Am Sonntagmorgen, 29.12.2019

von Pfarrer Ulrich Lüke, Münster

Von heilloser Zeit und zeitlosem Heil

„Wo ist die Zeit geblieben?“ Eine Frage, die sich zum Jahreswechsel viele stellen. Um sie zu beantworten, kommt man nicht um eine noch größere Frage umher: Was ist Zeit überhaupt?

© Giallo / Pexels

In der alten norwegischen Festungsstadt Frederikstad nahe Oslo, sind die Kasernen aus dem 18. Jahrhundert, die man sogar noch heute militärisch nutzt, nach dem sogenannten Kalenderplan errichtet worden: Die vier Eingänge stellen die Jahreszeiten dar, die zwölf Kamine die Monate, die 52 Zimmer die Wochen und die 365 Fenster die Tage des Jahres. Die 24 Scheiben pro Fenster sind die Stunden des Tages und die 60 Türen die Minuten der Stunde. Es mag sein, dass diese symbolträchtige Festung Verteidigungswert hatte. Aber den größten Feind, der am Ende alle besiegt und mit dessen Insignien sie prahlt, die Zeit nämlich, die rauscht durch die vier Jahreszeiten-Tore, durch die 52 Wochen-Zimmer, durch die 12 Monats-Kamine und durch jede der 24 Stunden-Scheiben an allen 365 Tages-Fenstern durch wie nichts.

Die Zeit scheint umso schneller zu laufen, je älter wir werden. Die Zeit ist so schnelllebig geworden, dass wir glauben, uns nicht einmal mehr Zeit nehmen zu können, über die Zeit nachzudenken. Doch heute sollten wir es tun; denn die Kunst Zeit zu haben, ist die Kunst sich Zeit zu nehmen.

Was ist Zeit?

Der Heilige Augustinus (354-430) hat im 11. Buch der Confessiones Fragen gestellt, die die Philosophie bis heute beschäftigen. Was aber ist die Zeit, und was messen wir, wenn wir die Zeit messen? Und im Blick auf die Zeitdimensionen führt er aus: Messen wir etwa die Zukunft? Und seine Antwort lautet: Was noch nicht ist, das können wir nicht messen. Messen wir die Gegenwart? Seine Antwort lautet hier: Etwas Ausdehnungsloses können wir nicht messen. Oder messen wir die Vergangenheit? Und hier antwortet er: Was nicht mehr ist, können wir nicht messen. Was also messen wir, wenn wir die Zeit messen?

Und Augustinus bezweifelt, dass uns die Zeit durch den Umlauf der Sonnen, Monde und Sterne gegeben wird. Auch die geben uns nicht die Zeit, sondern sie unterliegen selbst einer Zeitsetzung. Die Umläufe von Sonne, Mond und Sternen werden mit einem Zeitmaßstab gemessen, den sie nicht selbst liefern. Augustinus kommt zu dem Schluss: „In dir, mein Geist, messe ich die Zeiten.“ Zeit ist für ihn keine äußere an uns herangetragene, sondern eine innere in uns gegebene Wirklichkeit. Aber der Schöpfer der äußeren Welt und der inneren Welt ist Gott. Und indem wir über die Zeit nachdenken, stoßen wir auf deren Urheber, den ewigen Gott, der über alle Zeit erhaben ist und sich doch in ihr erfahrbar macht. So wird Augustinus die Frage nach dem Rätsel der Zeit zu einem Hinweis auf den zeitlosen Gott.

Und Albert Einstein, der der absoluten Zeit eines Newton und dem absoluten Raum mit seiner Relativitätstheorie den Todesstoß gegeben hat, auch er war mit der Zeit gedanklich nicht am Ende. Er meinte in einem Brief zum Tode seines Freundes Michele Besso:

„Nun ist er mir auch mit dem Abschied von dieser sonderbaren Welt ein wenig vorausgegangen. Dies bedeutet nichts. Für uns gläubige Physiker hat die Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer wenn auch hartnäckigen Illusion.“

Zeit ist für Einstein nur ein Artefakt, ein Trick unseres Gehirns, um die Dinge zu ordnen, indem man sie auf einer Zeitleiste wie auf einem Maßband anordnet.

„Die Zeit ist eine Larve der Ewigkeit“

Was sagt uns dieses jahrhundertelange Ringen um das Verständnis der Zeit? Wir sind nicht die Herren der Zeit. Wir haben sie nicht geschaffen, wir halten sie nicht an, wir können sie nicht abstellen, ja nicht einmal wirklich definieren, ohne von ihr zugleich schon Gebrauch zu machen. Aber wir können und müssen den Blick über die uns mit ihr gegebene Befristung hinausgehen lassen. Wir können, ja wir müssen die Zeit deuten.

Eine sehr einprägsame Deutung gibt uns der romantische Dichter und Schriftsteller Jean Paul (1763-1825):

„Die Zeit ist eine Larve der Ewigkeit.“

Aber eine Larve ist noch nicht das Endstadium, sondern nur ein Wachstums- und Verwandlungsstadium, eben ein Zwischenstadium. Die Larve wird noch erst zur Puppe, die wie tot erscheint. Und erst das, was sich aus der Puppe des scheinbaren Todes entpuppt, ist die Imago, wie der Biologe sagt, das wahre Bild und Wesen, z.B. der Schmetterling. Was sich nach den Larvalhäutungen unseres Lebens zum Tode hin verpuppt, das entpuppt sich als das wahre Leben bei und mit Gott.

