Morgenandacht, 03.01.2020

von Heiner Redeker, Fröndenberg

Lied vom Kindsein

Da werden sie erst einmal tief geschluckt haben. Die bedeutsamen Herren, die in jeder Stadt auf Jesus warteten, um mit ihm zu reden, zu debattieren und diskutieren und mit jeder Faser ihres Gebarens deutlich machen wollten, wie klug, wie wichtig und angesehen sie sind. Und dann das! Da kommen Mütter mit ihren Kindern, eine lärmende Schar, und wollen zu Jesus. Natürlich haben die Jünger sie erst einmal weggeschickt. Doch dann passiert das Unglaubliche. Jesus wird zornig, schimpft die Jünger aus, lässt die honoren Männer einfach stehen und wendet sich den Kindern zu. Mehr noch: Er belehrt die Umstehenden mit den Worten:

„Lasst die Kinder zu mir kommen…denn solchen wie ihnen gehört das Reich Gottes. Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“

Der letztjährige Literaturnobelpreisgewinner Peter Handke hat für den Wim Wenders Film „Der Himmel über Berlin“ das anrührende Gedicht „Lied vom Kindsein“ geschrieben. Es drückt in poetisch starken Bilder Erinnerungen an die Kindheit und den Übergang vom Kindsein zum Erwachsenwerden aus. Besonders beindrucken mich an diesem Gedicht die Zeilen:

„Als das Kind Kind war… erschienen ihm viele Menschen schön und jetzt nur noch im Glücksfall, stellte es sich klar ein Paradies vor und kann es jetzt höchstens ahnen, konnte es sich Nichts nicht denken und schaudert heute davor.“

Das Gedicht von Peter Handke verstehe ich als eine Hommage an die Unbekümmertheit der Kindheit, wie auch an das Urvertrauen eines Kindes. Dieses Urvertrauen, das uns im Laufe eines Lebens, je älter und weiser wir werden, nach und nach abhandenkommt. Das Urvertrauen den Eltern gegenüber, aber auch das Urvertrauen Gott gegenüber. Was für eine wunderbar poetische Formulierung findet Peter Handke dafür:

„Als das Kind Kind war…stellte es sich klar ein Paradies vor…“

Vielleicht ist es genau das, was Jesus in der Erzählung der Kindersegnung meint, wenn er sagt:

„Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“

Es ist die Einladung Jesu, sich an das Ur- und Gottvertrauen der Kindheit zu erinnern. Nicht in einer naiven Art und Weise, sondern in einer Form des tiefen Vertrauens an einen Gott, der mich gewollt hat, so wie ich bin, und der mich begleitet und segnet, jeden Tag meines Lebens.

Das Ende von Handkes Gedichtes verstehe ich genauso. Da heißt es:

„Als das Kind Kind war, warf es einen Stock als Lanze gegen den Baum und sie zittert da heute noch.“

Die Erinnerung an das Kind – das genau ist auch Weihnachten. Gott ist nicht Mensch geworden pompös und glanzvoll bei den Mächtigen und Reichen. Sondern als Kind in einer Krippe, in Armut und Bescheidenheit. Aber, um im Bild von Peter Handke zu bleiben: die Lanze, die Gott vor zweitausend Jahren gegen den Baum geworfen hat, sie zittert auch heute noch. Das Kind in der Krippe lädt uns ein, unser eigenes, kindliches Urvertrauen an den menschgewordenen Gott immer ein Stück mehr zu suchen und wiederzuerlangen.

Wieviel Zeit und Energie verwenden wir Erwachsenen doch häufig uns selbst furchtbar wichtig zu nehmen, so wie die Männer in der Erzählung der Kindersegnung. Und wir vergessen andererseits, was im Leben wirklich wichtig ist und uns trägt. Dazu gehört für mich auch das Urvertrauen an einen menschgewordenen und jeden Menschen unendlich liebenden Gott.

Danke, Peter Handke, für dieses wundervolle Gedicht, welches mir die Kindersegnung und auch das Weihnachtsgeschehen mit Hilfe der Poesie immer wieder ein Stück näherzubringen vermag.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 03.01.2020 gesendet.


Über den Autor Heiner Redeker

Gemeindereferent Heiner Redeker ist 1967 in Lippstadt geboren. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Das Studium der Religionspädagogik und sein Anerkennungsjahr absolvierte er in Paderborn. Seit 1993 ist er Gemeindereferent im Pastoralverbund Fröndenberg/Ruhr. Im Jahr 2014 machte er eine Fortbildung zum biblischen Geschichtenerzähler. Diese Form der Glaubensvermittlung ist seitdem ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeit und bereitet ihm viel Freude. Kontakt: redeker@st-marien-gemeinde.de

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