Feiertag, 01.02.2015

von Pfarrer Lutz Nehk aus Berlin

"Sei wahrhaftig in deinem Handeln" - eine gefährliche Grundhaltung

Autor
Das muss ich mir unbedingt merken, am besten aufschreiben. Ein Satz, eine Bemerkung gefällt mir so gut, dass ich sie nicht vergessen möchte. Das kann die geniale Formulierung sein, der tiefe Sinn, die große Weisheit, die mich fesseln. Oder einfach, dass mit nur wenigen Worten etwas ganz Schönes und Wichtiges gesagt wird. Solche Worte kann man nicht suchen oder konstruieren. Sie laufen einem über den Weg und werden einem geschenkt. Natürlich gibt es auch dafür einen Markt. Regale voller Bücher mit Sinnsprüchen und Lebensweisheiten. Abreißkalender: Goethe und Schiller für jeden Tag des Jahres. Auch in der Bibel sind Sammlungen mit weisen und frommen Sprüchen zu finden. Das Buch der Sprichwörter, das Buch der Weisheit und die Spruchsammlung des Jesus Sirach – schier unerschöpfliche Quellen schöner und weiser Worte für beinahe alle Lebenslagen. Aber nicht die Masse macht es. Bitte keinen frommen, weisen oder lustigen Spruch als Kommentar zu jeder Gelegenheit. Das ist peinlich. Das Wort muss mich zuerst treffen, muss zu mir passen, mir immer präsent sein. Es wird mir zu einem Wegbegleiter, der mich ermahnt und ermutigt, tröstet und inspiriert.

Musik

Sprecher
Sei wahrhaftig in deinem Handeln.

Breche nie ein Wort.

Zeige kein falsches Prestige.

Komme zuerst - gehe zuletzt.

Habe gerechten Zorn, aber verschwende niemals deinen Zorn!

Autor
Diese fünf kurzen Sätze fand man nach seinem Tod in einer Mappe auf dem Schreibtisch in seinem Büro. Dr. Erich Klausener hatte sie sich aufgeschrieben, ohne jeden Kommentar. Der preußische Beamte und katholische Christ hat sie nie in einer seiner Reden erwähnt oder sogar als allgemeine Regeln proklamiert. Es waren Selbstverpflichtungen. Worte, die er einmal gehört hatte, und die ihm gefallen haben. Ja, das wäre gut, sich das zum persönlichen Maßstab zu machen. Es bleibt die Aufgabe der Historiker, zu bewerten, wie diese Worte das Leben und Handeln von Erich Klausener bestimmt haben. Er wurde vor 130 Jahren, am 25. Januar 1885, in Düsseldorf geboren. Bekannt wurde er als Leiter der Katholischen Aktion im Bistum Berlin. Seit 1928 hatte er diese Funktion bei der katholischen Laienbewegung inne. Und immer wieder ging er in seinen Reden bei katholischen Kundgebungen und Märkischen Katholikentagen auf kritische Distanz zu den Regierenden. Vor allen Dingen die Auseinandersetzung mit den Nationalsozialisten wurde am Ende zu seinem Verhängnis. Der anfängliche Versuch, der neuen politischen Kraft etwas Positives abzugewinnen, schlug in deutliche und öffentliche Kritik um.

Klausener wurde von den Nazis als „Gegner“ eingestuft und seine „Beseitigung“ war schließlich nur noch eine Frage der Zeit. Seine Ermordung wird so geschildert:

Sprecher
Im Zuge der unter der Propagandabezeichnung „Röhm-Putsch“ bekannt gewordenen politischen Säuberungswelle wurden neben SA-Funktionären auch Gegner des Nationalsozialismus ermordet. Zu den Opfern gehörte auch Erich Klausener. Am 30. Juni 1934 beauftragte der Leiter des Geheimen Staatspolizeiamtes, Reinhard Heydrich, den SS-Mann Kurt Gildisch damit, Klausener aufzusuchen und auf der Stelle zu erschießen. […] Gildisch eröffnete Klausener in dessen Dienstzimmer im Verkehrsministerium, dass er verhaftet sei. Gildisch schoss mit seiner Pistole Klausener in den Kopf. Klausener erlag dieser Schussverletzung sofort. Nachdem Gildisch Heydrich telefonisch Vollzugsmeldung erstattet hatte, gab Heydrich ihm den Auftrag, den Mord als Suizid zu tarnen. Nach Gildischs Rückkehr ins Geheime Staatspolizeiamt erklärte Heydrich ihm, dass Klausener „ein gefährlicher Katholik“ gewesen sei, der gegen die Regierung gearbeitet habe. (1)

Autor
Dr. Erich Klausener ist der erste Blutzeuge des Bistums Berlin in der Zeit des Nationalsozialismus. 1963 wurde die Urne mit seiner Asche in der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee beigesetzt. In der Eingangshalle der Kirche ist in einem Fenster einer der fünf persönlichen Leitworte Klauseners eingraviert: „Sei wahrhaftig in deinem Handeln.“

