Wort zum Tage, 28.12.2019

von Martin Korden, Köln

Kein Weihnachtswunder?

Auch wenn die Kirche weiterhin Weihnachten feiert - genauer gesagt noch bis zum Sonntag nach Dreikönig – so ist das Fest für viele doch gefühlt schon wieder vorbei. Der Alltag kehrt so allmählich wieder zurück. Und beinahe ist es, als wäre nichts gewesen. Dabei feiern Christen an Weihnachten doch eigentlich das Kommen Gottes in die Welt. Und in der Adventszeit heißt es immer wieder, man solle sich vorbereiten auf Gottes Ankunft, der immer wieder neu im je eigenen Leben der Menschen ankommen will. So werden sich selbst unter den Christen heute wohl viele eingestehen: Gott ist mir schon wieder nicht näher gekommen. Ich habe jedenfalls kein Zeichen entdeckt, wodurch mein Glaube zu Gott nun stärker geworden wäre.

Würde mir der Glaube wirklich einfacher fallen, wenn Gott sich mir an Weihnachten zu erkennen gegeben hätte etwa durch ein eindeutiges Zeichen? Durch eine Art von Weihnachtswunder etwa, das in so vielen Weihnachtsfilmen beschworen wird und sich dann oft ja auch tatsächlich irgendwie einstellt. Und selbst wenn sich nun zum Fest ein besonderes Gefühl inneren Friedens eingestellt hätte, wie lange würde der so bestärkte Glaube eigentlich anhalten bevor der Zweifel wieder siegt?

Vielleicht ist es ja umgekehrt: Je mehr wir glauben und vertrauen, desto mehr Zeichen entdecken wir. Ich behaupte: Wer mit Gott in seinem Leben rechnet, der nimmt die Wirklichkeit um sich herum anders wahr. Der wird sensibel für Ereignisse um sich herum, der traut möglicherweise einer inneren Eingebung mehr, einem nachklingenden Traum oder einer verlockenden Idee. Er erkennt Zusammenhänge und deutet das Erlebte als mögliche Fügungen eines mitgehenden Gottes. Denn Glauben heißt, zu deuten wagen. Glauben bedeutet, die Erfahrungen des Alltags auf Gott hin zu öffnen.

Wenn Menschen mit Gott in ihrem Leben rechnen, berichten sie aber nicht etwa von großartigen oder überwältigenden Ereignissen, sondern mehr von kleinen Erfahrungen, die ihnen eher zufällig zugefallen sind. Gott wählt den Weg der leisen Wunder, heißt es dann. Wunder, die Raum zur Freiheit und zur Entscheidung lassen, die Glauben eben nicht erzwingen.

Aber wer mit dieser Deutung durchs Leben geht, wer also mit Gott rechnet, der sollte auch etwas erwarten. Denn je weniger ich erwarte, umso weniger wird möglich. Dann fehlt es mir an der nötigen Offenheit, mit Überraschungen zu rechnen. Am Ende bin ich es dann selbst, der eine Erfahrung verhindert, weil ich sie gar nicht mehr erwarte.

Die Botschaft von Weihnachten lautet: Gott kommt leise und anders als erwartet, aber er kommt. Und vielleicht ist er mir ja an diesem Weihnachtsfest ja doch ganz nahe gekommen.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 28.12.2019 gesendet.


Über den Autor Martin Korden

Martin Korden, geboren 1980 in Adenau, ist Beauftragter der Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur und Deutsche Welle. Nach dem Abitur absolvierte er im Rahmen seines Wehrdienstes eine erste Hörfunkausbildung beim Truppenbetreuungssender „Radio Andernach“. Anschließend studierte er in Trier und Brixen Katholische Theologie und schloss 2006 mit dem Diplom ab. Das journalistische Volontariat absolvierte er bei der Katholischen Fernseharbeit in Frankfurt am Main. Neben der Aufgabe als Senderbeauftragter ist er seit vielen Jahren für DOMRADIO.DE in Köln und für die Katholische Fernseharbeit tätig. Kontakt: m.korden@dbkradio.de

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