichtet um Erbarmen, Verzeihung, Hilfe und Wandlung geht. Das haben er und auch seine Schriftstellergeneration in Österreich ganz ähnlich erlebt.

„In der Kirche, da haben sie Kunst, Sprache erlebt, die sozusagen von der Alltagskommunikation enthoben war. Und das hat sie auf die Idee gebracht: Es gibt ja für Schrift und Literatur noch ganz andere Bedeutungsräume, die haben sie dort erfahren und das haben sie sehr verinnerlicht. Der Sound, die Litaneien bei Handke waren ganz wichtig, diese slowenischen Litaneien, die er in der Kirche gehört hat, das ist seine Grundmusik geworden, hat er gesagt, mehr noch als andere Musik, das je geschafft hat, die Grundmusik seines Lebens sind die Litaneien, und die sind ihm lang im Ohr geblieben.“

Glaube an den Gottesdienst – aber nicht an Gott?

Die Wiederentdeckung der Religion seiner Kindheit machte aus Handke nun aber keinen frommen, katholischen Autor – sein Verhältnis zum Glauben bleibt immer ambivalent – in einem Interview mit der ZEIT verweigerte er im Jahr 2010 auf die Frage, ob er religiös sei, zunächst die Antwort um dann auf Nachfrage zu sagen:

„Wenn jemand nur sagt, er sei religiös, geht mir das auf die Nerven. Wenn er nicht erzählt, was das ist. Das Erzählen ist das Entscheidende. Wenn ich an der heiligen Messe teilnehme, ist das für mich ein Reinigungsmoment sondergleichen. Wenn ich die Worte der Heiligen Schrift höre, die Lesung, die Apostelbriefe, die Evangelien, die Wandlung miterlebe, die Kommunion, den Segen am Schluss ‚Gehet hin in Frieden!‘, dann denke ich, dass ich an den Gottesdienst glaube. Ich weiß nicht, ob ich an Gott glaube, aber an den Gottesdienst glaube ich. Die Eucharistie ist für mich spannender, die Tränen, die Freude, die man dabei empfindet, sind wahrhaftiger als die offizielle Religion. Ich weiß, ich habe, wenn ich das sage, eine Schattenlinie übersprungen, aber dazu stehe ich.“[3]

Handke glaubt an den Gottesdienst – in dem das ganze Leben zusammengefasst ist. Ob er an Gott glaubt, lässt er in der Schwebe. Im Ritus der Messe aber sei alles enthalten, was ein Mensch brauche – und zugleich auch, was ein Schriftsteller brauche, sagt Handke und er vergleicht die Bedeutung, die der Gottesdienst für ihn hat, mit der Bedeutung der Bibel, erklärt Liturgieprofessor Bieringer.

„Für ihn gehört die Bibel ganz wesentlich dazu, um das menschliche – sein eigenes Leben – deuten zu können, in der Bibel dies eigene Geschick, die eigene Geschichte, das eigene Schicksal lesen zu können. So wie er in der Bibel sein eigenes Schicksal, sein eigenes Leben wiederentdeckt, so entdeckt er sozusagen auch im Ritus der Liturgie sein eigenes Leben wieder. Diese Momente der Reinigung, Momente der Verwandlung. Das taucht bei ihm auf und das wird ihm ganz wesentlich.“

Eucharistie ist Verwandlung durch Erzählen

In dem Roman „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ beschreibt der Erzähler seine Erfahrungen mit der katholischen Messe. Im Katholischen Ritus, so heißt es in dem Buch, reicht die reine Erzählung aus, um Brot und Wein in Fleisch und Blut zu verwandeln. Gemeint sind dabei die Worte, die Jesus beim letzten Abendmahl sprach – und die in jeder katholischen Eucharistiefeier wiederholt werden. Durch die vom Priester gesprochenen Worte werden hier Brot und Wein in Fleisch und Blut Christi verwandelt. Dieses Verwandeln allein durch Erzählen fasziniert den Romanhelden.

„Ein wesentliches Wort, das er modifiziert von Thomas von Aquin übernimmt, ist: Verwandeln allein durch Erzählen. Das drückt ganz pointiert aus, was in der Eucharistie, in der Messe geschieht. Durch Erzählen, durch Sprechen gewisser Worte wird eine Wirklichkeit erzeugt. Und das ist doch für ihn eine ganz tolle Analogie für sein eigenes Schreiben.“

Aber Handke sieht in der katholischen Wandlung nicht nur sein poetologisches Konzept gespiegelt, er geht noch weiter, indem er nach einer Übersetzung des alten katholischen Ritus – der Eucharistie also – in unsere moderne Lebenswelt sucht.

„Der Handke ist ein Brückenbauer, ein Pontifex im besten Sinne des Wortes, der unterschiedliche Welten noch verbinden kann. Die Welt der Kunst mit dem heutigen Leben, aber vielleicht auch die Welt der Religion mit dem heutigen Leben. Wie können wir, das, was wir in der Liturgie feiern, in unser Leben übertragen. Das ist die große Herausforderung heute – und dafür kann uns Handke ein Pate sein.“

Schwärmt Liturgieprofessor Andreas Bieringer.

