Wort zum Tage, 24.12.2019

von Martin Korden, Köln

Stille Nacht

Heute ist es soweit. Auf der ganzen Welt werden etwa zweieinhalb Milliarden Menschen  ein bestimmtes Lied singen: „Stille Nacht, Heilige Nacht“. Entstanden ist das Lied in Österreich, wo der Pfarrer einer kleinen Gemeinde bei Salzburg das Lied gemeinsam mit dem Organisten uraufgeführt hat – wie sollte es anders sein – in der Christmette der Heiligen Nacht und zwar genau heute vor 201 Jahren.
Die UNESCO hat das Lied in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Stille Nacht, Heilige Nacht vermittle das Gefühl einer großen Zusammengehörigkeit und den Wunsch nach allumfassenden Frieden – so die Begründung.

Ja: „Stille Nacht“ steht für eine ganz besondere Stimmung. Mehr noch, ich würde sagen, es bedient eine tiefe innere Sehnsucht. Und beim Singen scheint die Erfüllung dieser Sehnsucht zumindest gefühlsmäßig so eigenartig greifbar zu sein: Die Vorstellung, es könnte doch eigentlich funktionieren und die ganze Welt im Frieden sein – so wie es in der biblischen Weihnachtsgeschichte heißt, dass die Engel den Hirten auf dem Feld den Frieden der Welt verkündeten.

So einfach ist es bekanntlich nicht, und nicht jeder wird heute abend das Stille Nacht mit Freude singen. Ja, mancher wird es gar nicht singen wollen, weil er dieses plötzlich eintretende Gefühl als aufgesetzt empfindet. Andere werden es vielleicht nicht singen können, weil sie vor kurzem einen lieben Menschen verloren haben, und es gerade dann besonders wehtut, weil der geliebte Mitmensch nicht mehr dabei ist. Weil die Sehnsucht dann so unerträglich groß würde.

Stille Nacht, Heilige Nacht, alles schläft, einsam wacht nur das traute hochheilige Paar, holder Knabe im lockigen Haar, schlaf in himmlischer Ruh.

Hier wird die Sehnsucht nach einem Licht in der Dunkelheit geweckt, die Sehnsucht, dass irgendwann alles gut sein möge. Und darum passt es so besonders zu Weihnachten, zu der Botschaft von der Geburt Jesu und der Hoffnung, dass in dem Knaben im lockigen Haar das Licht zu finden ist.

Das Wunder der Geburt eines Kindes lässt erahnen, dass die Liebe letztlich siegt. Das ist die Sehnsucht von Weihnachten, die im Lied „Stille Nacht“ eingehüllt liegt.

Und wer es heute Abend singt, mag vielleicht spüren, was der deutsche Benediktinerpater Anselm Grün so formuliert:

„In meiner Sehnsucht nach Frieden ist schon Frieden. In meiner Sehnsucht nach Licht ist schon Licht. Und in meiner Sehnsucht nach Liebe ist schon Liebe.“

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 24.12.2019 gesendet.


Über den Autor Martin Korden

Martin Korden, geboren 1980 in Adenau, ist Beauftragter der Bischofskonferenz für Deutschlandradio. Nach dem Abitur absolvierte er im Rahmen seines Wehrdienstes eine erste Hörfunkausbildung beim Truppenbetreuungssender „Radio Andernach“. Anschließend studierte er in Trier und Brixen Katholische Theologie und schloss 2006 mit dem Diplom ab. Das journalistische Volontariat absolvierte er bei der Katholischen Fernseharbeit in Frankfurt am Main. Neben der Aufgabe als Senderbeauftragter ist er seit vielen Jahren für DOMRADIO.DE in Köln und für die Katholische Fernseharbeit tätig. Kontakt: m.korden@dbkradio.de

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