Wenn die Zeit die Larve der Ewigkeit ist, was ist dann die Ewigkeit? Darauf antwortet der antike römische Philosoph und Konsul Boethius (480-524): „Das fließende Jetzt macht die Zeit, das stehende Jetzt macht die Ewigkeit.“  (De Trinitate). Wenn dies Jetzt, wenn die Gegenwart der Ort des Hineinragens der Ewigkeit in die Zeit ist, dann hat auch der verlorenste Augenblick bleibenden Wert und bleibende Bedeutung. Was immer wir Geschöpfe der Zeit in der Gegenwart tun, es hat Ewigkeitswert.

Die Ewigkeit im Jetzt erfahren

Boethius, selber im Gefängnis und den sicheren Tod vor Augen, gibt eine Definition für Ewigkeit, wie ich knapper und schöner keine kenne: „Ewigkeit ist ganzer und zugleich vollständiger Besitz unbegrenzten Lebens.“ (Consolatio Philosophiae) Ähnliches sagt auch der Theologe Karl Rahner: (1904-1984) Ewigkeit, ewiges Leben ist „Alles-in-einem-und-auf-einmal.“

Unser Erdenleben haben wir immer nur in einem zerdehnten Nacheinander, es schlüpft durch das winzige Nadelöhr der Gegenwart und ist zerrissen zwischen einem Nicht-mehr und einem Noch-nicht. Und festhalten können wir nichts davon in der Gegenwart. Wir können nur an das Vergangene erinnern und das Zukünftige prognostizieren. Ewigkeit dagegen ist ein Leben im Alles-auf-Einmal und Alles-Vollkommen im Immer-Jetzt. Das, was war, was ist und was werden kann, ist in einem ewigen Nun gegenwärtig und erfahrbar. Und diese Ewigkeit umfängt und unterfängt schon jetzt alles, was uns in der Zeit gegeben ist, was von uns im Nacheinander der Zeit gedacht und getan werden kann. Auch der flüchtigste Zeitmoment ist umfangen und unterfangen von Ewigkeit und hat darum Ewigkeitswert.

Vielleicht kann man sich von einem Jahr, von einer wichtigen Lebenszeit und vom Leben selber nur mit Dankbarkeit und Würde verabschieden, wenn man weiß oder doch fest erhofft, dass unser flüchtiges Leben von der Ewigkeit durchdrungen, umfangen und unterfangen ist. Vielleicht kann man die verflossene Zeit nur bejahen, wenn man sich von dem bejaht weiß, der alle Zeit umfängt und durchdringt - bejaht vom ewigen Gott. Vielleicht kann man erst dann das begrenzte Zeitliche segnen, wenn man sich durch Gott mit der Unbegrenztheit der Ewigkeit gesegnet weiß. Nur er kann unsere heillose Zeit in sein zeitloses Heil wandeln.

Wie sollen wir mit der Zeit umgehen?

Wenn die Zeit ein unwiederbringliches Gut ist, dann sind Zeitvertreib und Zeitverschwendung eigentlich unverantwortlich. Wie also sollen wir mit der Zeit gehen und mit der Zeit umgehen, wenn wir doch mit der Zeit gehen müssen?

Als gesunder junger Mensch ahnt man nichts von der Befristung, der Limitierung der Zeit. Man glaubt, über einen unendlichen Zeitvorrat zu verfügen. Und in Unkenntnis ihres ungeheuren Wertes verplempert man Zeit, schlägt man Zeit tot. Eben noch war man (oder fühlte man sich) zu jung, plötzlich ist man (oder fühlt man sich) zu alt. Ein deutsches Sprichwort sagt das so schön ironisch:

„Das Jahr geht weiter, und ehe man sich´s versieht, ist für die Tulpen, die man im Herbst nicht gesetzt hat, die Zeit gekommen, nicht zu blühen.“

Was ich getan oder gelassen habe, wirkt sich unweigerlich aus, und zwar nicht nur auf die Taten und deren Folgen, sondern auch auf den Täter und dessen Entwicklung.

Warum die Befristung der Zeit etwas Gutes ist

Auf einer Sonnenuhr las ich die Inschrift: „Alle Stunden verwunden, die letzte tötet.“ Vielleicht heilt die Zeit gar nicht alle Wunden, wie ein anderes Sprichwort meint, sondern beseitigt nur alle Verwundeten. Je älter man wird, desto mehr wird einem der langsam nagende Zahn der Zeit wie ein Zahn an der Kreissäge. Und dennoch:

„Gäbe es die letzte Minute nicht, so würde niemals etwas fertig“, sagt der amerikanische Erzähler und Satiriker Mark Twain. Ich glaube, es ist gut, dass unsere Zeit, im Guten wie im Schweren befristet ist. Erst die Befristung gibt der Zeit Gewicht, Bedeutung und Tiefgang. Eine Zeit, die ohne Befristung nur immer fortliefe, in der alles ins leere ‚Später‘ vertagt werden könnte, wäre so gleichgültig, wie jede andere Zeit davor oder danach. Angesichts der die Zeit befristenden Ewigkeit hat auch der graueste und entlegenste Tag unseres Lebens einen unwiederbringlichen schier unendlichen Wert.

