Morgenandacht, 04.01.2020

von Heiner Redeker, Fröndenberg

„Jeder hat seine Geschichte“

Im Rahmen der Firmvorbereitung des letzten Jahres haben wir in unserer Kirchengemeinde mit einigen Jugendlichen die Justizvollzugsanstalt in Iserlohn besucht. Dabei handelt es sich um eine Einrichtung des Jugendstrafvollzugs für junge Menschen bis zum 21. Lebensjahr. In einem Vorgespräch hatte der Gefängnisseelsorger unsere Jugendlichen gut auf den Besuch vorbereitet. Auf der Hinfahrt kam ich mit einigen Projektteilnehmern ins Gespräch. Eine Jugendliche meinte, was für ein komisches Gefühl es doch für sie wäre, dass wir nach diesem Gespräch einfach wieder nach Hause fahren könnten und die jungen Straftäter eben nicht.

Im Gefängnis angekommen gab es erst einmal ein nicht enden wollendes Prozedere vom Auf- und Abschließen der Türen. Aufschließen – warten, bis alle die Tür passiert haben – abschließen. Immer und immer wieder. Ein erster bedrückender Eindruck für uns. Dann trafen wir in der Kapelle der Anstalt auf zwei jugendliche Insassen. 20 und 21 Jahre alt. „So alt wie dein Sohn“, schoss es mir als erstes durch den Kopf. Die beiden jungen Männer beantworteten offen die Fragen der jugendlichen Besucher: „Wie lebt es sich so ohne Smartphone und Internet? Was habt ihr getan, um ins Gefängnis kommen? Wie reagieren eure Familie und Freunde? Bereut ihr eure Taten? Wie stellt ihr euch euer Leben nach dem Strafvollzug vor?“

Es entwickelte sich ein intensives Gespräch. Und aus den jugendlichen Straftätern wurden im Laufe des Gesprächs immer mehr zwei junge Männer mit einer Lebensgeschichte. Eine Lebensgeschichte mit Ecken und Kanten, mit großen Fehlern und Schuld – aber eine Lebensgeschichte. Als wir das Gefängnis wieder verlassen hatten, da brachte eine Projektbegleiterin es auf den Punkt, als sie sagte:

„Jeder hat seine Geschichte“!

Als ich diesen Abend reflektierte, da kam mir die biblische Geschichte vom sogenannten „Weltgericht“ in den Sinn. Da sitzt Jesus am Ende der Zeiten auf einem Thron und fragt die Menschen, wann sie Hungernde gespeist haben; Durstige getränkt; Nackte bekleidet; Obdachlose aufgenommen; Kranke und Gefängnisinsassen besucht. Für mich eine der schönsten und lebensnahsten Stellen in der Bibel. Und sie endet mit der Feststellung, dass man alles, was man einem anderen Menschen tut, letztendlich Jesus tut:

„Was ihr einem meiner geringsten Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!“

Scheinbar so einfach und doch so schwer! In jedem Menschen besonders in den Armen und Schwachen, besonders in den von der Gesellschaft Ausgeschlossenen eine Schwester und einen Bruder zu sehen, von Gott unendlich geliebt und von ihm mit einer unzerstörbaren Würde ausgestattet. Im konkreten Fall der beiden jugendlichen Straftäter heißt das: Ihre Vergehen, ihre Schuld und ihre Fehler nicht zu übertünchen oder auszublenden – aber trotzdem in ihnen einen Menschen zu sehen, von Gott gewollt und geliebt und mit einer speziellen Lebensgeschichte. „Jeder hat seine Geschichte!“

Und Gott hat mit jedem Menschen eine ganz eigene Geschichte. Genau diese Botschaft hat Jesus durch sein Reden und Handeln deutlich gemacht. Er ist zu den Kranken, den Ausgestoßenen und mit Schuld beladenen Menschen gegangen, um ihnen diese Botschaft nahe zu bringen. Und seine Botschaft beginnt schon mit seiner Geburt, die Christen in diesen Weihnachtstagen feiern. Im Grunde genommen kann man an Weihnachten damit beginnen, die Sehgewohnheiten auf Gott zu verändern. Gott kommt nicht machtvoll auf die Welt, nicht mit einem riesigen Knall, sondern schutzlos und wehrlos als ein kleines Kind in einem schäbigen Stall. Wenn man es genau betrachtet, nimmt diese Geburt das Programm seines ganzen Lebens vorweg. Gott wird Mensch, um unsere Welt „auf den Kopf zu stellen!“

Gott wird Mensch, aus Sorge um die „geringsten Brüder und Schwestern“. Und sein Auftrag an uns lautet: In jedem Hungernden, Durstigen, Nackten und Obdachlosen, in jedem Kranken und Gefängnisinsassen einen Menschen mit einer Lebensgeschichte zu sehen.

„Jeder hat seine Geschichte!“

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 04.01.2020 gesendet.


Über den Autor Heiner Redeker

Gemeindereferent Heiner Redeker ist 1967 in Lippstadt geboren. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Das Studium der Religionspädagogik und sein Anerkennungsjahr absolvierte er in Paderborn. Seit 1993 ist er Gemeindereferent im Pastoralverbund Fröndenberg/Ruhr. Im Jahr 2014 machte er eine Fortbildung zum biblischen Geschichtenerzähler. Diese Form der Glaubensvermittlung ist seitdem ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeit und bereitet ihm viel Freude. Kontakt: redeker@st-marien-gemeinde.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche