Feiertag, 25.12.2019

von Sabine Pemsel-Maier, Freiburg

„Der große Gott wird ein kleines Kind.“ Weihnachtliche Theo-Logie

An Weihnachten richten sich alle Augen auf das Kind in der Krippe. Dabei zeigt sich dort nur die Hälfte von Weihnachten. Es bedarf einer buchstäblich „theologischen“ Betrachtung des Hochfestes, um Weihnachten fassen zu können.

© Jeswin Thomas / Pexels

„Zu Bethlehem geboren ist uns ein Kindelein“.

Im Zusammenhang mit Weihnachten sprechen wir, wenn wir nicht gerade mit den Geschenken, dem  Festmenü, den lieben Verwandten oder dem Skiurlaub beschäftigt sind, über das Kind, das Jesuskind oder, besonders wenn wir es mit Kindern zu tun haben, über das Christkind. Auch die bekannten Weihnachtslieder sind ganz auf das Kind hin orientiert:

„Alle Jahre wieder kommt das Christuskind“, „Still, still, still, weil's Kindlein schlafen will“,  „Das Kind in der Krippe, auf Heu und auf Stroh“, „holder Knabe im lockigen Haar“, „Euch ist ein Kindlein heut' gebor'n, von einer Jungfrau auserkor'n, Ein Kindelein, so zart und fein, das soll eur' Freud' und Wonne sein“.

Diese Konzentration auf das Kind ist natürlich nicht verkehrt. Sie gerät allerdings in eine gewisse Einseitigkeit, wenn so getan wird, als gehe es nur um das Kind – und nicht auch um denjenigen, der hinter diesem Kind steht: Gott.  

Wer Weihnachten feiert – und nicht bloß konsumiert –  bekommt es notwendigerweise mit Gott zu tun. Denn an Weihnachten kommt Gott zur Welt – im zweifachen Sinn des Wortes: Er geht in die Welt ein und er wird geboren als Kind. Von diesem Kind glauben Christen,  dass es Gottes Sohn ist. Von Gott bekennen sie, dass er sich in diesem Kind offenbart, dass er in ihm Mensch wird. Wer das Besondere an Weihnachten nur in Jesus und dem Christkind sieht und nicht von dort aus den Blick auf Gott richtet, sieht nur die Hälfte. Wer Weihnachten nur christologisch deutet und nicht auch im wahren Sinn des Wortes „theo-logisch“, von Gott her und auf ihn hin, hat nur die halbe Wahrheit erfasst.

Gott wird Fleisch

Bei Matthäus steht nicht die Geburtserzählung, sondern der Stammbaum Jesu und die unverhoffte und nicht zu begreifende Schwangerschaft der Maria im Vordergrund. Das sogenannte Weihnachtsevangelium des Lukas, das erzählt vom Kind in der Krippe und vom Stall, aber ganz und gar nicht im Sinne einer naturverbundenen Idylle, sondern als letzte Notlösung auf der Reise, weil alle Herbergen belegt sind und niemand eine Gebärende aufnehmen wollte. Das Johannesevangelium schließlich spricht von der Fleischwerdung des göttlichen Logos. Mit anderen Worten: Gott ist keine nur geistige Größe, sondern er hat Hand und Fuß bekommen, er hat sich verleiblicht und ist dadurch den Menschen unglaublich nahe gekommen, ist ihnen im wörtlichen Sinne auf den Leib gerückt. 

Fleisch – dieses Wort klingt nach. Dem Verfasser des Johannesevangeliums reicht es nicht zu sagen: Gott ist Mensch geworden. Nein, er ist Fleisch geworden. Der theologische terminus technicus für diese Fleischwerdung lautet „Inkarnation“, wörtlich „Einfleischung“, abgeleitet vom lateinischen „carne“. Mit diesem Begriff belegt das Neue Testament den Menschen in seiner Vergänglichkeit, Hinfälligkeit und Sterblichkeit. „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras, so wie des Grases Blumen“, heißt es am Beginn des ersten Petrusbriefes, von Johannes Brahms in seinem deutschen Requiem meisterhaft vertont. Eben diesen Weg der Hinfälligkeit und Sterblichkeit nimmt Gott mit der Menschwerdung und Fleischwerdung auf sich.

Ein solcher Gott eröffnet uns eine tiefe Weisheit über das Menschsein: Mensch werden heißt im Sinne der Menschwerdung, sich einzulassen auf diese Welt und die anderen,  bis ins letzte zu lieben, sich auszusetzen, sich angreifbar und verwundbar zu machen, mitzuspielen. Der so salopp dahingesagte bekannte Spruch „Mach´s wie Gott – werde Mensch“ erhält dadurch eine ganze neue Ernsthaftigkeit. Und nicht zuletzt meint Menschwerden im vollen Sinne auch, Kind zu werden.

