Morgenandacht, 17.01.2020

von Monsignore Peter Schallenberg, Paderborn

Was bedeuten Ehe und Familie?

Im Jahre 1979 war in der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ ein bemerkenswerter Artikel von Mitarbeitern des Bundeskanzleramtes zu lesen, der heute wie eine gruselige Persiflage klingt. Die Titelfrage lautete: „Babys – der Rente wegen?“. Der Tenor des Artikels: Wenn man Berechnungen über die Kosten der Kinderarmut oder sogar der zunehmenden Kinderlosigkeit aufstelle, dann sei das ein besonders schäbiger Aufguss menschenverachtender nationalsozialistischer Bevölkerungspolitik. Der Artikel plädierte vielmehr dafür, gewollte Kinderlosigkeit zu begreifen als Ausdruck des modernen Lebensgefühls. Schließlich sei dadurch ein allmähliches Gesundschrumpfen der bundesrepublikanischen Bevölkerung zu erwarten.

Hier führte wohl eine bestimmte Ideologie die Feder, aber auch offenkundige politische und ökonomische Torheit. Denn auch wenn manche Auswüchse des politisierten Kinderwunsches dazu führen, dass Politiker in Talkshows unverblümt mit der Enkelzahl prahlen, Ökonomen den Wert von Kindern mittels des Kindergeldes errechnen und manchmal sogar Sozialpolitiker im Blick auf die standfeste Rentenversicherung die Lufthoheit über die Schlafzimmer anstreben - eine Gesellschaft ohne Kinder ist bei Licht besehen eine sterbende Gesellschaft.

Wohlgemerkt: Eine Gesellschaft ist hier ausdrücklich gemeint, nicht ein Staat oder gar ein Nationalstaat bismarckianischer Prägung. Staaten kommen und gehen. Aber es geht um weit mehr: Es geht um das geglückte und erfüllende und Generationen umfassende Zusammenleben von Menschen in einer Gesellschaft, die nach dem Brudermord von Kain an Abel eben nicht mehr einfach von Natur aus zusammenlebt in unschuldiger Friedfertigkeit, sondern als Wolf dem Mitmenschen zum Wolf wird und daher der Ordnung und der Kultur bedarf. Es braucht jetzt einen festen Zustand der Gerechtigkeit: ein Staat, der grundlegend jede menschliche Person behütet und beschützt und befördert und bildet. Von diesem Zustand der Gerechtigkeit hat der Staat seinen Namen und seine Berechtigung: Zustand des Rechtes.

Und das allererste Recht eines jeden Menschen ist, so paradox sich das anhören mag, das Recht auf Liebe, nicht allein das Recht auf Leben. Leben allein ist ein erster verheißungsvoller Anfang, aber es reicht nicht, wenn es nicht geliebt und ersehnt und, ja: begehrt wird! Daher formuliert unser Grundgesetz in Artikel 6 bekanntlich: Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung. Das heißt: Der Staat schützt und fördert durch seine Ordnung den Lebensraum eines jeden Menschen als Liebesraum. Denn niemand von uns gebiert sich ja selbst durch freien Entschluss, wie etwa der Sanddornstrauch sich selbst fortpflanzt. Nein, jeder wird geboren und verdankt sein Leben anderen Menschen. Und erlernt dort Liebe und Zuneigung.

Nur, wenn das geschieht, kann der Mensch solche Liebe später weitergeben und nur dann kann solche erfahrene Liebe als Solidarität zwischen den Generationen auch als Solidarversicherung organisiert werden. Ehe und Familie lehren Verzicht und Mühe, Verzeihung und Reue, Solidarität und Hilfe, Dankbarkeit und Zärtlichkeit, Treue und Freundschaft. Kein Mensch weiß sich geliebt vom Gesetz und dessen Gerechtigkeit, von Finanzämtern oder Verwaltungsgerichten oder Verkehrsampeln. All das ist kalte Gerechtigkeit. Wir alle aber brauchen die heiß ersehnte Liebe von Menschen. Und genau das stellt uns der gute Staat als beständige Hoffnung vor Augen: Dass Menschen einander nicht einfach nur respektieren, sondern einander Freunde sind!

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 17.01.2020 gesendet.


Über den Autor Peter Schallenberg

Msgr. Prof. Dr. theol. habil. Peter Schallenberg, geb. 25.08.1963, Studium der Fächer Philosophie und Theologie in Paderborn und Rom, nach der Promotion in Rom 1991 seelsorgliche Tätigkeit, ab 1997 Direktor des Sozialinstituts des Erzbistums Paderborn Kommende in Dortmund, Habilitation 2003 in Münster, ab 2004 Professur für Moraltheologie in Fulda, seit 2008 Lehrstuhlinhaber für „Moraltheologie und Ethik“ an der Theologischen Fakultät Paderborn und seit 2010 zusätzlich Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.

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