Die Zeit teilt unser Leben in Vergangenes und Zukünftiges, in das, was nicht mehr, und das, was noch nicht ist. Die Zeit, genauer die Gegenwart, erscheint dann wie der selbst ausdehnungslose Umschlagpunkt vom Noch-Nicht zum Nicht-Mehr. Aber wie heilt die Zeit? Vorläufig vielleicht heilt sie durch das Vergessen. Aber endgültig heilt die Zeit, wenn sie zur Ewigkeit hin aufgehoben wird. Die Ewigkeit ist das alle Zeit zeitlos umfassende und alle Zeit zeitlos durchwirkende Sein. Die Zeit ist in der Ewigkeit im dreifachen Hegelschen Sinne aufgehoben:

1. aufgehoben im Sinne von beendet,
2. aufgehoben im Sinne von bewahrt,
3. aufgehoben im Sinne von hinauf gehoben.

Aber was können wir tun in der Zeit, mit der Zeit? Im Blick auf die Vergangenheit kann man nur das Gewordene archivieren und musealisieren. Im Blick auf die Zukunft kann man nur das Kommende vage imaginieren und ggf. antizipieren.

Zukunft, Gegenwart, Vergangenheit erscheinen uns wie eine Sanduhr. Aus der Höhe der Zukunft rauscht durch die winzige Enge der Gegenwart Zeitkorn um Zeitkorn in die Tiefe der Vergangenheit. Und da ist keiner, der uns die Uhr wieder umdreht. Wie geht man damit um, mit dem immer schneller werdenden Durchrauschen der Zeit, mit dem unaufhaltsamen Versinken der noch nicht handhabbaren Zukunft in die nicht mehr handhabbare Vergangenheit?

Die Gegenwart finden wir in Gott

Gerade dieses scheinbare Nichts zwischen Vergangenheit und Zukunft, gerade diese nicht zu messende Gegenwart, ist der Raum unserer Begegnung mit der Ewigkeit, mit dem ewigen Gott. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard (1813-1855) formuliert das so:

„Im Verhältnis zu dem Unbedingten gibt es nur eine einzige Zeit: die Gegenwart.“

Und diese Gegenwart bleibt in Gott aufgehoben, d.h. beendet, bewahrt und hinaufgehoben ins Ewige. Dass alles zugleich passiert, dass nichts mehr in die scheinbare Unendlichkeit der Zeitenabfolgen zerdehnt wird, dass nichts mehr unfertig zwischen seinem Vergangen-Sein im Gestern und seinem Zukünftig-Sein im Morgen dilettiert, sondern dass alles in einem ewigen ‚Jetzt‘ in Vollkommenheit vor dem Herrn der Zeit gegenwärtig ist, das genau meint Ewigkeit nach klassisch-philosophischer Ansicht.

Die Gegenwart, so undefinierbar sie auch ist, ist der einzige Raum-Zeit-Punkt, an dem wir wirken können. Aber dieses ausdehnungslos erscheinende Jetzt ist auch der ausdehnungs- und grenzenlose Punkt der Begegnung mit dem von Raum und Zeit nicht begrenzten, mit dem ewigen, allgegenwärtigen Gott. Und so dichtete der Barockdichter Andreas Gryphius (1616-1664):

„Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen,

mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen,

der Augenblick ist mein,
und nehm ich den in acht,

so ist der mein,

der Zeit und Ewigkeit gemacht.“

Machen wir aus dem Rohstoff der uns lebenslänglich immer neu zur Gestaltung anvertrauten Augenblicke christliche Wertarbeit, die unsere Handschrift trägt. Und für diese Wertarbeit dürfen wir die uns von Gott zugesagte Ewigkeitsgarantie in Anspruch nehmen. Denn er macht aus unserer heillosen Zeit sein zeitloses Heil.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 29.12.2019 gesendet.


Über den Autor Prof. Dr. Ulrich Lüke

Ulrich Lüke ist von Haus aus Theologe und Biologe. 1980 erhielt er die Priesterweihe. Daneben unterrichtete er zwölf Jahre als Lehrer die Fächer Religion und Biologie am Gymnasium. Nach der Promotion zum Thema "Evolutionäre Erkenntnistheorie und Theologie" im Jahr 1990 und der Habilitation Zum Thema "Bio-Theologie - Zeit, Evolution, Hominisation" im Jahr 1996 arbeitete er als Professor an der KFH Freiburg. Danach arbeitete er als Professor für die Theologische Fakultät in Paderborn sowie als Professor für Systematische Theologie an der RWTH Aachen. Seit 2017 ist Lüke als Krankenhauspfarrer im St. Franziskus-Hospital in Münster tätig. Kontakt
www.kt.rwth-aachen.de

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