„Rohes Kinderfleisch“ und Marias Schenkel

Wahrscheinlich haben sich die Gewohnheitschristen, zu denen viele von uns zählen, und hat sich auch die Theologie allzu sehr an den Gedanken der Inkarnation gewöhnt. Die moderne Weihnachtslyrik dagegen hat den anstößigen Charakter, der der Fleischwerdung zu eigen ist, weitaus stärker bewahrt. Die zweite Strophe des Gedichtes „Weihnacht“ von Günter Kunert lautet:

„Was hier als Zeichen in der Wiege ruht,
Jahrhundert um Jahrhundert fromm verehrt;
ein bisschen Fleisch und Bein und Blut ist allemal auch uns beschert.“

Was hier nur angedeutet, aber nicht weiter ausgeführt wird, macht Paul Konrad Kurz zum Thema, überschrieben mit dem bezeichnenden Titel „Das Bündel Gottes“:

„Ein bisschen Fleisch,
wie Menschenfleisch und rohes Kinderfleisch,
kaum anzufassen, die Augen noch geschlossen,
das bisschen Brust zerbrechlich und eingepackt im Schlaf.

Ein Nacktes, wie lämmernackt und sperlingsnackt im Nest.
Ein Wurm zum Wickeln für eine Mädchenmutter,
die kniet und wieder kniet und ihre Sinne martert
und nicht begreifen kann das Bündel Gottes.“

Der Text beschwört krasse Bilder herauf: Menschenfleisch – rohes Fleisch – Nacktheit – Wurm: Das lässt wenig an Weihnachten denken – eher an Gewalt, Tod, an den gewaltvollen Tod am Kreuz, den der Mensch Jesus, dessen Geburt da geschildert wird, am Ende erleidet. Kurz, ein christlicher Schriftsteller, spielt mit den Motiven: „lämmernackt“ erinnert an das Opferlamm, zu dem das Neugeborene später werden wird. Und zugleich beschwört er die unglaubliche Zartheit und Schutzbedürftigkeit dieses Kindes herauf: „zerbrechlich“ ist es, eingepackt, die Augen hat es, wie alle Neugeborenen, geschlossen,  kaum lässt es sich anfassen, wie ein Vögelchen im Nest – „sperlingsnackt“, seine Mutter ein junges Mädchen, das nicht weiß, wie ihm geschieht und nicht begreifen kann, dass Gott als „Bündel“ vor ihm liegt.

Da fügt sich ein bekannter Weihnachtstext des evangelischen Pfarrers und Schriftstellers Kurt Marti an, der da lautet: 

„Damals – als Gott im Schrei der Geburt
die Gottesbilder zerschlug
und zwischen Marias Schenkeln runzelig rot das Kind lag“.

An Weihnachten es zu wagen, von Marias Schenkeln, dem Geburtsschrei und einem runzelig-roten Kind zu sprechen, wirkt irgendwie ungehörig. Und doch gehört das alles untrennbar dazu. Aufmerken lässt Martis Satz: „als Gott die Gottesbilder zerschlug“: Ja, die typischen Vorstellungen von Gott, die wir Menschen in uns tragen – vom großen und allmächtigen Gott, dessen Stärke wir preisen, vor dem sich die Erde beugt und der die Feinde zum Erzittern bringt – diese idealtypischen Gottesbilder werden mit dem Schrei der Geburt in Frage gestellt, zerschlagen. Der große, unbegreifliche und unermessliche Gott kommt als kleines runzeliges Baby.

Kann ein Kind Gott verkörpern?

Ein kleines Kind ist der Anfang von etwas ganz Neuem. Mit ihm beginnt eine neue Geschichte, ein neues Leben. Darum ist mit jedem Kind eine große Verheißung verbunden. Es ist ein Hoffnungssymbol. Ein kleines Kind ist unschuldig. Seine Unschuld erlöst die Menschen vom Fluch der bösen Tat, die fortlaufend neues Böses hervorbringt. Und ein kleines Kind ist wehrlos, das Wehrloseste, was man sich vorstellen kann.

