Wort zum Tage, 27.12.2019

von Martin Korden, Köln

Das versteht doch keiner!

An Weihnachten sprach mich ein Freund an. Kurz zuvor war er mit seiner Frau und den drei kleinen Kindern aus dem Weihnachtsgottesdienst gekommen. Und weil er weiß, dass ich für die Kirche arbeite, sah er mich als den richtigen Adressaten an, um sich zu beschweren. Es ging um das Tages-Evangelium, in dem Fall um den Bibeltext, der traditionell am ersten Weihnachtstag vorgetragen wird. In der Kirche auch als Johannes-Prolog bekannt. Da heißt es: „Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“  

Da kommt man Weihnachten mit all den Kindern in die Kirche und man will die Krippe schauen mit dem Jesuskind und die Geschichte von den Engeln hören, so echauffierte sich mein Freund, und dann komme ausgerechnet solch ein schwerer Text: Das versteht doch keiner!

Ich stand etwas bedröppelt da und musste eingestehen, da ist was dran. Am Anfang war das Wort und alles ist durch das Wort geworden. Ist das nicht unbegreiflich?

Ja, es ist wirklich unbegreiflich. So wie das, was diese Zeilen in gewichtigen Formulierungen aussagen, eigentlich auch unbegreiflich ist, ja unfassbar: Das Wort Gottes wird leibhaftig. Das heißt: Gott spricht sich selbst aus in einem Menschen.
Es geht hier nicht um die Worte, die dieser Mensch, der da geboren wird, also Jesus von Nazareth, in seinem Leben gesprochen hat. Es geht hier zunächst um das eine Wort Gottes an die Welt schlechthin. Das Wort lautet: In diesem Menschen Jesus begegnet ihr mir - begegnet ihr Gott.

Das ist die Botschaft von Weihnachten, die alles andere, was mit diesem Fest noch verbunden wird, überbietet und was bei allen Begleitumständen, die die Weihnachtsgeschichte so schön und bilderreich machen, eben nicht vergessen werden darf. Natürlich ist es ein besonderes Zeichen, wenn Gott als Mensch arm und bedürftig in einer Krippe geboren wird. Aber am wichtigsten ist die Aussage: Hier ist Gott selbst. Der Grund allen Lebens wohnt unter uns. Der Unfassbare ist fassbar geworden. Darum ist dieser Text so wichtig für Weihnachten, denn hinter diesem Fest steht bei aller Romantik und den schönen Bildern das Angebot Gottes, ihn selbst aufzunehmen in unser je eigenes Leben. Wenn das stimmt, ist es die größte Botschaft, die man sich vorstellen kann.

Heute feiert die Kirche den Verfasser dieses schweren Textes: den Apostel Johannes. Ganz bewusst liegt sein Gedenktag so nah am Weihnachtsfest, weil dessen Worte die Geburt Jesu in der Krippe entschlüsseln: Jesus ist das Wort Gottes, es hat unter uns gewohnt und es leuchtet in der Finsternis.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 27.12.2019 gesendet.


Über den Autor Martin Korden

Martin Korden, geboren 1980 in Adenau, ist Beauftragter der Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur und Deutsche Welle. Nach dem Abitur absolvierte er im Rahmen seines Wehrdienstes eine erste Hörfunkausbildung beim Truppenbetreuungssender „Radio Andernach“. Anschließend studierte er in Trier und Brixen Katholische Theologie und schloss 2006 mit dem Diplom ab. Das journalistische Volontariat absolvierte er bei der Katholischen Fernseharbeit in Frankfurt am Main. Neben der Aufgabe als Senderbeauftragter ist er seit vielen Jahren für DOMRADIO.DE in Köln und für die Katholische Fernseharbeit tätig. Kontakt: m.korden@dbkradio.de

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