Morgenandacht, 21.12.2019

von Pfarrer Christoph Seidl, Regensburg

O Morgenstern

Die Dunkelheit draußen macht mir immer ein bisschen zu schaffen. Das Aufstehen ist schwieriger in der dunklen Jahreszeit; wenn ich aus dem Haus gehe, ist es finster, wenn ich heimkomme auch. Ich merke, dass mich das lähmt, es macht mich träge. Umso mehr freue ich mich über die vielen Lichter, die in diesen Wochen in den Straßen, Wohnungen und Gärten gegen die Dunkelheit anleuchten. Was mir auch hilft, ist ein Tag Sonnenschein zwischendurch, vielleicht sogar ein Ausflug auf einen Berg mit weiter Sicht. Mir ist, als würde ich die Sonne innerlich speichern – und in mir ein inneres Licht wachhalten.

So ein inneres Licht brauche ich öfters – nicht nur im Winter, sondern auch in Momenten, die mich ratlos machen – bei einem Problem oder in einer Krankheit; ein inneres Licht, das mich gegen die Dunkelheit ankämpfen lässt. Dieses innere Licht muss kein Scheinwerfer sein, es genügt sozusagen ein „Lichtblick“. Manche kleinen Lichter, die in der Dunkelheit helfen, würde man bei strahlendem Sonnenschein sogar nicht einmal bemerken. In einer großen Stadt gibt es nachts so viel Licht, dass man kaum Sterne entdecken kann. Erst am Land draußen, wo es nachts wirklich finster ist, sieht man Sternbilder, die Milchstraße und ganz winzige Sterne, manchmal auch Sternschnuppen. Hat möglicherweise die Dunkelheit auch eine besondere Bedeutung?

Sehr interessant finde ich in diesem Zusammenhang eine Pflanze, die in dieser Zeit vielfach zu sehen ist: den Weihnachtsstern. Er ist für mich mehr als eine Dekoration. In südlichen Ländern wachsen unsere „Weihnachtssterne“ wie große Büsche an der Straße. Aber da sucht man vergeblich nach roten Blütenblättern. Denn die entstehen nur, wenn die Pflanze viel Dunkelheit erlebt, viel Sonnenlicht lässt dagegen nur grüne Blätter wachsen. Im Herbst regen die längeren Nächte die Blütenbildung an. In unseren Regionen hilft man noch ein bisschen nach und stellt in der Entwicklungszeit schon am frühen Nachmittag einen Eimer darüber oder legt schwarze Folien über die Gewächse, dann werden die oberen Blätter rot. Man könnte die Dunkelheit in diesem Fall beinahe  als eine Art Entwicklungshilfe bezeichnen. 

In den Weihnachtserzählungen gibt es bekanntlich auch einen Stern, der in der Dunkelheit aufgeht und zum Wegweiser für eine neue Perspektive im Leben wird. Um ihn zu sehen, muss es dunkel sein, brauchen die Sterndeuter eine Sehnsucht, also zunächst einen Mangel. Daraus wird etwas ganz Großes, Wunderbares. Andere Bilder aus der Bibel unterstreichen das. Der Spross aus der toten Wurzel zum Beispiel (Jes 11,10), das Volk in der Finsternis, das ein helles Licht sieht (Jes 9,1) – und nicht zuletzt ein Kind, wo eigentlich keines zu erwarten ist.

Mir ist, als würde jede dieser alten Geschichten ein kleines Hoffnungslicht in meinem Leben anzünden, so dass es schrittweise heller wird – wie von Woche zu Woche am Adventskranz – damit ich mit meinen Sorgen und Nöten leben und umgehen lerne. Die Bibel ist davon überzeugt, dass Gott selbst für diese Erhellung im Leben sorgt. Philipp Nicolai (1556-1608) hat diese Überzeugung in dem bekannten Choral „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ zum Ausdruck gebracht.

Weihnachten selbst nimmt nicht alle Schwierigkeiten und Herausforderungen aus meinem Leben weg. Aber diese Tage helfen mir zu sehen, dass in dunklen Momenten wieder ein Lichtblick auftaucht, dass in der Dunkelheit etwas Schönes zu blühen beginnen kann.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 21.12.2019 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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