Zugleich eröffnen die Worte „Gott“ und „Kind“ einen diametralen Gegensatz, der alle Gottesbilder in Frage stellt. Kinder sind klein, ohnmächtig, verletzlich; Gott ist groß und mächtig. Wenn der christliche Glaube bekennt, dass Gott als Kind kommt oder ein Kind wird, sagt er mit aller Deutlichkeit aus: Gott wechselt die Seiten: Von groß zu klein. Von oben nach unten. Vom Himmel auf die Erde. Von der Unendlichkeit in die Endlichkeit. Von der Transzendenz in den Stall von Nazareth. Von der Ewigkeit in die Zeitlichkeit. Von der Stärke zur Schwachheit. Vom undurchdringlichen Licht zur Windel.

Die Windel ist nicht nur eine weihnachtliche Zutat von höchster Anschaulichkeit, sondern vielleicht das krasseste Weihnachtssymbol. Denn Windeln, wenn sie gebrauchsgemäß  verwendet werden, stinken. Sie von Gott fernhalten zu wollen und nur dem kleinen Menschlein Jesus anzuziehen, ist theologisch nicht zulässig, wenn es gilt, dass Jesus, der verheißene Christus und Erlöser wahrer Mensch und wahrer Gott ist. Und zwar unvermischt und unverwandelt, ungetrennt und ungeteilt, wie die Glaubensformel von Chalcedon festschreibt und wie es bis heute das Glaubensbekenntnis bezeugt.

Von der Krippe ans Kreuz

Vom undurchdringlichen Licht zur Windel: Das christliche Gottesverständnis kennzeichnet eine eigentümliche Dialektik. Es ist nicht nur die Dialektik von Gott und Kind, sondern später am Kreuz die Dialektik von Ehre und Schande, Leben und Tod, Höhe und Niedrigkeit. Mit ausdrucksvollen Worten formuliert dies der Christushymnus im zweiten Kapitel des Philipperbriefes:

„Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.“

Mit der  Auferweckung schlägt die Abwärts- und Abstiegsbewegung dann ins Gegenteil um:

„Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist“.

Der am Kreuz Erniedrigte wird erhöht, der als Gotteslästerer Verurteilte als Sohn Gottes ausgewiesen, der Getötete mit einem neuen Leben beschenkt, das den Tod nicht kennt, der Geschändete geehrt. Diese Dialektik macht das Spezifische der christlichen Gottesvorstellung aus und markiert zugleich den Unterschied zur Gottesvorstellung anderer Religionen.

Die Weihnachtsgeschichte steckt voller Widersprüche

Der Gott, an den Christen glauben, unterscheidet sich damit zugleich auch von der Vorstellung von einem über den Dingen stehenden, unveränderlichen und leidenslosen Gott. Ein Gott, der Mensch wird, begibt sich in das Spiel dieser Welt. Er hält sich nicht heraus, sondern spielt mit. Wer mitspielt, macht sich angreifbar und schmutzig, wird verletzlich und verwundbar. Gott präsentiert sich damit nicht als unveränderlicher und unwandelbarer Gott, sondern als Gott, der eine Geschichte hat und der Geschichte macht, nicht als „unbewegter Beweger“, wie Aristoteles seine Gottesvorstellung formuliert hat, sondern als einer, der sich bewegen lässt und bewegt wird, und zwar auf grausamste Weise. Das Ende am Kreuz ist damit nicht als Notwendigkeit, wohl aber als Möglichkeit im Blick. Ein solcher Gott ist nicht „a-pathisch“, nicht leidenschaftslos und leidenslos. Er steht dem Schicksal der Menschen nicht regungslos gegenüber, sondern lässt sich vom Leiden auf der Welt und vom Tod betreffen, bis ins Innerste hinein. Zugleich sind Leid und Tod nicht das letzte Wort. Der christliche Gott hat Macht über den Tod und eröffnet unbegrenzte Lebensmöglichkeiten über das irdische Leben hinaus.

Auch das bekannte Weihnachtsevangelium des Lukas lebt von Gegensatzpaaren, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Zunächst werden zwei Menschen einander gegenübergestellt und in eine Verbindung gebracht, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben: ein Baby und ein Weltherrscher. Die Erzählung wird eröffnet mit  Augustus, dem römischen Kaiser, Inbegriff der Macht und eines neuen Goldenen Zeitalters, das dem ganzen Reich Frieden und Wohlstand bringen soll, begleitet vom Beistand der römischen Götter. Ihm gegenüber steht ein Neugeborenes, wie so viele andere, aus einer normalen Familie stammend, zum falschen Zeitpunkt in ärmlichsten Verhältnissen zur Welt gekommen. Hier die Weltgeschichte – dort die Geburtsgeschichte, hier ein Kaiser – dort ein Kind, hier das Zentrum der Antike – dort das Provinzstädtchen Bethlehem, hier Quirinius, der kaiserliche Statthalter in Syrien – dort die Hirten, hier ein Imperium – dort ein Stall, hier der Glanz Roms – dort die Armseligkeit einer Krippe, hier die weltliche Macht – dort die absolute Machtlosigkeit.

Und ausgerechnet von diesem Kind wird verheißen, dass es zum Erlöser und Retter der Welt werden wird – das neugeborene Kind, nicht der römische Kaiser. Dem Kind wird der Beistand seines Gottes zugesagt, nämlich des Gottes Israels, der sich als Jahwe, als „Ich bin da“ geoffenbart hat. Mit ihm wird eine neue Herrschaft und ein neues Reich anbrechen: kein normales Königreich wie die anderen, sondern Gottes Reich und Gottes Herrschaft. Mit ihm wird eine neue Zeit beginnen, die später sogar zu einer neuen Zeitrechnung führen wird. Denn Kind, Stall, Krippe und Hirten, stehen nicht einfach nur für die Niedrigkeiten des menschlichen Daseins. Nein, in ihnen leuchtet eine andere Wirklichkeit auf, die Wirklichkeit Gottes, der sich, indem er Mensch wird, ganz auf diese Welt einlässt und sie dadurch verwandelt. Lukas stellt dem Kaiser den „Herrn“ und „Retter“ entgegen, dem Statthalter Quirinius den „Engel des Herrn“, dem Glanz Roms den „Glanz des Herrn“, den römischen Soldaten das „große himmlische Heer“, der Furcht die „große Freude“, der Steuerschätzung, die Josef und Maria zu ihrer Reise veranlasst hat, den Lobpreis Gottes, der „pax romana“, nur durch starkes militärisches Potential zu realisieren, den von Gott geschenkten Frieden. Wenig später stimmt Maria jenes Lied an, das als Magnificat in die Geschichte eingehen sollte. In ihm besingt sie die Umkehr der herkömmlichen Macht- und Besitzverhältnisse: Die Hochmütigen werden zerstreut, die Mächtigen vom Thron gestürzt, die Niedrigen erhöht, die Reichen fortgeschickt. Die Macht der Mächtigen wird gebrochen, unterdrückte Sklaven und unterdrückende Herren tauschen ihre Rollen.

Die mittelalterliche Theologie und vor allem Martin Luther sprechen davon, dass sich in Jesus Christus Gott „sub contrario“ offenbart, „in der Weise des Gegenteils“: Gott – die All-Macht, größer als alles Denkbare, zeigt sich anders als wir dies erwarten, nämlich als bescheidener, demütiger, sich in die Niedrigkeit der Welt einlassender Gott, der sich in seiner Menschwerdung Krankheit, Einsamkeit, Hunger, Durst, Lieblosigkeit, Gewalt und schließlich sogar dem Tod aussetzt. Das verändert alles: Maria, eine bis dahin unbekannte junge Frau, tritt aus dem Schatten der Bedeutungslosigkeit. Arme Hirten sehen das Wunder als erstes und werden vom Glanz Gottes erleuchtet. Ungebildete versetzen mit ihren Worten die Menschen in Staunen, Alte beginnen prophetisch zu predigen.

Gott kommt nicht gewaltig und machtvoll, sondern als liebender und damit als von Angst befreiender Gott. So und nur so geschieht Erlösung nach christlichem Verständnis: Nicht durch einen mächtigen Eingriff Gottes in diese Welt, sondern als Verwandlung durch Liebe, nicht von außen, sondern gewissermaßen von innen heraus. Um die Menschheit zu erlösen, um den Graben zwischen Gott und den Menschen zu überwinden und zu zeigen, wie das Leben im Sinne Gottes gelingen kann, wählt Gott den Weg menschlichen Lebens, das im Mutterschoß beginnt und als Neugeborenes in die Welt tritt.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 25.12.2019 gesendet.


Über die Autorin Sabine Pemsel-Maier

Sabine Pemsel-Maier aus Freiburg ist Professorin an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Sie studierte katholischen Theologie, Philosophie, Pädagogik und Germanistik; Promotion in ökumenischer Theologie. Außerdem übte Sie verschiedenste Tätigkeiten in Schuldienst, Lehrerausbildung, Erwachsenenbildung und Wissenschaft aus. Ihre Schwerpunkte sind: Ökumenische Theologie, Genderfragen, Religionspädagogik, Themen im Schnittfeld von systematischer und religionspädagogischer Theologie.

Kontakt
pemsel-maier@ph-freiburg.de

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