Morgenandacht, 31.12.2019

von Heiner Redeker, Fröndenberg

„Die Dankbaren sind glücklich“

„Warum sind die Deutschen immer unzufrieden? Ich habe seit meiner Ankunft in Deutschland nie eine Neujahrsansprache eines Bundeskanzlers oder einer Bundeskanzlerin gehört, der oder die lächelnd sagt, dass es dem Land und uns sehr gut geht. Warum eigentlich nicht?“

Diese Worte stammen aus dem autobiografischen Werk: „Ich wollte nur Geschichten erzählen“ von dem in Syrien geborenen Schriftsteller Rafik Schami. 1971 ist er in die Bundesrepublik eingewandert. Rafik Schami spricht mir mit seiner Feststellung aus der Seele. Wenn ich politische Talkshows sehe, Kommentare in den Sozialen Medien lese oder Äußerungen von Populisten höre, dann bekomme ich manchmal den Eindruck, in einem der „schlimmsten Länder“ der Welt zu leben. Das allgemeine Unbehagen scheint mir so groß wie nie. Dabei leben wir objektiv in einem friedlichen, wohlhabenden und sicheren Land. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich möchte weder die Probleme unseres Landes übertünchen noch verschweigen. Da gibt es vieles, was im Argen liegt, vieles was verbessert werden kann und muss. Es geht mir darum, den Blick auf die positiven Dinge zu lenken, es geht mir um eine innere Haltung der Dankbarkeit.

Gerade an einem Tag wie heute, dem letzten Tag des Jahres, an dem ich das Jahr gerne Revue passieren lasse. Wenn es meine Zeit erlaubt, dann höre ich Silvester gerne die neunte Symphonie von Beethoven und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Während dieser bezaubernden Musik steigen dann Bilder des vergangenen Jahres in mir auf. Regelmäßig überkommt mich dabei der Gedanke, wie oft ich doch im vergangenen Jahr vergessen habe, „Danke“ zu sagen. Zum einen meinen Mitmenschen. Für all die guten Gesprächen, oder dass sie für mich da waren in jeglichen Lebenslagen. Dazu gehören aufmunternde Worte von Familie und Freunden zur rechten Zeit genauso wie konstruktive Kritik, wenn ich auf dem falschen Weg war. Die vielen helfenden Hände der Ehrenamtlichen in unseren Kirchengemeinden, ohne die vieles nicht möglich wäre.

Aber in erster Linie ist das die Dankbarkeit Gott gegenüber, der mich im letzten Jahr im Großen wie im Kleinen wieder überreich beschenkt hat. Und ich entdecke mich dabei, für wie selbstverständlich ich das alles oft erachte: Gesundheit, Frieden, Wohlstand, das Leben in einer Demokratie, Familie und Freunde, das Geschenk des Glaubens an einen Gott, der mich gewollt hat, so wie ich bin und der mich täglich mit seinem Segen begleitet. Die Liste ließe sich wohl noch lange weiterführen.

Und durch das Nachsinnen über die Dankbarkeit werde ich froh, fühle mich beschenkt und spüre den Reichtum, der mir jeden Tag aufs Neue zuteil wird. Diese Freude geht mir dann bei Beethovens Schlusschor, dem vertonten Schillergedicht „Ode an die Freude“ durch „Mark und Bein“: „Brüder, überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen!“, heißt es da.

Vom englischen Schriftsteller Francis Bacon stammt das Zitat: „Nicht die Glücklichen sind dankbar. Es sind die Dankbaren, die glücklich sind“.

Ich hoffe, dass mir in der Jahresabschlussbilanz am Silvesterabend des nächsten Jahres deutlich weniger Momente einfallen, in denen ich vergessen habe, „Danke“ zu sagen. Aber den heutigen Tag, den letzten Tag des Jahres, möchte ich beschließen mit einem großen und aus tiefstem Herzen kommenden „Danke“. Und vielleicht geht heute Abend ja der Wunsch von Rafik Schami in Erfüllung und die Bundeskanzlerin sagt in Ihrer Neujahrsansprache voller Dankbarkeit, dass es dem Land und uns sehr gut geht.

So wünsche ich Ihnen einen gesegneten letzten Tag des Jahres und einen guten Rutsch in das neue Jahr.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 31.12.2019 gesendet.


Über den Autor Heiner Redeker

Gemeindereferent Heiner Redeker ist 1967 in Lippstadt geboren. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Das Studium der Religionspädagogik und sein Anerkennungsjahr absolvierte er in Paderborn. Seit 1993 ist er Gemeindereferent im Pastoralverbund Fröndenberg/Ruhr. Im Jahr 2014 machte er eine Fortbildung zum biblischen Geschichtenerzähler. Diese Form der Glaubensvermittlung ist seitdem ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeit und bereitet ihm viel Freude. Kontakt: redeker@st-marien-gemeinde.de

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