Wort zum Tage, 10.01.2020

von Johanna Vering, Langenberg

Wir sind sehr gut

Mein Sohn Clemens ist gerade in dem Alter, in dem er alles an sich interessant findet. Er entdeckt seinen Körper. Letzte Woche stand er morgens gefühlt eine halbe Stunde splitternackt vor dem großen Spiegel im Schlafzimmer und hat sich eingehend angeschaut. Und dabei ausprobiert, wie er aussieht, wenn er lacht, wenn er Grimassen zieht, wenn er sich hinkniet. Er hat sich immer wieder um die eigene Achse gedreht. Und ich stand im Türrahmen und hab mir das Ganze angeguckt. Herrlich. Er findet sich einfach schön.

Wie unbefangen Clemens seinem Körper gegenüber ist. Wie neugierig und richtig stolz.

Wie lange wird das wohl noch so bleiben? Wie lange kann er sich noch schön finden und stolz sein auf seinen Körper? Sicher, irgendwann setzt die natürliche Scham ein, das ist ja auch gut so.

Aber es gibt zusätzlich noch ganz viele Punkte von außen, die das eigene Körpergefühl beeinflussen. Bilder, Werbung, Kommentare oder Blicke von anderen, Mode, … . Das weiß ich noch gut von mir selbst. Ich war nie schlank und habe sehr schnell gelernt, dass das nicht richtig ist und damit auch nicht schön. Meine Familie hat das toll aufgefangen, es ging mir nie schlecht. Aber eben: mich richtig gut fühlen, geschweige denn, stolz auf meinen Körper zu sein, das ging nicht.

Das hat erst eingesetzt, als ich älter geworden bin und selbstbewusster. Jetzt bin ich das, stolz auf meinen Körper - egal wie er für andere aussieht. Er hat schon ganz schön viel geschafft. Alleine mich weit mehr als 30 Jahre durchs Leben zu tragen, ist eine Leistung.

„So ist es sehr gut.“ Das hat Gott gesagt, nachdem er den Menschen erschaffen hat. Das steht so ähnlich ganz am Anfang der Bibel verbunden mit den Bildern der Schöpfungserzählung.

Interessanterweise wird mir dieser Gedanke in den letzten Jahren immer wichtiger: ich bin von Gott so gewollt und geliebt. So wie ich bin. So wie ich aussehe. So, wie ich heute drauf bin. So findet Gott mich gut. Vermutlich gerade dann, wenn ich mich selbst nicht leiden kann.

Das soll keine Ausrede dafür sein, nicht an mir zu arbeiten. Im Gegenteil. Mich spornt das eher an, auf mich aufzupassen und im guten Sinne achtsam zu sein. Damit es sehr gut bleibt.

Clemens wird lernen müssen, dass nicht alle ihn schön finden. Dass er vielleicht nicht dem gesellschaftlichen Ideal entsprechen wird. Aber wer tut das schon wirklich?

Ich hoffe aber sehr, dass wir als Eltern es schaffen, ihn stark und selbstbewusst werden zu lassen. Damit er sich immer gerne anschaut und auch stolz auf sich ist.

Das können wir alle sein. Wir sind alle sehr gut.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 10.01.2020 gesendet.


Über die Autorin Johanna Vering

Johanna Vering, geboren 1982 in Ostwestfalen, ist Pastoralreferentin bei der Katholischen Rundfunkarbeit am SWR. Nach dem Studium der Theologie in Freiburg und Graz hat sie als Pastoralreferentin in verschiedenen Seelsorgeeinheiten der Erzdiözese Freiburg gearbeitet und die journalistische Ausbildung am ifp in München absolviert. Johanna Vering lebt in Langenberg (Westf.), ist verheiratet und hat zwei Kinder. Kontakt
johanna.vering@kirche-im-swr.de

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