Liturgie im Alltag erleben

Ich bitte ihn dann, das an einem Beispiel zu erläutern. Wie macht Handke das – wie versucht er Liturgie in unser heutiges Leben zu übertragen? Gehen wir dabei gleich auf den Glutkern des katholischen Glaubens zu – die Eucharistie.

Professor Bieringer kramt nur kurz in den Büchern auf seinem Schreibtisch und zieht dann den Roman „Der große Fall“ aus dem Jahr 2011 hervor. Ein müßiggängerischer Schauspieler streift da durch das Land. Er begegnet Obdachlosen, Paaren, Polizisten – und einem Priester in einer Kirche, der eine Eucharistiefeier zelebriert. Der Schauspieler nimmt an der Eucharistiefeier teil, ist ergriffen – doch entscheidend ist, was nach dem Gottesdient in der Sakristei passiert. Im Roman heißt es:

„Danach wurde der Schauspieler zu einem Schmaus in die Sakristei geladen. Der Priester legte sein Messgewand ab, und darunter kam eine blaue Arbeitskleidung zum Vorschein, die seinen Gast vertraut anmutete. Die Heiterkeit, welche von der Eucharistiefeier ausgegangen war und anhielt – alles davon verwandelt in das, was es war, ein Tisch, die Spinnweben – wurde verstärkt von der Nahrung, auch der Flasche Wein, beides vom Priester aus einem Supermarkt-Plastiksack geholt, samt einem Paar Pappbechern. Der Tisch, eben noch die Ablage für den vergoldeten Ornat, wurde zum Esstisch. Seltsam, wie Essen nachdenklich machen konnte, oder wie umgekehrt eine bestimmte Nachdenklichkeit selbst einem Dutzendgesicht Geschmack zuführte, und wie man sich zeit solchen Essens beschützt fühlte, und nicht damit aufhören wollte.“ [4]

Handke interessiert genau das – an der Religion. Die Verbindung zwischen den alten, archaischen Formen und Ritualen und der Alltagswirklichkeit. Es ist eben nicht die reine Ästhetik wie sie sogenannte Feuilleton-Katholiken losgelöst vom Leben in der Schönheit der Liturgie genießen – diese fremde Ästhetik muss ins Leben lappen, sonst wird sie Selbstzweck und bleibt unvollständig.

Frei werden von und für die Religion

„Diese Vorliebe für alte archaische Formen, die ihn innerlich ansprechen, die seinem Leben eine Fassung geben. Darüber sollte man und müssten wir noch mehr nachdenken, auch zwischen dieser Fremdheit – zwischen Religion und dem modernen Leben, die uns prägt und der wir nicht entrinnen können, und das ist das Spannende, wie kann ich heute dieses Verhältnis zwischen Ritual und Leben denken, ohne dass ich diese Kluft zwischen beiden einfach aufhebe.“

Die Texte von Peter Handke können uns bei diesem Nachdenken helfen, ist Professor Bieringer überzeugt. Er warnt uns aber auch davor, Handkes Werk für religiöse Themen zu vereinnahmen, eben weil Handke so emphatisch auf religiöse Themen zurückgreift, deshalb sollten Theologen immer mit einer gewissen Vorsicht und auch Distanz an seine Texte herangehen.

 

„Wer Handke liest, der geht in Exerzitien ein, um frei zu werden von der Religion, von ihren Verfallsformen, von ihrem Ritualismus, von den schwierigen Seiten, aber dabei nicht stehen zu bleiben – eben ein frei werden VON der Religion aber eben auch ein frei werden FÜR die Religion.“

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


[1] aus „Die Wiederholung“ / Seite 33

[2] aus „Der kurze Brief zum langen Abschied“ / Seite 85

[3] aus dem Interview mit der ZEIT Nr. 48/2010

[4] aus „Der große Fall“ / Seite 148


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Dieser Beitrag wurde am 12.01.2020 gesendet.


Über den Autor Johannes Schröer

Johannes Schröer wurde 1963 in Emstek, im Oldenburger Münsterland geboren. Nach dem Studium der Psychologie, Theologie und Germanistik in Marburg, Tübingen und Bochum (Abschluss Staatsexamen), sowie einem Auslandsjahr als Assistent Teacher in London, absolvierte er ein Volontariat bei Radio Essen, wo er fünf Jahre als Hörfunk-Redakteur arbeitete. 1997 wechselte er in die Redaktion KIP-NRW, 2000 dann zum WDR TV-Programm der Lokalzeit Ruhr. Seit 2002 arbeitet Johannes Schröer beim Kölner Domradio. Neben seinen Aufgaben als stellvertretender Chefredakteur und CvD, ist er für die Literatur im Domradio verantwortlich. Veröffentlichungen: ‚Als der Dom nach Köln kam‘ und Mitherausgeber des Katalogbuches ‚Trotz Natur und Augenschein. Eucharistie – Wandlung und Weltsicht‘ im Greven Verlag. Außerdem schreibt Schröer Kinderbücher für den Carlsen Verlag in der Reihe Pixi. Kontakt: johannes.schroeer@domradio.de

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