Morgenandacht, 17.12.2019

von Pfarrer Christoph Seidl, Regensburg

Die Weisheit der Geduld

Ein Mann sieht einem Angler beim Fischen zu – eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden. Irgendwann dreht sich der Angler um, hält dem Mann die Rute hin und fragt ihn: „Wollen Sie auch mal?“ Doch dieser schüttelt nachdenklich den Kopf: „Nein danke! Ich glaube, die Geduld hätte ich nicht!“

Geduld ist ein kostbares und zugleich sehr seltenes Gut, mit dem im Leben vieles wesentlich besser ginge. Meistens rate ich anderen zur Geduld, aber sie selbst aufzubringen, ist schon schwieriger. „Lieber Gott, schick mir doch Geduld, aber ein bisschen plötzlich!“ - dieses scherzhafte Stoßgebet bringt die Ambivalenz der gefragten Tugend gut auf den Punkt. Interessant ist es, dem Wort Geduld auf die Spur zu kommen. Es gibt ein altes germanisches Wort ga-thuldis, im dem die alte Wurzel tol zu entdecken ist, die etwa tragen oder ertragen bedeutet. Man merkt schon: Geduld ist alles andere als ein Kinderspiel, da geht’s darum, etwas auszuhalten. Das lateinische Wort für Geduld heißt patientia. Aha, der Patient hat damit zu tun, der etwas ertragen und aushalten muss! Besser zu ertragen ist eine unangenehme Zeit natürlich dann, wenn ich abschätzen kann, wie lange sie dauert und vor allem, dass sie gut endet. Wenn ich all das aber nicht weiß, dann kann es sehr hart sein zu warten. Es kann brennen wie Feuer! 

Diesen Vergleich habe ich in einem Romantitel gefunden: „Mit brennender Geduld“. Der chilenische Autor Antonio Skármeta erzählt darin die Geschichte des Fischersohnes Mario Gimenez. Er möchte mit 17 Jahren etwas anderes werden als sein Vater und bewirbt sich um eine Stelle als Briefträger. Dabei hat er nur einen einzigen Kunden, den berühmten und erfolgreichen Dichter Pablo Neruda, der sehr viel Post bekommt. „Mit brennender Geduld“ sehnt sich Mario nach zwei Dingen: Nach Poesie und nach Liebe. Mario Gimenez will nicht nur die poetische Sprache von dem großen Dichter erlernen, sondern er bittet ihn auch um Unterstützung, um das Herz der schönen Beatriz zu gewinnen. Beides gelingt nach einigen Schwierigkeiten recht gut, aber die Geschehnisse lehren den jungen Mario, dass Geduld mehr ist als eine Episode. Geduld ist eine Lebensaufgabe! Der Roman endet in der Zeit des Militärputsches durch General Pinochet im Jahr 1973. Pablo Neruda stirbt wenige Tage nach der Machtergreifung, Mario Gimenez wird verschleppt, sein Gedicht, für das er bei einem Wettbewerb den ersten Preis bekommen hat, fällt der Zensur zum Opfer. Kein happy end im Sinne von Hollywood – und doch finde ich den Titel „Mit brennender Geduld“ in diesem berührenden Roman bestätigt: Es gibt eine Geduld, eine Patientia, die Menschen Kraft geben kann, auch unter widrigsten Umständen nicht klein beizugeben, sondern eine Idee, eine Vision durchzutragen und Widerstände zu ertragen.

Für mich gilt das in den kleinen und großen alltäglichen Widrigkeiten, es gilt für die Ernüchterung, dass sich große Lebensträume zu Lebzeiten nicht immer verwirklichen lassen.

An Weihnachten feiern Christen, dass Gott sich in diese Welt hineinbegeben hat mit Haut und Haar: um mitzutragen, was Menschen tragen; mitzuleiden, was Menschen leiden, ja sogar den Tod der Menschen mitzusterben. Durch diese Patientia, durch seine Geduld und seine Leidenschaft für die Menschen hat er etwas bewegt. Grund genug, sich diese Lebensweisheit wieder neu ins Stammbuch zu schreiben:
Geduld mit Welt und Menschen, Geduld mit mir selbst und nicht zuletzt – wie der tschechische Priester Thomas Halík in seinem Buchtitel formuliert – nicht selten auch Geduld mit Gott!

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 17.12.2019 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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