Morgenandacht, 19.12.2019

von Pfarrer Christoph Seidl, Regensburg

Es ist ein Ros entsprungen

Wer bei Waldspaziergängen achtsam die Augen offen hält, dem bieten sich manchmal kuriose Ansichten: Gewaltige Bäume zum Beispiel, deren Wurzeln sich über einen großen Stein in die Erde krallen und sehr stabil sind; oder sehr mächtig scheinende Bäume, die der letzte Sturm quer gelegt oder gar abgebrochen hat; und dazwischen kleine neue Bäumchen, die sich aus scheinbar totem Holz zum Leben hinauf ranken. Die Kraft dieser kleinen Pflänzchen fasziniert mich besonders: Wo alles trocken und leblos aussieht, bricht neues Leben hervor. Dabei fällt mir die Stelle aus der Heiligen Schrift ein, die in diesen Tagen wieder vorgetragen wird: „Aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.“ (Jes 11,1)

Ein alter, abgestorbener Stumpf – ein Symbol für verlorene Hoffnung, Resignation und Frustration; ein Bild für das lähmende Gefühl: 'Es hat ja doch alles keinen Sinn – egal wie ich mich anstrenge.' Isai war der Vater des Königs David, an den man sich am liebsten erinnerte. Seit seiner Königszeit aber war nur Niedergang zu verzeichnen, daher das Bild vom vertrockneten, leblosen Baumstumpf: Der Prophet, der dieses Bild aufgreift vom toten Baumstumpf, aus dem doch Leben wächst, lebte um 700 v. Chr. Er hat Menschen vor Augen, die keine Hoffnung auf Zukunft haben, die an ihren bisherigen Königen verzweifelt sind und angesichts der Belagerung feindlicher Nachbarn nicht mehr ein noch aus wissen. Wenn diese geschichtlichen Hintergründe auch weit zurückliegen, klingt das alles doch auch ganz aktuell. Wenige Flugstunden von uns entfernt gibt es Krieg und Unterdrückung – die Auswirkungen davon erleben wir bisweilen in unserer unmittelbaren Nachbarschaft durch geflohene Menschen. Resignation und Frustration erlebe ich aber auch oft bei denen, die hier zwar eine warme Stube haben und genügend für ihren Lebensunterhalt, die aber enttäuscht sind von den Veränderungen in ihrem Beruf, von den neuen Bedingungen, die so ganz anders geworden sind als zu der Zeit, als sie den Beruf ergriffen haben.

Ich überlege, ob die Vision des Propheten heute auch tröstlich sein kann: Aus dem alten toten Holz wächst neues Leben hervor. Immerhin werden wir es zur weihnachtlichen Zeit wieder singen:

Es ist ein Ros' entsprungen / aus einer Wurzel zart,
wie uns die Alten sungen, / von Jesse kam die Art
und hat ein Blümlein 'bracht
mitten im kalten Winter, / wohl zu der halben Nacht.

Solche schönen alten Lieder wollen in meinen Augen nicht nur als weihnachtliche Gefühlsverstärker dienen, sondern eine Jahrhunderte alte Hoffnung wachhalten. Immer dann, wenn dir die Hoffnung ausgeht, lass dich nicht hängen; immer wenn du frustriert bist und resignieren möchtest, weil die Verhältnisse sich zusehends verschlechtern, dann vertrau darauf, dass dein Engagement dennoch zu mehr Leben beiträgt; immer wenn du geneigt bist zu sagen: 'Es hat ja doch alles keinen Sinn …' dann sei besonders achtsam auf einen neuen Trieb, auf kleine Anzeichen von Zukunft und Leben, auf versteckte Sinnperspektiven mitten im Alltag.

Weihnachten unterbricht den gewöhnlichen Alltag auf verschiedene Weise: da sind alte Bräuche, da gibt es eine besondere Raumgestaltung, zusätzliche Zusammenkünfte, nicht zuletzt natürlich auch besondere Zuwendungen und Geschenke – manchmal ist ein ehrliches gutes Wort in einer Karte sogar wichtiger als das Geschenk selbst.

Weihnachten unterbricht so manchen Teufelskreislauf der Verzagtheit und der Kraftlosigkeit. Ich bin eingeladen, ein Fest des Lebens und der Hoffnung zu feiern.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 19.12.2019 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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