Neben Klausener wird in dieser Kirche stellvertretend für die vielen Blutzeuginnen und Blutzeugen dieser Zeit an drei andere erinnert: Dompropst Bernhard Lichtenberg, der nach der Reichspogromnacht im November 1938 jeden Abend in der St. Hedwigs-Kathedrale öffentlich für die Juden betete. Er starb am 5. Dezember 1943 auf dem Transport in das KZ Dachau. Erinnert wird auch an zwei, die es wagten, in dem „Kreisauer Kreis“ ein Deutschland nach Hitler und ohne die Nationalsozialisten zu planen. Der evangelische Christ Helmuth James Graf von Moltke gründete diesen Kreis. Der Jesuitenpater Alfred Delp hat als katholischer Theologe und Fachmann für christliche Gesellschaftslehre mitgearbeitet. Beide wurden vor 70 Jahren in Plötzensee ermordet. Moltke am 23. Januar und Delp am 2. Februar 1945.

Musik

Autor
„Sei wahrhaftig in deinem Handeln.“ – ein persönliches Leitwort des katholischen NS-Gegners Dr. Erich Klausener. Es wird heute mit seiner aus dem christlichen Glauben begründeten Ablehnung des Nationalsozialismus in Verbindung gebracht.

„Wahrhaftigkeit“ – das ist kein modernes Wort und wohl nur im aktiven Wortschatz weniger Menschen vorhanden. Es hat so einen feierlichen, einen moralisch-kirchlichen Klang, der erst einmal auf Distanz gehen lässt. Das ist eben so, aber auch nicht allzu schlimm. Das altbackene Wort hat seine Bedeutung und sein Gewicht dadurch nicht verloren. Es schwingt in den Wörtern ehrlich, aufrichtig und authentisch mit.

„Wahrhaftig“ – das beschreibt das Verhältnis, dass einer zur Wahrheit hat. Er geht in diesem Wort nicht auf Distanz zur Wahrheit, sondern sucht ihre Nähe. Mehr noch: Er geht eine Liaison mit ihr ein, eine prägende Beziehung. Bin ich wahrhaftig, dann haftet die Wahrheit an mir. Ich bin von der Wahrheit in Haft genommen und ihr verpflichtet. Obgleich hier der Eindruck einer Einschränkung und Engführung auf nur eine Möglichkeit entsteht, wäre die Alternative doch nur: Ich halte mir die Entscheidung zwischen Wahrheit und Unwahrheit offen. Aber eine wirkliche Alternative ist das nicht. Die Bindung an die Wahrheit ist auf jeden Fall das Bessere. So ist Ausruf „wahrhaftig!“ eine Zustimmung: Ja, so ist es! Das stimmt! Das ist richtig!

Musik

Autor
Der Eindruck stimmt: „Wahrhaftigkeit“ hat einen religiösen Klang. Das liegt an der theologischen Dimension des Wortes „Wahrheit“. Natürlich gibt es auch eine philosophische, eine rechtliche und noch ganze viele andere Dimensionen. Hier interessiert mich aber, was ich in der Bibel zur „Wahrheit“ lesen kann.

Eine wichtige Stelle finde ich im Johannesevangelium. Jesus spricht kurz vor seiner Verhaftung in Jerusalem zu seinen Jüngern:

Sprecher
1 Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! 2 Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten? 3 Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin. 4 Und wohin ich gehe - den Weg dorthin kennt ihr. 5 Thomas sagte zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen? 6 Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich. (Joh 14, 1-6)

Autor
Der beginnenden Verunsicherung seiner Jünger begegnet Jesus mit ermutigenden Worten: In meiner Gemeinschaft seid ihr auf dem richtigen Weg, auf der Seite der Wahrheit und habt ihr die Kraft zum Leben. Wenn Jesus von sich selbst als „die Wahrheit“ spricht, nimmt er damit eine Qualität in Anspruch, die in ihrer reinen und absoluten Form nur Gott selbst zukommt. Gott selbst ist Wahrheit. So wie sich Licht und Finsternis zueinander verhalten, so verhalten sich auch Wahrheit und Lüge zueinander. Im 1. Johannesbrief steht:

Sprecher
Das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkünden: Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm. 6 Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben, und doch in der Finsternis leben, lügen wir und tun nicht die Wahrheit. (1 Joh 5-6)

Autor
Das Leben in der Finsternis ist ein Leben in der Gottesferne. Erst durch das „Handeln in der Wahrheit“ ist ein Erweis der Gemeinschaft mit Gott. So heißt es im Johannes-Evangelium: „Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind.“ (Joh 3, 21) Im Sinne Gottes zu handeln, so deute ich diese Stelle, heißt „die Wahrheit tun“. Noch deutlicher wird das für mich in dem Gespräch zwischen Jesus und Pilatus. Der fragt Jesus nach dessen Königstitel, und Jesus antwortet ihm: „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.“ (Joh 18, 37) Jeder, der von der Wahrheit her, also von Gott her denkt und handelt, der nimmt sich Wort und Werk Jesu zum Maßstab.

