Morgenandacht, 20.12.2019

von Pfarrer Christoph Seidl, Regensburg

Schlüssel Davids

Ist Ihnen das auch schon mal passiert? Frühmorgens gehe ich aus dem Haus, ziehe die Wohnungstür hinter mir zu und – ach, o Schreck: Ich habe den Schlüssel drin vergessen. Was mach ich denn jetzt nur? Schlüsseldienst? Das wird teuer. Oder es liegt hoffentlich irgendwo ein Ersatzschlüssel. Bei ganz modernen Türen braucht man ja keinen Schlüssel mehr. Ein Scanner prüft meinen Fingerabdruck oder meine Pupille. Feine Sache – meine Identität ist der Schlüssel!

Vom Öffnen einer Tür ist auch im Advent die Rede, zum Beispiel in dem Lied „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit!“ Da wird der alttestamentliche Psalm 24 vertont, dort heißt es:

„Ihr Tore, hebt euch nach oben, / hebt euch, ihr uralten Pforten; / denn es kommt der König der Herrlichkeit.“ (Ps 24,1)

Fragt man nach dem Schlüssel für diese Tore, dann erhält man die Antwort: Hinaufziehen zum heiligen Berg darf derjenige, „der reine Hände hat und ein lauteres Herz, der nicht betrügt und keinen Meineid schwört.“ Wie modern, denke ich mir: Der Schlüssel ist also die eigene Identität – wenn sie rein ist, unbefleckt. Dahinter steckt eine uralte Geschichte, nämlich die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies. Durch ihren Vertrauensbruch wurde das Himmelstor verschlossen, der Erzengel als Wächter davor gestellt, so die alte Erzählung. Seitdem stellen sich Menschen die Frage: Wie um alles in der Welt bringen wir dieses Tor wieder auf? Das hat sich tief eingeprägt. Ich muss mich entsprechend wohl verhalten, dann öffnet sich diese Tür. Aber was, wenn ich hinter dieser Erwartung zurückbleibe?

In den weihnachtlichen Tagen gibt es noch eine andere Sicht der Dinge, eine alternative Türöffnung. Den Schlüssel muss nicht ich mitbringen, sondern Jesus selbst ist dieser Schlüssel: Ein Ehrentitel bezeichnet ihn als „Schlüssel Davids“! Die Schlüsselgestalt Jesus Christus erfüllt, was die Israeliten über Jahrhunderte hinweg gehofft haben: Da sagt einer zu den Gefangenen: Kommt heraus – und zu denen in der Finsternis: kommt ans Licht! (vgl. Jes 49,9) Der da kommt, der hat den Schlüssel, und der sperrt auf! Ich muss als Mensch also keinen Schlüssel suchen. Ich darf einfach nur kommen, darf ihm entgegengehen. Noch eindrucksvoller beschreibt es das Johannesevangelium: Jesus selbst ist die Tür! Aus der verzweifelten Schlüsselsuche der Menschen ist das großzügige Angebot Gottes geworden. Es geht einzig und allein darum, dieses Angebot anzunehmen, an ihn zu glauben. Das klingt zwar nach nicht besonders viel Einsatz von menschlicher Seite, aber es ist dennoch viel:

Es geht um eine Haltung der Offenheit und des Vertrauens. Für mich ist das eine sehr zentrale Botschaft des Christentums: Der Himmel steht offen! Das ist anders als die Botschaft, die Menschen früherer Zeiten eingeimpft bekommen haben: ich müsste mir den offenen Himmel erarbeiten oder verdienen. Denn wer könnte das schon!?

Das Bild vom offenen Himmel ist wohltuend für Menschen, die mit vielen Selbstzweifeln unterwegs sind, vielleicht sogar für Menschen, die an ihrem Leben verzweifeln. Dieses Bild vom Himmel ist aber auch ein Auftrag, die Welt und das Leben nicht zu kleinkariert zu betrachten, nicht vorschnell andere zu verurteilen, nur weil sie anders sind. Offenheit und Toleranz sind Tugenden, ohne die Leben unendlich eng und schwierig wird.

Ich denke an die modernen Türsysteme: Es genügt mein Fingerabdruck bzw. meine Pupille: es genügen meine offenen Hände und offene Augen, dann werde ich eine offene Tür finden – und kann für andere zum Türöffner werden!
Dazu laden mich die kommenden weihnachtlichen Tage wieder ein!

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 20.12.2019 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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