Morgenandacht, 02.01.2020

von Heiner Redeker, Fröndenberg

Die Entdeckung Gottes

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes, friedfertiges und frohes neues Jahr!

Ich denke zu Beginn eines neuen Jahres häufig an eine meiner Lieblingsgeschichten der Bibel. Es ist die Erzählung von einem sehr alten Mann. Er steht da und schaut in den Sternenhimmel. Mitten in der Einsamkeit der Wüste. Das einzige Licht, das die Nacht ihm bietet, sind die Sterne, der Mond am Himmel und ein kleines loderndes Feuer. Das Knistern dieses Feuers und die leisen Schlafgeräusche seiner Tiere sind die einzigen Laute, welche die Stille der Nacht durchbrechen. Abraham, „Vater der Vielen“ ist sein Name. Und in dieser Nacht erhält der Greis von Gott Auftrag und Segen: „Verlass deine Heimat, deine Verwandten und Freunde und zieh in das Land, das ich dir zeigen werde! Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein. Sieh doch zum Himmel hinauf und zähl die Sterne! So zahlreich werden deine Nachkommen sein.“

Einen alten Baum verpflanzt man nicht, heißt ein altes Sprichwort. Abraham hatte doch alles, was sich ein Mensch im Herbst seines Lebens wünscht. Er war wohlhabend, angesehen und hatte eine Familie, wenn auch keine eigenen Nachkommen, so doch viele Verwandte und Freunde. Er aber glaubt der Verheißung Gottes, lässt sein altes Leben hinter sich und macht sich mit seiner Frau Sara vertrauensvoll auf den unbekannten und beschwerlichen Weg.

Am Tor zum neuen Jahr fühle ich mich manchmal so, wie ich mir Abraham unter dem Sternenzelt vorstelle. Nicht ganz so alt - zum Glück - aber vor mir das Unbekannte, das Neue, das Unentdeckte und Spannende.

Und jedes Mal zu Beginn eines neuen Jahres frage ich mich: Was hat Gott im neuen Jahr mit mir vor? Sicher ist schon vieles bei mir vorgeplant und durchdacht. Mein Kalender hat sich schon gefüllt mit neuen Terminen. Aber ich weiß, dass ich nicht alles planen kann. Ein schönes jüdisches Sprichwort lautet: Der Mensch plant seinen Weg – und Gott lacht! Manchmal wünschte ich mir, ich könnte, genau wie Abraham, Gottes Verheißungen für das neue Jahr hören. Aber, dazu müsste ich erst einmal die Ruhe unter dem Sternenzelt finden. Eine völlige Dunkelheit, außer Mond und Sternen gibt es heute nur noch an ganz wenigen Orten. Man spricht ja sogar schon von einer „Lichtverschmutzung“. Auch die Ruhe ist im digitalen Zeitalter ein „frommer Wunsch“. Aber, da gibt es ja die berühmten „Vorsätze“ für das neue Jahr. Mehr Sport, gesünder leben, weniger Stress.

Mein Vorsatz fürs neue Jahr werden die „Wüstenzeiten“ sein. Momente der Stille, der Ruhe und der Besinnung. Ich glaube, dass Gott für mich viele Verheißungen im neuen Jahr bereithält. Aber, wie viele davon habe ich im letzten Jahr vielleicht gar nicht erkannt, weil mir -um im Bild der Abrahamsszene zu bleiben- die Zeiten der Betrachtung und die Ruhe des nächtlichen Himmels gefehlt haben? Thomas Mann beschreibt diese Szene unter dem Sternenzelt in seiner Josefstrilogie als „die Entdeckung Gottes“. Er beschreibt, wie durch die Begegnung mit Gott bei Abraham die Gottesfurcht entsteht. Doch diese ist bei ihm nicht „ganz allein Zittern und Beben, sondern auch Verbundenheit, Vertraulichkeit und Freundschaft, beides in einem“. Je tiefer Abraham Gott entdeckt, umso mehr entsteht Vertrautheit. Und in diesem Vertrauen macht er sich auf. Verlässt seine vertraute Umgebung, seine Heimat, seine Verwandten und Freunde und macht sich auf den Weg in eine neue ihm unbekannte Zukunft.

So wünsche ich Ihnen, dass Sie vertrauensvoll wie Abraham in das neue Jahr gehen, in der Gewissheit, dass Sie gesegnet sind von Gott, dass er Sie begleitet und dass er viele Verheißungen im neuen Jahr für Sie bereithält, die es zu entdecken gilt.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 02.01.2020 gesendet.


Über den Autor Heiner Redeker

Gemeindereferent Heiner Redeker ist 1967 in Lippstadt geboren. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Das Studium der Religionspädagogik und sein Anerkennungsjahr absolvierte er in Paderborn. Seit 1993 ist er Gemeindereferent im Pastoralverbund Fröndenberg/Ruhr. Im Jahr 2014 machte er eine Fortbildung zum biblischen Geschichtenerzähler. Diese Form der Glaubensvermittlung ist seitdem ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeit und bereitet ihm viel Freude. Kontakt: redeker@st-marien-gemeinde.de

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