„Sei wahrhaftig in deinem Handeln.“ Die theologische und spirituelle Dimension dieses Leitwortes von Dr. Erich Klausener führt mich also ganz in die Nähe Gottes. Es ist ein Handeln gemeint, dass sich konsequent an Gottes Gebot in der Botschaft Jesu ausrichtet. Finsternis und Lüge haben hier keinen Platz. Kein Taktieren hinter den Kulissen, keine Korruption und keine verdeckten Absprachen, nichts, was das Licht der Öffentlichkeit scheuen muss.

Musik

Autor
Wahrhaftiges Handeln, gedeutet als Handeln aus dem Glauben an Jesus Christus,  beschränkt sich nicht auf ein fortwährendes Kritisieren und Korrigieren bestehender Verhältnisse. Es gewinnt vor allen Dingen in der aktiven Gestaltung des Lebens und des Zusammenlebens seine Bedeutung und Kraft. So hat es auch eine persönliche und soziale Dimension.

Wie sieht mein Leben eigentlich wirklich aus? Die Antwort auf diese Frage kann einen Menschen beunruhigen. Es ist ja auch nicht leicht, eine Antwort zu finden. Aber genau hier wird die Forderung nach der Wahrheit zu einer Herausforderung. Und es gehört auch Mut dazu, das eigene Leben genau anzusehen und zu beurteilen. Es ist gut und wichtig, Vorbilder zu haben, Menschen zu kennen, die man bewundert, die man vielleicht sogar verehrt. Auch der Wunsch, „sein zu wollen wie sie“, auch der ist nicht verkehrt. Aber kann ich das auch? Bin ich dann wirklich noch ich oder eine Kopie? Es geht immer so, dass ich mich am Besten in der Begegnung mit anderen Menschen kennenlerne. Die eigene Persönlichkeit ist das Ziel. Eine Persönlichkeit mit Stärken und mit Schwächen, mit Begabungen und Unfähigkeiten, mit dem Hang zur Heiligkeit und der Fähigkeit zur Sünde. So verbinde ich wahrhaftes Handeln ganz persönlich mit Redlichkeit, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Selbsttreue. Ihr stehen entgegen: Unredlichkeit, Verstellung, Heuchelei, Treulosigkeit.

Die Wahrhaftigkeit im Umgang mit mir selbst, wird schließlich auch mein Umgang mit anderen Menschen prägen.  Das ist einmal das Vertrauen, das ich einem entgegenbringe und das ich im vermittle. Ohne das Vertrauen und das Zutrauen kann es keine dauerhafte Gemeinschaft geben. Es geht aber auch um das Urteil, das ich mir über einen anderen Menschen bilde. Er hat ein Recht darauf, dass ich mir ein Bild von ihm mache, das der Wahrheit entspricht. So ist es eine Forderung der Wahrhaftigkeit, einem Offenheit und Dialogbereitschaft entgegen zu bringen, ihn wahrzunehmen, wie er ist und ihn eben so anzunehmen, ob es mir passt oder nicht.

Musik

Autor
Die Suche nach der Wahrheit ist nie bequem und auch nie leicht. Da muss ich immer fragen und kann mich nicht mit schnellen und schönen Antworten zufrieden geben. Es bleibt immer ein Quäntchen Zweifel, der sich zu einer neuen Frage aufbauen kann. Das gilt auch für die theologische Dimension der Wahrheit. Gerade weil es in der Frage nach Gott, nach seinem Willen, nach der Deutung seines Wortes für diese Zeit und diese Welt immer neue Horizonte gibt. Und das Fragen kann auch gefährlich sein, wenn es ein Infragestellen von Macht und Reichtum wird oder ein Hinterfragen von Entscheidungen und Strukturen. Das Fragen und die Wahrheit sind in der „Frage nach der Wahrheit“ ein explosives Gemisch. Für Menschen, die „wahrhaftig handeln“ wollen kann das hierzulande ziemlich unbequem werden, vielerorts sogar lebensgefährlich.

Der Begriff „Wahrheit“ hat viele Dimensionen und „wahrhaftiges Handeln“ kann sehr unterschiedlich motiviert sein. Immer aber ist es ein Handeln für den Menschen, für die Gerechtigkeit und für den Frieden. Mit Hochachtung und Dankbarkeit schaue ich auf die Menschen, die in gefährlichen Zeiten unserer Geschichte ihr Leben für die Wahrheit eingesetzt haben.

 

Quelle: (1) de.wikipedia.org/wiki/Erich_Klausener


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Dieser Beitrag wurde am 01.02.2015 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Lutz Nehk

Lutz Nehk (Jahrgang 1957) ist Pfarrer an der Katholischen Schule Liebfrauen in Berlin-Charlottenburg. Seit 2014 ist er zudem „Beauftragter des Erzbistums Berlin für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit“ und ist Mitarbeiter an der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee. Kontakt
lutznehk@t-online.de

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