Wort zum Tage, 24.01.2020

von Johannes Rogge, Berlin

Debatten-Kultur

In den Tagen zwischen den Jahren lief sie heiß. Die Diskussion um das Satirevideo des WDR, in dem ein Kinderchor eine umgedichtete Fassung des Lieds „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ singt. In Bezug auf die Klimadebatte heißt es in der umgedichteten Fassung „Meine Oma ist ‘ne alte Umweltsau“.

Ich schließe mich den Worten des WDR-Intendanten Tom Buhrow an, der von einer „missglückten“ Satire sprach, doch es geht mir hier jetzt mehr um die Folgen dieses Videos. Vor allem, um die Reaktionen in den Kommentarspalten und Diskussionsforen dieser Republik. Egal ob auf Facebook oder Twitter, unter Artikeln und Meinungsbeiträgen – überall wurde darüber gesprochen. Wobei die Worte „gesprochen“ oder „diskutiert“ es häufig nicht mehr treffen.

Nicht nur in diesem Fall erleben wir eine komplette Enthemmung der Sprache. Es wird gelogen, dass sich die Balken biegen, aufs Gröbste beleidigt und gedroht. Und die Wut bleibt manchmal nicht nur im Netz. Wenn wir erleben, dass mehrere Mitarbeiter des WDR Morddrohungen erhalten, wie übrigens viele Journalisten und meinungsstarke Menschen in unserem Land, sagt WDR Intendant Buhrow aus meiner Sicht völlig zurecht: „In unserem Land ist etwas richtig krank.“

Es ist nicht das erste Mal, dass wir eine solche Eskalation erlebt haben. Und es sind auch nicht die ersten Morddrohungen gegen Journalisten. Aber selbst die toughesten unter ihnen, können sich nicht ganz frei machen von der Macht, die diese einschüchternden Worte haben – so viele Rechtschreibfehler sie auch enthalten mögen.

Die Katholische Kirche feiert heute den Gedenktag des Heiligen Franz von Sales. Er gilt als der Patron der Schriftsteller und Journalisten, weil er seine Predigten im 16. Jahrhundert auf Flugblättern unter das Volk brachte. Er war bekannt für seine bewusst gewählte Sprache und den Verzicht auf jegliche Polemik. Von ihm stammt der Satz: „Zu viel und zu wenig nachsichtig sein, beides ist gefehlt. Es ist für uns Menschen hart, die Mitte zu halten; doch wenn ich fehle, will ich lieber durch die große Milde als durch zu große Strenge fehlen.“

Ein kluger Satz, wie ich finde, der gut in unser Zeitalter der Kommunikation passt. Franz von Sales sagt hier nicht, man solle nicht kritisieren oder auf Fehlentwicklungen hinweisen. Es geht, wie so häufig, um das „wie“. Und das gilt nicht nur für das „in die Tasten hauen“, sondern auch für das Zuhören.

Gerade bei solchen Debatten fällt mir auf, dass wir uns gegenseitig nicht mehr zuhören. Da wird eher bewusst missverstanden, als der Versuch unternommen, den anderen ehrlich verstehen zu wollen. Ich glaube: Wenn wir uns hier ein Vorbild am Heiligen Franz von Sales nehmen würden, wäre so manche Debatte weniger aggressiv und am Ende möglicherweise sogar konstruktiv für unsere Gesellschaft.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 24.01.2020 gesendet.


Über den Autor Johannes Rogge

Johannes Rogge wurde 1991 in Mainz geboren. Er studierte in Leipzig Kommunikationswissenschaften und ist seit 2018 als Redakteur beim Erzbistum Berlin tätig. Kontakt: Johannes.Rogge@erzbistumberlin.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche