Am Sonntagmorgen, 15.12.2019

von Sabine Demel, Regensburg

"Bist Du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?" (Mt 11,3) Die verrückte Botschaft von Weihnachten

Es ist schon ein wenig armselig, wie Gott durch Jesus Mensch wurde. Die Umstände seiner Geburt sind aber weise gewählt: Damit hat Gott die Maßstäbe verschoben, um den Menschen eine wichtige Botschaft zu verkünden.

© Marion Sendker

Geht es Ihnen ähnlich wie mir? Eigentlich soll die Weihnachtszeit eine ruhige und besinnliche Zeit sein, doch tatsächlich geht es in ihr meist hektischer und stressiger denn je zu! Ein friedliches Fest im Kreis der Familie oder liebgewonnener Menschen wird erwartet, doch dann geraten ausgerechnet an Weihnachten viele Familien in Streit. Und wie viele Menschen fühlen sich gerade zum Fest einsam und verlassen. Das kann doch nicht das Weihnachten sein, auf das wir uns das ganze Jahr hin sehnen – oder?! Was feiern wir eigentlich an Weihnachten?

„Dass Gott Mensch geworden ist“, werden viele von Ihnen richtig antworten. Doch was bedeutet das eigentlich für uns? Was heißt das für mein Leben?

Ist Jesus wirklich der Retter der Welt?

Im Neuen Testament der Bibel ist uns eine ähnliche Frage überliefert. Da wird Jesus von Johannes dem Täufer gefragt: „Bist Du es, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“

Diese Frage des Johannes erstaunt. Denn Johannes der Täufer war ein Prophet, also ein Mahner und Verkündiger Gottes. Deshalb widmete er sich mit seinem ganzen Leben der Aufgabe, den Menschen seiner Zeit zu verkünden: Der Anbruch der Gottesherrschaft steht unmittelbar bevor! Jesus, der Messias ist nahe! Tut daher Buße und kehrt um, damit ihr im endzeitlichen Gericht Gottes bestehen könnt! Als Johannes dabei auch König Herodes wegen seines Ehebruchs kritisierte, wurde er verhaftet und landete im Gefängnis. Dort saß er nun und konnte nichts mehr ausrichten. Kein Wunder, dass er da ins Grübeln gekommen ist und sich plötzlich Fragen über Fragen breit gemacht haben: Warum befreit mich nicht der Retter der Welt? Warum passiert überhaupt so wenig? Wo bleibt der große Umschwung? Es müsste doch schon längst so richtig losgehen – mit dem Anbruch des Gottesreiches! Die Machthaber müssten vom Thron gestoßen sein und die Armen befreit sein! 

Aber nichts davon geschieht. Johannes kann es nicht glauben. Er weiß nicht mehr, was stimmt. Also schickt er seine Freunde los und lässt sie direkt Jesus die alles entscheidende Frage stellen: „Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen andern warten?“ Bist du es wirklich, der die Welt rettet?

Ist Jesus Gott oder nur ein Mensch?

Heute würden wir die Frage vielleicht so formulieren. „Wer bist Du eigentlich, Jesus? Bist Du wirklich Gott? Oder bist Du auch nur ein Mensch? Was habe ich davon, wenn ich an Dich glaube? Bringst Du mir Wohlstand, Geborgenheit und alles, was sich sonst noch zum Glücklichsein brauche? –  Warum geht dann aber so vieles schief in der Welt und auch bei mir? Warum gibt es so viel Misserfolg, Verbrechen, Unglück und Leid?“

Die eindrücklichste Antwort auf diese Fragen ist das, was wir an Weihnachten feiern:

Schon der Zeitpunkt dieses Festes ist so aussagekräftig. Der ehemalige Bischof von Limburg, Franz Kamphaus, hat das einmal sehr treffend auf den Punkt gebracht:

„Eine der längsten, tiefsten Nächte des Jahres haben wir zu einem der größten Feste unseres Glaubens gemacht! Das ist schon irre! Christen glauben, dass Gott in der schwärzesten Nacht in unsere Welt kommt. Er schaut nicht kurz bei Tageslicht herein. Nein, er sucht uns in der dunkelsten Nacht auf.“

Stellen auch wir uns der Nacht und der Dunkelheit!

Weihnachten feiern heißt deshalb für Christen, sich der Nacht stellen. Christen reden sie nicht herbei, aber wir weichen ihr auch nicht aus. Würden wir sie abspalten und verdrängen, dann ist nicht mehr Weihnachten. Wie die Nacht im Wort steckt, so steckt die Nacht in uns, in ihrer ganzen Abgründigkeit. Und was machen wir mit der Nacht in unserem Leben? Was machen wir mit den Nachtseiten unseres Lebens? Unser Dasein, unsere Zukunft, unser Leben und unser Glaube – kurzum: Alles in unserem Leben – wird oberflächlich, wenn wir die Nachtzeiten unseres Lebens ausblenden, gar aus Angst, wir könnten sie uns selbst nicht zumuten, unseren Mitmenschen nicht zumuten und erst recht Gott nicht zumuten. Doch gerade in sie, in die Nachtzeiten unseres Lebens hinein, ist Gott geboren!

Das heißt: Gott ist in unseren Abgründen und Tiefenschichten anwesend. Darin zeigt sich gerade die Stärke des christlichen Glaubens: Er setzt sich der Finsternis aus![1]

Gott ist nicht ein Schönwettergott, sondern ein Gott, der in das Dunkel der Welt zu uns kommt. In die Finsternis unseres Lebens, in die Abgründe unserer Hoffnungslosigkeit. Gott meidet nicht das Dunkel, nicht die Finsternis, nicht die Abgründe, sondern im Gegenteil: Er setzt sich diesen aus – das feiern Christen an Weihnachten.

Gott wird Mensch: Verrückt?

Aber es geht noch um viel mehr an Weihnachten. Nämlich: WIE er sich unserem Dunkel und unseren Abgründen aussetzt. Er tut es nämlich nicht als allmächtiger Gott, der über aller Unbill der Welt und des Lebens steht, sondern er kommt als einer von uns. Eben nicht als Gott, nicht als Machthaber, nicht als Guru, sondern als einfacher und normaler Mensch wie Du und ich!

Gott wird Mensch in das Dunkel unseres Lebens hinein. Er nimmt das, was zum Menschsein gehört – das Dunkel, das Leid, die Einsamkeit, den Tod – nicht einfach weg wie ein Zauberer, sondern begibt sich vielmehr mitten hinein.

„Gott gibt seine Macht auf, um dem Menschen sein Mensch-Sein zu ermöglichen. Und deshalb bleibt er nicht unbeteiligter Zuschauer, sondern Gott geht mit. Er geht mit den Menschen durch das Dunkel hindurch.“

So hat die Schriftstellerin Andrea Schwarz die Botschaft von Weihnachten zusammengefasst.[2]

Gott kommt zu uns Menschen als Mensch! Gott wird Mensch. Das ist eigentlich schon verrückt. 

Gott kommt als Kind, damit wir keine Angst haben

Doch für Gott offensichtlich noch nicht verrückt genug. Denn er hat das Verrückte seiner Menschwerdung noch gesteigert. Wie? Er ist Mensch geworden als ein kleines Kind! Gott wird ein Kind.

Warum tut er das? Und was ist daran so verrückt?

Wenn wir ehrlich sind, wissen wir das natürlich nicht. Aber wir können darüber nachdenken, was es für uns bedeutet, dass Gott als kleines Kind zu uns kommt.

Also eines ist hier sicher – das wissen wir alle aus Erfahrung: Vor einem kleinen Kind hat niemand Angst. Ein Kind weckt in uns die positiven Kräfte: Vertrauen, Hoffen, Liebe, Staunen, Freude, Dankbarkeit, Verantwortung.

Ob Gott ein kleines wehrloses Kind geworden ist, um uns die Angst vor IHM zu nehmen? Die Angst vor einem übermächtigen Gott, der alles sieht, auch was in dunkler Nacht geschieht? Der unser Tun bis ins Letzte kontrolliert und mit Argusaugen festhält, was wir falsch machen, um einmal mit uns genauestens abrechnen zu können?

Wie viele Neurosen und Psychosen sind im Grunde Ausdruck eines Leidens unter solchen Gottesbildern! Doch Weihnachten befreit uns von solchen Angst einflößenden Bildern. Denn Gott will uns nicht überwachen, nicht kontrollieren, was wir tun, sondern Gott will wie ein Kind Vertrauen schenken, Hoffnung geben, Freude bereiten, uns zur Verantwortung ermutigen.

Trostlos kam Gott zur Welt

Mit dieser verrückten Botschaft von der Menschwerdung Gottes als kleines Kind inmitten der tiefsten Nacht ist das Weihnachtsfest aber immer noch nicht voll ausgeschöpft.

Denn ein Aspekt fehlt noch. Nämlich der Stall, in dem Gott nachts als kleines Kind zur Welt kommt. Nicht in einem Palast, nicht in einer Wohnstatt, sondern in einem Stall. Es nehmen ihn nicht gut situierte Eltern in den Arm, sondern Flüchtlinge ohne Besitz und Habe.

Oder wie Andrea Schwarz es formuliert: „Nicht Prunk und Macht, Größe und Anbetung“ sind bei der Menschwerdung Gottes im Spiel, sondern „eine im wahrsten Sinne des Wortes abgrundtiefe Solidarität mit dem Menschen in all seiner Gebrochenheit und Armseligkeit.“[3]

Und damit haben wir nun die ganze Botschaft von Weihnachten zusammen: Gott ist Mensch geworden – nicht an einem sonnigen Festtag, nicht als Machthaber, nicht in der trauten Umgebung glücklicher Eltern und nicht in einem gemütlich eingerichteten Einfamilienhaus, sondern: Gott ist Mensch geworden mitten in dunkler Nacht als bedürftiges Kind armseliger Eltern in einem unbehausten Stall.

Gibt es etwas Trostloseres und Hoffnungsloseres, als so auf die Welt zu kommen – dazu noch als leibhaftiger Gott?!  Und doch ist gerade daraus ein Fest entstanden! Das Fest der Hoffnung und des Vertrauens, der Liebe und des Friedens. Verrückt – oder? Was für ein verrücktes Fest! Was für eine verrückte Tat! Was für ein verrückter Gott! 

Was die Kirche heute aus Weihnachten lernen kann

Wenn Gottes Liebe sich so etwas Verrücktes ausgedacht hat, ein ohnmächtiges Kind zu werden mitten im trostlosen Dunkel, inmitten der verwirrenden Machtstrukturen dieser Welt, sollten da nicht auch die Maßstäbe dieser Welt, und erst recht dieser Kirche „ver-rückt“ werden? Kommt nicht dann vor dem Haben das Sein? Vor dem Machen das Empfangen? Vor der Leistung das Angenommen sein? Vor dem Richten das Aufrichten? Vor dem Schätzwert des Menschen die Wertschätzung? Vor der Moral die Liebe?

Bevor ein Kind etwas leistet, wird es von seinen Eltern schon geliebt. Noch bevor wir etwas vor Gott leisten und uns auf die mühsamen Spuren der Nachfolge einlassen, sind wir schon geliebt.

Bethlehem – ein „ver-rückter“ Ort, den sich die Liebe Gottes ausgedacht hat. Manchmal wünsche ich mir auch für die Kirche ein bisschen mehr von diesem „Ver-rückt-Sein“. Kirche muss ja nicht immer im Glanz von Jerusalem oder Rom stehen, in der Pracht eigenen Leuchtens, im Geruch der Heiligkeit und Unfehlbarkeit. Warum sollte sie nicht auch den Stallgeruch von Bethlehem verraten; die eigene Armut und Armseligkeit, das Zugeständnis eigenen Scheiterns und der Hilfsbedürftigkeit? Kirche als „ver-rückter“ Ort, wo vor der Leistung die Liebe kommt?

Gott hat mit dem Geschehen in Bethlehem die Maßstäbe „ver-rückt“: Vor der Leistung kommt das Angenommensein, die Liebe. Das klingt schön und gut. Aber es ist keineswegs einfach und ungefährlich. Denn wir alle wissen: Dieser Maßstab wird dem kleinen Kind im Stall später das Leben kosten, und zwar auf grausamste Art und Weise.

Und trotzdem: An diesem Maßstab, dass vor der Leistung die Liebe kommt, richten sich bis heute Menschen auf, fassen Hoffnung, finden Frieden, Trost und Heilung. Bester Beweis dafür ist, dass Weihnachten nicht nur ein Fest der Christen geblieben ist, sondern zu einem weltweiten Fest geworden ist. Weihnachten wird auch dort und von denen gefeiert, wo der christliche Glaube keine Rolle spielt.  

Weihnachten auch für Nicht-Christen

Kein Wunder – wie Hildegund Keul feststellt! Die Theologin meint: Die humane Botschaft von Weihnachten „kann man auch verstehen und wertschätzen, wenn man selbst nicht zum Christentum gehört. […] Denn hier geht es um ein christliches Fest, das über sich selbst hinausweist und die Grenzen der Religionsgemeinschaft überschreitet, indem es auf die Humanität menschlichen Lebens hinweist. Mit Weihnachten wird das Christentum kulturprägend. Und umgekehrt: Das Weihnachtsfest wird zu einem Weltkulturerbe der Menschheit. Symbolisch wird dies deutlich am bekanntesten Weihnachtslied ‚Stille Nacht‘, das mittlerweile in mehr als 300 Sprachen übersetzt ist und gesungen wird. Es gehört zum immateriellen UNESCO- Kulturerbe.“[4]

Haben Sie es schon einmal bemerkt? Auf den Krippenbildern alter Meister wird der Stall in der Nacht nicht von außen angestrahlt, etwa von einem Stern, sondern von innen her erleuchtet, vom Kind in der Krippe. Mit ihm ist uns ein Licht aufgegangen. Mit Jesus ist uns das Licht aufgegangen. Ob wir die Fenster unserer Seele und unserer Welt offenhalten, dass er uns einleuchtet?[5]

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


[1] Text nach Bischof Kamphaus: Die schwärzeste Nacht, in:  Kamphaus, Franz, Lichtblicke. Jahreslesebuch, Freiburg i. Br. 2001, 387.

[2] Schwarz, A., Wenn ich meinem Dunkel traue. Auf der Suche nach Weihnachten, Freiburg im Breisgau, 2. Auflage 1999, 86.

[3] Schwarz, A., Wenn ich meinem Dunkel traue. Auf der Suche nach Weihnachten, Freiburg im Breisgau, 2. Auflage 1999, 85.

[4] Keul, H., Weihnachten - Das Wagnis der Verwundbarkeit, Ostfildern 2013, 133.

[5] Vgl. Bischof Kamphaus: Die schwärzeste Nacht, in:  Kamphaus, Franz, Lichtblicke. Jahreslesebuch, Freiburg i. Br. 2001, 387.


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Dieser Beitrag wurde am 15.12.2019 gesendet.


Über die Autorin Sabine Demel

Sabine Demel, geboren 1962, ist promovierte und habilitierte Theologin und seit 1997 Professorin für Kirchenrecht an der Universität Regensburg. Sie ist Mitbegründerin des Vereins AGENDA-Forum katholischer Theologinnen und des Vereins DONUM VITAE zur Förderung des Schutzes des menschlichen Lebens in Bayern e. V. sowie Vizepräsidentin der „Herbert Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche“. Ihre Forschungsschwerpunkte sind das Verhältnis von Theologie und Recht, Beteiligungsstrukturen in der Kirche  und die Ökumene. Sie tritt für eine lebensnahe Auslegung der kirchlichen Gesetze ein und will aufzeigen, wie Recht in der Kirche zu Frieden und Freiheit beitragen kann.

Kontakt
sabine.demel@ur.de

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