Morgenandacht, 18.12.2019

von Pfarrer Christoph Seidl, Regensburg

Hirtenprinzip

„Na, Herr Pfarrer, wie geht’s Ihren Schafen?“ Ich könnte meinen Bekannten jedes Mal auf den Mond schießen, wenn er mich so begrüßt. Schafe – das sagt man heute doch nicht mehr! Wer will schon ein Schaf sein, ganz egal ob überzeugtes Gemeindemitglied oder ein suchender Mensch?!

Jetzt hat mir mein Bekannter ein Buch geschenkt, das ein Unternehmer geschrieben hat. Es trägt den Titel „Das Hirtenprinzip“. Da geht’s um praktische Ratschläge, wie man eine Firma gut führt. Und da lese ich: „Lerne deine Herde genau kennen, ein Schaf ums andere.[1] Dazu erzählt mir mein Bekannter: „Meine Frau und ich sind eigentlich sehr unterschiedlich: Sie ist Seelsorgerin, ich bin Geschäftsführer. Wir gehen gerne auf Fortbildungen. Wenn wir uns daheim erzählen, stellen wir fest: Es geht immer um eine gute Beziehung zwischen dem „Hirten“ und den „Schafen“. Ohne diese Beziehung wird es nichts.“

Ist ja interessant, denke ich mir: Wir Seelsorger wollen uns das Bild von den Schafen am liebsten abgewöhnen – und die Wirtschaft entdeckt es wieder neu! Dabei ist es gar nicht so verkehrt, denn Schafe sind ja alles andere als unmündig: Sie finden zum Beispiel ihren Weg sehr gut eigenständig und lassen sich auch bei der Nahrungsaufnahme nichts vorschreiben. Nur eine gute Beziehung brauchen sie zu ihrem Hirten, der in Gefahren für sie da ist oder wenn es um ein neues Weideland geht. 

In der Bibel entdeckt man sehr viele Stellen, die von Gott oder von Jesus als dem guten Hirten sprechen. In den bevorstehenden Weihnachtstagen sind die Hirten ja auch nicht wegzudenken. Aber da hat sich ein Rollentausch vollzogen. Gott, der gute Hirt, der Hüter Israels, er nimmt als neugeborenes Kind die Position des Schutzbedürftigen ein. In der Weihnachtsgeschichte gibt es ganz andere, die als Hirten in den Dienst genommen werden: Die Hirten auf den Feldern von Betlehem. Diese Hirten entsprechen eigentlich ganz und gar nicht der Krippenidylle, wie sie vielfach dargestellt wird.

Hirten damals waren nicht selten Gelegenheitsarbeiter, rauhe Männer, die vor Gericht zum Beispiel nicht einmal als zeugnisfähig galten. Gerade sie aber werden zu Zeugen dessen, der dann später als das „Lamm Gottes“ bezeichnet wird, das die Perspektive der Welt samt ihren Machtverhältnissen verändern sollte. Dieser Perspektivenwechsel wird an den weihnachtlichen Tagen liturgisch als „wunderbarer Tausch“ bezeichnet. Der „Hüter Israels“ wird selbst zum Lamm – und lässt einfache Menschen zu Hirten werden. Menschen, die neugierig sind auf Neues, Ungeahntes. Das Lamm dagegen: hilflos, ausgeliefert, angewiesen – und doch gekommen, um die Verhältnisse dieser Welt auf den Kopf zu stellen. Das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes, bringt diesen Rollentausch auf den Punkt: Das Lamm wird die Herde weiden (Offb 7,17), heißt es da.

Ich finde den Gedanken spannend: Uns Menschen ist die Hirtenaufgabe übertragen – die Aufgabe, füreinander Sorge zu tragen. Natürlich gilt das für die amtlich bestellten Hirten in der Kirche, aber auch für alle anderen, die Verantwortung für Menschen tragen, in Führungspositionen und auch im Privaten.

Hirtendienst – das könnte heißen, vorsichtig mit Macht umzugehen, Mut zu neuen Wegen zu haben und vor allem: gut hinhören zu können. Am besten gefällt mir in dem zu Beginn genannten Buch, dass es am Schluss heißt: „Starke Führungsqualität ist ein Lebensstil, keine Technik. (…) Vor allem anderen habe ein Herz für deine Schafe.“[2]

Na, dann werde ich jetzt mal doch wieder nach meinen Schafen sehen!

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


[1] Kevin Leman & William Pentak, Das Hirtenprinzip. 7 Erfolgsrezepte guter Menschenführung. Aus dem Amerikanischen von Bernadin Schellenberger, Goldmann-Verlag, München ³2010, 35.

[2] Ebd., 155.


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Dieser Beitrag wurde am 18.12.2019 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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